Beste Fabrik: Die Werkstätten werden sauberer und schlauer

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Beste Fabrik: Die Werkstätten werden sauberer und schlauer

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1. Platz. BMW: Werksleiter Manfred Erlacher, Meister Jan Müller und Hanne Dinkel, zuständig für Produktionssteuerung und Strukturplanung nutzen das Potenzial der Belegschaft

von Kristin Schmidt und Manfred Engeser

Eigenverantwortliche Mitarbeiter, effiziente Abläufe, nachhaltige Produktion: Die Sieger des Wettbewerbs „Die Beste Fabrik“ weisen den Weg in die Zukunft des Industriestandorts Deutschlands.

Mal nahmen sie sich zu wenige aus dem Regal, mal zu viele, mal die falschen. Mal drückten sie sie nicht richtig in die vorgestanzten Löcher. Und manchmal landeten ein paar von ihnen gar lose im Innenraum: Meister, wir haben ein Problem – das wurde Jan Müller schnell klar, als sich die Fehlermeldungen an Abschnitt 20 des BMW-Werks Leipzig häuften. Dort, wo Bandarbeiter die bereits lackierte Karosserie mit Gummistopfen in Größen zwischen 17 und 20 Zentimeter Durchmesser abdichten sollen. Denn jedes zehnte Auto, das dort im Juni 2012 für 76 Sekunden zum Stehen kam, verließ die Station mit einem Fehler, der nachher mühsam beseitigt werden musste. Also entwickelte Karosseriemontagemeister Müller mit seinem Team innerhalb von vier Tagen ein neues System. Stellte einen Arbeiter ab, der Menge und Art der Gummistopfen für die Kollegen für jedes Modell mithilfe einer Schablone passgenau vorportionierte – je nachdem, ob gerade der X1 oder der 1er als Coupé, Cabrio oder als 5-Türer bestückt werden sollte. Doch die Fehlerquote blieb auch in den beiden Wochen danach hoch, war Thema in den täglichen Fünf-Minuten-Gesprächen mit den Vorarbeitern vor Schichtbeginn. Und fand unerbittlichen Niederschlag in den Produktionsprotokollen, die zu Meister Müllers täglicher Pflichtlektüre zählen.

„Wir mussten gegensteuern“, erinnert sich der 49-Jährige, der ein Team von 35 Mitarbeitern führt. Also rief er bei Annett Böttcher an. Die Maschinenbautechnikerin wird immer dann „von den Meistern gerufen, wenn nix mehr geht“. Sie ist Mitglied des sogenannten Poka-Yoke-Teams, einer Art mobiler Eingreifreserve, benannt nach der japanischen Managementmethode, die wörtlich für „unbeabsichtigte Fehler vermeiden“ steht.

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Das Zeugnis der Jury für BMW Quelle: WirtschaftsWoche

Das Zeugnis der Jury für BMW (Klicken Sie für eine detaillierte Ansicht bitte auf die Grafik)

Bild: WirtschaftsWoche

In einem dreitägigen Workshop entwickelte Böttcher mit mehreren Kollegen schließlich des Rätsels Lösung: einen mit Lichtdioden gesteuerten Materialwagen mit vier Knöpfen, einen für jede zu bestückende Modellvariante. Drückt ein Bandarbeiter auf den entsprechenden Knopf, leuchten genau die Fächer auf, in denen die benötigten Gummistopfen liegen.

Der Erfolg lässt nicht lange auf sich warten: Der für die Vorkommissionierung abgestellte Kollege steht längst wieder am Band, acht Wochen später ist die Fehlerquote um 70 Prozent reduziert, heute machen Bandarbeiter nur noch bei jedem 100. Fahrzeug einen Fehler und erledigen die Aufgabe außerdem zehn Prozent schneller als vorher.

„Der Ist-Zustand ist für uns stets der schlechteste“, beschreibt Werksleiter Manfred Erlacher das Motto der Leipziger BWM-Fabrik. „Es gibt immer was zu verbessern.“

Eine Einstellung, die den Einfallsreichtum seiner 3200 Kollegen anstachelt, die in dem von der renommierten Architektin Zaha Hadid erbauten, preisgekrönten und im März 2005 eröffneten Werk vor den Toren der Sachsenmetropole derzeit alle 76 Sekunden einen neuen BMW produzieren, deren Karosserien für alle Mitarbeiter und Besucher sichtbar durchs Zentralgebäude transportiert werden. Nach Einzelbüros sucht man in dem futuristischen Betonbau vergebens – sogar Werksleiter Manfred Erlacher sitzt inmitten seiner Kollegen. „Hier“, sagt Erlacher, „kann man sich nicht nicht einbringen.“

11.000 Ideen in gut 160 Workshops entwickeln die Kollegen hier pro Jahr, um Geschwindigkeit und Qualität der Produktion immer weiter zu verbessern – vom Entwickeln von Farbcodes bis hin zur Reduzierung von Rüstzeiten bei Werkzeugwechseln in der werkseigenen Presse, die anhand eigens gebauter Legomodelle durchgespielt werden. Und damit bis zu fünf Mal schneller sind als ihre Wettbewerber.

90 Prozent dieser Vorschläge werden umgesetzt, die meisten davon innerhalb einer Woche. Lohn der Mühe: In der Pannenstatistik des ADAC siegte der X1 in der Kategorie Untere Mittelklasse. Nicht zuletzt deshalb gilt der Standort Leipzig als eines der besten Werke im BMW-Konzern.

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