Der Fall Klaus Kleinfeld: Wie sich Manager gegen Erpressung wehren

Der Fall Klaus Kleinfeld: Wie sich Manager gegen Erpressung wehren

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Klaus Kleinfeld, jetzt Ex-CEO von Arconic, muss sich den Vorwurf der Erpressung gefallen lassen.

von Kerstin Dämon

Subtile Drohung, Spott oder Erpressung? Der Brief des ehemaligen Siemens-Chefs Klaus Kleinfeld an Fondsmanager Paul Singer kann – je nach Lesart – alles sein. Dass Manager häufig erpresst werden, ist dagegen sicher.

„Mehr als einmal habe ich mich gefragt, was für ein besonderer Mensch der Gründer eines solchen Unternehmens wohl sein muss“, schrieb der ehemalige Siemenschef Klaus Kleinfeld in einem Brief an den Manager des US-Hedgefonds Elliott, Paul Singer. Es habe ihn außerordentlich gefreut, von Kollegen aus Berlin einiges über den Fondsmanager zu erfahren, so Kleinfeld weiter. Dann beschreibt er, mal direkt, mal durch die Blume, was für ein Typ Singer wohl so sei. Er deutet an, Singer habe nach einem WM-Spiel mit Indianerschmuck auf dem Kopf in einem Springbrunnen gestanden und „Singing in the rain“ geträllert. Singer habe damit einen „tiefen Eindruck“ hinterlassen, ja, er habe sogar das Zeug zu einer Legende.


Wegen dieses Schreibens musste Kleinfeld seinen Posten als Vorstandsvorsitzender des US-Metallkonzerns Arconic aufgeben. Das Management von Elliott wirft ihm Erpressung vor.

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Dokument im Wortlaut Kleinfelds vergifteter Brief an Paul Singer

Ein Brief hat das Ende von Klaus Kleinfeld als Chef des Stahlkonzerns Arconic eingeleitet. Nun wurde das Dokument veröffentlicht – hier eine Übersetzung von Kleinfelds Schreibens an Elliott-Chef Paul Singer im Wortlaut.

Der Hedgefonds Elliott hat die Briefkorrespondenz um Paul Singer und Klaus Kleinfeld veröffentlicht.

Dass Manager erpresst werden, kommt häufig vor. "Wir beobachten eine deutliche Zunahme von öffentlich gewordenen Erpressungen persönlicher Art - also von Attacken, die im Kern gegen Einzelpersonen, nicht gegen das Unternehmen als Ganzes gerichtet sind", sagt Frank Roselieb. Er ist geschäftsführender Direktor des Krisennavigators, eines Instituts für Krisenforschung der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel. Außerdem ist er geschäftsführendes Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Krisenmanagement e.V.

"Hierbei unterscheiden sich die Inhalte meist regional: Im angloamerikanischen Raum geht es meistens um angebliche Skandale - also sexuelle Ausschweifungen oder Diskriminierungen, in deutschsprachigen Europa eher um angebliche Compliance-Fälle - also die falsche Reisekostenabrechnung oder den mutmaßlichen Insider-Handel", sagt er.

Cyber-Erpressungen werden häufiger

Außerdem nehmen Datenerpressungen zu, wie die Statistiken zeigen. Bei Cybererpressungen stehlen Hacker sensible Daten und drohen mit deren Veröffentlichung. Oder sie installieren Schadsoftware, die das Computersystem eines Unternehmens lahm legt. Nur wer zahlt, kann unbesorgt weiterarbeiten.

Klaus Kleinfeld Anspielung auf eine WM-Party 2006 kostete Arconic-Chef den Job

Arconic-Chef Klaus Kleinfeld ist offenbar wegen einer zweideutigen Bemerkung in einem Brief an den Hedgefonds Elliott gestolpert. Es geht um Erinnerungen an eine ausgelassene Feier während der Fußball-WM 2006.

Klaus Kleinfeld. Quelle: REUTERS

Die Unternehmen reagieren mittlerweile recht gelassen, erzählt Roselieb. "Während früher im Lichte solcher Enthüllungen sehr schnell der unternehmensweite Krisenfall aus Angst vor Reputationsverlusten ausgerufen wurde, übergibt man den Fall heute eher der Compliance-Abteilung zur internen Abwicklung." So manches Unternehmen hoffe darauf, so Roselieb, dass die Cybererpressung in der Vielzahl der Skandale und Compliancefälle untergehe, die das Dorf der Sozialen Medien unterhalten.

Auch bei Spitzen- und Führungskräfte beobachtet er, dass sie sich nicht verbergen, sondern direkt an die Öffentlichkeit gehen. Etwa über ein Statement auf ihrer Facebook-Seite oder ein kurzes Video.

Doch in allen Fällen – ob digitale Erpressung eines Unternehmens oder die analoge Erpressung einer Person – immer ist ein Sachverhalt mit einer Forderung verbunden: Wenn du nicht willst, dass x, dann zahle y. Dieses Motiv fehlt im Fall von Kleinfelds Schreiben. Womit es keine Erpressung wäre.

Mehr Intrige denn Erpressung

Gemäß der Psychologin Regina Michalik fällt das Verhalten Kleinfelds allerdings wie eine Erpressung unter die Kategorie der psychischen Gewalt. In ihrem 2011 erschienen Buch „Intrige: Machtspiele - wie sie funktionieren - wie man sie durchschaut - was man dagegen tun kann“ hat sie sich ausgiebig mit den verschiedenen Aspekten dieser Gewaltform auseinandergesetzt. „In der zweiten Kategorie, der psychischen Gewalt, finden wir immer noch die alten Klassiker: den anonymen Brief wie die Erpressung, Schikane und Sabotage, lächerlich machen und Druck ausüben“, schreibt sie. Eine besondere Kunst der Intrige sei das »Tot-Loben« – also eine „demonstrative, vermeintlich positive Sonderbehandlung, die im Rahmen von Mobbing bekannt und beliebt ist und in Intrigen als ein Werkzeug eingesetzt wird“, heißt es bei Michalik.

Folgt man ihrer Argumentation, könnte man Kleinfeld also Mobbing unterstellen: „In den letzten 18 Monaten hatten wir die unendliche Freude bei mehreren Treffen mit den verschiedensten Stellvertretern ihrer bemerkenswerten Firma deren einzigartige Aufmerksamkeit zu genießen“, heißt es in seinem Brief beispielsweise. Diesen Übertreibungen folgt eine Auflistung der vermeintlichen Fehltritte Singers. Nach Michaliks Definition soll Singer so zum „Opfer von Neid, Kritik und Spott“ gemacht werden.

Gehen Sie an die Öffentlichkeit

Was aber tun im Falle einer echten Erpressung? Krisen-Experte Roselieb rät zum Gang an die Öffentlichkeit- aus drei Gründen:

"Erstens wird der Öffentlichkeit signalisiert, dass man nichts verschweigen möchte, falls sich die Vorwürfe doch als wahr erweisen.

Zweitens ist der Erpresser in der Außenwahrnehmung immer noch eher der Verräter und Petzer, nicht der Aufdecker und Held. Man steht also als Erpresster im Zweifel immer auf der Seite der Guten.

Drittens nimmt man durch den Weg an die Öffentlichkeit dem Erpresser sein wichtigstes Druckmittel: Wenn der Fall bereits öffentlich ist, kann er kein "Schweigegeld" mehr verlangen."

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