Der Jargon der Wirtschaft: "Die meisten Manager reden erschreckend einfallslos"

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InterviewDer Jargon der Wirtschaft: "Die meisten Manager reden erschreckend einfallslos"

von Christopher Schwarz

Führungsfähigkeit beruht auf Sprachfähigkeit. Doch in den Unternehmen verkümmere die Sprache, sagt Philosoph Jürgen Werner: Die meisten Manager reden fantasiefrei.

WirtschaftsWoche: Herr Werner, kann es sein, dass Sie ein gestörtes Verhältnis zu Zahlen haben?

Jürgen Werner: Wie kommen Sie darauf?

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Weil Sie in Ihrem Buch „Tagesrationen. Ein Alphabet des Lebens“ in einem Kapitel über die Sprache der Wirtschaft schreiben: „Die Herrschaft der Zahlen hat dazu geführt, dass Buchstaben sich nicht mehr wie Buchstaben verhalten, sondern wie Zahlen.“ Das müssen Sie erklären.

Damit bezeichne ich einen imperialistischen Anspruch. Nicht die Zahlen sind das Problem. Aber deren Herrschaft. Vor allem in Lebenswelten, in denen sie ihr Talent, genau zu sein, gar nicht recht ausspielen können.

Zur Person

  • Der Sprachdenker

    Werner, Jahrgang 1956, berät Manager und lehrt Philosophie und Rhetorik an der Universität Witten/Herdecke. Soeben ist sein Buch „Tagesrationen. Ein Alphabet des Lebens“ im Verlag tertium datur erschienen.

Und zu diesen Lebenswelten zählen Sie auch die Wirtschaft?

Selbstverständlich. Wirtschaft erschöpft sich nicht in Zahlenreihen. In Unternehmen haben wir es nicht zuletzt damit zu tun, dass sich Menschen finden, um etwas Neues zu schaffen, um qualitative Werte zu bilden. Sie sind gesellschaftliche Gebilde, kommunikative Kraftzentren, in denen es auch zu überzeugen gilt, wo ich mich nicht auf präzise Daten berufen kann. Man kann sie nicht nur über „Financials“ steuern. Nicht ich habe also ein gestörtes Verhältnis zu Zahlen, aber die Zahlen stören manchmal die Verhältnisse.

Was ist das überhaupt, Sprache der Zahlen, und warum ist sie so erfolgreich?

Diese Sprache ist geprägt vom Vergleich. Da wird gewogen, eingeschätzt, abgegrenzt. Die Welt erscheint in ihr auf eine faszinierende Weise beherrschbar und berechenbar. Besser oder schlechter bedeutet da nur: Verkauft sich das Produkt gut? Hat ein Mitarbeiter seine Leistung gesteigert? Ist der Aktienkurs gestiegen?

Wo ist das Problem?

In Wahrheit handelt es sich um eine Scheinsicherheit. Zahlen erzählen nichts. Oft verbergen sie sogar, wie sie entstanden sind. Und in jedem Fall verraten sie seltener, als man denkt, wie man zu handeln hat. Aber sie suggerieren, dass man alles im Griff hat. Das ist für einen Manager höchst attraktiv. Dabei verarmt, ja verkümmert seine Sprache. Die meisten Manager reden erschreckend einfallslos und fantasiefrei.

Gestik und Mimik

  • Finger an die Nase legen

    signalisiert laut den Bewerbungsexperten von Hesse/Schrader Konzentration oder Nachdenken

  • Mit den Fingern trommeln

    bedeutet Ungeduld oder Nervosität, vielleicht sogar Provokation

  • Gefaltete Hände

    zeigen die eigene Überlegenheit

  • Hand vor den Mund halten

    Gesagtes wird zurückgenommen, weil Unsicherheit in der Sache besteht

  • Händereiben

    demonstriert Selbstzufriedenheit, wirkt aber nicht immer sympathisch

  • Hände über den Kopf legen

    zeigt bei Zurücklehnen grenzenlose Souveränität

  • Herumspielen mit Fingern

    lässt auf Desinteresse, Unkonzentriertheit oder Nervosität schließen

  • Kopf auf die Hände stützen

    steht für Nachdenklichkeit, Erschöpfung oder Langeweile

  • Am Kopf kratzen

    zeigt Ratlosigkeit oder Unsicherheit

  • Reiben des Kinns

    steht für Nachdenklichkeit und Zufriedenheit

  • Verschränkte Arme

    zeigen bei Frauen: Unsicherheit oder Angst, bei Männern: Ablehnung und Verschlossenheit

  • Zum Spitzdach geformte Hände

    signalisieren Überheblichkeit, gleichzeitig Abwehr gegen Einwände

Woran erkennen Sie das?

Am Siegeszug des mechanischen Jargons. Die Liebe zu gestanzten Formeln – auch das ein Sprachbild aus der Mechanik – scheint nicht abzukühlen, selbst in Zeiten, da wir längst mit sehr viel komplexeren Phänomenen zu tun haben. Solche einfachen Wendungen, wie „eng takten“ oder „das Momentum ausnutzen“, stammen aus einer Welt, in der sich über analytische Schärfe und Effizienzorientierung äußerst befriedigende Resultate erzielen lassen.

Sie meinen, die Wörter scheinen ein bisschen aus der Zeit gefallen zu sein?

Ja, man redet von „Werthebeln“ gerade so, als lebten wir noch im Zeitalter der Schwerindustrie. Eine der prominentesten Metaphern ist die „Stellschraube“, an der gedreht werden müsse, damit das Ganze einer Organisation funktioniert, eine Vokabel aus der Ingenieursprache. Die Stellschraube heißt ja so, weil man damit etwas feinjustieren kann. Es geht also um Steuerung. Aber die meisten, die das Wort benutzen, meinen, es müsse etwas fester gezogen werden, weil es zu locker sitzt.

Beraterjargon

  • Was ist gemeint, wenn „Let’s not boil the ocean“ gefordert wird?

    Diese Phrase soll etwas Unmögliches ausdrücken. Für Projektmanager ist dies eine Formulierung dafür, dass Analysen auf ein Minimum reduziert werden.

  • Was ist ein Elevator Test?

    Zu gut Deutsch: Aufzugtest. Berater sollen dazu in der Lage sein, ein Konzept so schnell wie möglich erklären zu können – beispielsweise in einem Aufzug gegenüber einem potentiellen Kunden.

  • Wann spricht der Berater vom Headcount?

    Mit Headcount wird die Anzahl der Angestellten bezeichnet. Wenn eine Headcount Reduction ansteht, wird es für die Angestellten gefährlich – möglicherweise wird ihre Stelle gestrichen.

  • Was bedeutet "Out Of The Box"?

    Statt in Schubladen – oder Boxen - zu denken, müssen Berater auch einmal über den Tellerrand hinausschauen. Oder eben ihre Schachtel öffnen und aus ihr heraus gucken.

  • Was ist eine Exit-Strategie?

    Ist ein Projekt doch nicht so erfolgreich wie geplant, braucht jeder Unternehmer einen „Notausstieg“ – die sogenannte Exit-Strategie legt fest, wie ein Projekt abgewickelt werden kann.

Das heißt, man denkt gar nicht mehr über den Sinn des Wortes nach.

Das führt dann manchmal dazu, dass die Metaphern völlig verrutschen. Mir jedenfalls fehlt die Vorstellung, was ein Satz bedeuten soll, in dem es heißt: „Damit die Energiewende ein Erfolg wird, müssen viele Weichen und Stellschrauben klug verzahnt werden.“ Unsinnlicher und unsinniger lässt sich kaum reden. Beim Bemühen, die Angelegenheit möglichst klar auszudrücken, wird sie trübe. Mich interessiert, was jemand denkt, wenn er so formuliert.

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5 Kommentare zu Der Jargon der Wirtschaft: "Die meisten Manager reden erschreckend einfallslos"

  • Über Sprache können wir Distanz oder auch Nähe zu unserem Gegenüber aufbauen. Wie Sie Sprache einsetzen, um das Vertrauen Ihrer Kunden zu gewinnen, lesen Sie hier:
    http://www.clever-change.de/vertrauen-ist-waehrung-fuer-content-marketing/

    Ach, und übrigens, mit "out of the box" würde ich z.B. Standard-Softwarelösungen bezeichnen, "von der Stange" im Gegensatz zu Individualentwicklungen.

  • Danke für die spannende Perspektive aus Sicht eines Philosophen. In Meetings erlebt man Tag ein, Tag aus: Die vorliegenden Zahlen und Daten sind lediglich Ausgangsmaterialien. Was folgt sind *Meinungen* darüber, was diese eigentlich bedeuten und welche Folgen sie haben werden. Dabei wird die *eigene* Meinung gerne als sachlich und faktenorientiert wahrgenommen und die Meinungen anderer als haltlose Spekulationen. Allerdings streitet man sich ganz und gar nicht einfallslos. Die Redekunst ist durch Ironie, Sarkasmus o.Ä. durchaus gut vertreten.
    Das Thema "Steuerung über Financials" wird in diesem Beitrag aus einer anderen Perspektive kritisch beleuchtet ebenso wie die Frage, warum soft facts eigentlich hard facts sind:
    http://www.computerwoche.de/a/genug-geplant-jetzt-wird-sicher-prognostiziert,3071157

  • Wunderbarer Beitrag - vielen Dank für diese Perspektive. Mir gefällt der Satz über Wittgenstein: Das Ende des Denkens ist da, wo es keine Worte mehr gibt. Sie hätten vielleicht noch eine Rubrik aufmachen können: Die Militärbegriffe, die uns nicht bewusst sind: Bulletpoints, Targets, platt machen. Das setzen wir auch leider noch grafisch um. Diese Bilder sind im Kopf und kommen aus der Zeit von Gehorsam, nicht von kreativem Denken. Rezept: Mehr Literatur lesen, weniger Zeitung. Bilder und Fotos nutzen, statt Worte. Wenn Zahlen, dann erklären können, in Kontext setzen. Wenn man ROCE mit einer neuen Formeln an Zahlen ersetzt, ist das die grösste Sprachlosigkeit. Ich erlebe das in jedem Training :-) Mehr von Ihnen dazu - Frohes Fest.

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