Die Schwierigkeiten täglicher Entscheidungen: Gute Führungskräfte sind Schiedsrichter der Firma

InterviewDie Schwierigkeiten täglicher Entscheidungen: Gute Führungskräfte sind Schiedsrichter der Firma

von Kristin Schmidt

Der Wirtschaftsprofessor Jürgen Weigand erklärt, was Führungskräfte mit Schiedsrichtern gemeinsam haben und wann sie bei Entscheidungen dem Bauchgefühl trauen können.

WirtschaftsWoche: Herr Weigand, Hartmut Mehdorn ist neuer Chef des Berliner Flughafens. Der Aufsichtsrat musste für diese Entscheidung schon viel Schelte einstecken. Ist eine schlechte Entscheidung besser als keine Entscheidung?

Jürgen Weigand: Ob es wirklich eine schlechte Entscheidung ist, Hartmut Mehdorn zu berufen, kann ich nicht beurteilen. Manager können Entscheidungen nicht ewig aufschieben. Das ist wie beim Fußball. Der Schiedsrichter muss Freistöße geben, Gelbe Karten verteilen und Abseits pfeifen. Seine Entscheidungen sind mit Blick auf die Zeitlupe nicht immer optimal, aber er musste sie treffen.

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Der Stratege - Wirtschaftsprofessor Jürgen Weigand im Interview mit der WirtschaftsWoche (zum Vergrößern bitte Bild anklicken) Quelle: Presse

Der Stratege - Wirtschaftsprofessor Jürgen Weigand im Interview mit der WirtschaftsWoche (zum Vergrößern bitte Bild anklicken)

Bild: Presse

Ob der Hickhack um den Flughafen Berlin oder das Opel-Werk in Bochum: Warum dauert es gerade in Krisenzeiten oft so lange, bis Führungskräfte Entscheidungen treffen?

In guten Zeiten sind Fehlentscheidung nicht so dramatisch. Da kann man schon mal wie ThyssenKrupp Milliarden in Brasilien versenken. Die Konsequenzen werden erst in der Krise deutlich – und davor schrecken Manager zurück. Allerdings muss man ihnen auch zugestehen: Entscheidungen zu treffen wird immer schwieriger.

Bei welchen Entscheidungen Vorstände und Aufsichtsräte nicht für Unternehmensschäden haften müssen

  • Entscheidungen auf der Grundlage von Prognosen

    Vorstände und Aufsichtsräte müssen nicht für Unternehmensschäden haften, wenn eine unternehmerische Entscheidung vorliegt, die durch Prognosen und damit durch nicht justiziable Einschätzungen gekennzeichnet ist.

  • Entscheidungen auf der Grundlage von angemessenen Informationen

    Vorstände und Aufsichtsräte müssen nicht für Unternehmensschäden haften, wenn sie auf der Grundlage angemessener Information getroffen wurden. Eine rein formale Absicherung durch Einholung externen Rats reicht nicht.

  • Entscheidungen, die die Ertragskraft langfristig stärken

    Vorstände und Aufsichtsräte müssen nicht für Unternehmensschäden haften, wenn sie die Ertragskraft des Unternehmens langfristig stärken und dessen Wettbewerbsfähigkeit sichern wollten. Dies trifft nicht zu, wenn mit der Entscheidung in völlig unverantwortlicher Weise Risiken falsch bewertet und eingegangen werden.

  • Entscheidungen, mit denen keine eigenen Interessen verfolgt wurden

    Vorstände und Aufsichtsräte müssen nicht für Unternehmensschäden haften, wenn sie mit der Entscheidung keine eigenen Interessen verfolgt haben.

  • Entscheidungen, die in gutem Glauben getroffen wurden

    Vorstände und Aufsichtsräte müssen nicht für Unternehmensschäden haften, wenn der Vorstand in gutem Glauben gehandelt hat – also die Informationsgrundlage nicht evident unzureichend und die Entscheidung nicht objektiv vollkommen unvernünftig und damit offensichtlich ungeeignet war, um das Wohl der Gesellschaft zu fördern.

Warum?

Die Komplexität der Wirtschaftswelt hat in den vergangenen Jahren enorm zugenommen. Früher waren die Unternehmen an ihrem Heimatmarkt aktiv und kannten sich dort aus. Heute haben sie auf der ganzen Welt Produktionsstandorte und Konkurrenz. Die Manager können nicht mehr alle Zusammenhänge überblicken und sind somit auf Berater angewiesen.

Sind Manager denn dazu in der Lage, diesen Kompetenzverlust zu akzeptieren?

Leider nicht. Eigentlich müssten gute Führungskräfte merken, wenn es nötig ist, sich Hilfe zu holen, und erkennen, dass man auch Entscheidungen delegieren kann. Aber sie tun es häufig nicht.

Woher kommt diese Einstellung?

Das liegt an der Erziehung in unserem Kulturkreis – vor allem bei männlichen Führungskräften. Sich helfen zu lassen gilt als Zeichen von Schwäche und Autoritätsverlust.

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