Digitalisierung: Wartet nicht auf Perfektion – lernt aus euren Fehlern!

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Werner Vogels ist CTO bei Amazon.com.

Kolumne

Wer die Digitalisierung für sich nutzen und neue Produkte an den Markt bringen will, sollte auf keinen Fall warten, bis alles perfekt funktioniert. Wie man stattdessen Erfolg haben kann.

„Es irrt der Mensch so lange er strebt.“ Der deutsche Dichterfürst Goethe wusste das schon vor über zweihundert Jahren. Heutzutage klingt das immer noch richtig, aber mit einem entscheidenden Unterschied: Das Streben alleine genügt nicht. Es geht darum, sich anzustrengen, schneller zu sein als die anderen. Und während grundsätzlich nichts falsch daran ist, Perfektion erreichen zu wollen, kann in der digitalen Welt niemand darauf warten, dass Produkte fast perfekt sind, bevor man sie seinen Kunden anbietet. Wer das tut, wird im Markt abgehängt.

Wenn wir also nicht auf Perfektion warten können, was sollten wir stattdessen tun? Ich glaube, wir müssen bei der Produktentwicklung intensiv experimentieren und gleichzeitig akzeptieren, dass manche Experimente fehlschlagen.

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Jeder, der Managementgurus zugehört oder mit ihnen gearbeitet hat, kennt ihr Mantra: Fehler sind ein unverzichtbarer Teil des Fortschritts. Doch zwischen Theorie und Praxis tut sich oft eine große Lücke auf. Viele Menschen haben Spaß daran zu experimentieren, und wollen aus Dingen, die falsch laufen, die richtigen Schlüsse ziehen. Im hektischen Tagesgeschäft bleibt dann aber häufig keine Zeit, wirklich über die Ursache eines Fehlers nachzudenken, und darüber, was man beim nächsten Mal anders machen sollte. Die Lösung liegt in einem systematischen Ansatz, der verhindert, dass Fehler sich wiederholen.

Zum Autor

  • Werner Vogels

    Dr. Werner Vogels, 58, ist CTO bei Amazon.com, wo er seit 2004 beschäftigt ist und kundenorientierte Technologievisionen vorantreibt.

    Auch zuvor bekleidete er bereits zahlreiche Führungspositionen im Technologiebereich. Vogels, der an der Freien Universität in Amsterdam promovierte, hat außerdem zahlreiche Artikel über verteilte Systemtechnologien im Enterprise Computing verfasst.

Von der Perfektion zur Antifragilität

Wollen wir herausfinden, wie das funktioniert, müssen wir zwei Arten von Fehlern unterscheiden, die in Unternehmen passieren können: Auf der einen Seite das Versagen von Technologie; auf der anderen Seite Fehlentscheidungen von Menschen. Das Gute ist: Wer die erste Kategorie, die Technologie, fest im Griff hat, profitiert davon in der zweiten, und fällt bessere Entscheidungen. Der Finanzmathematiker und Essayist Nassim Taleb hat hierzu interessante Gedanken formuliert: Er nutzt den Begriff „Antifragilität“. Das digitale Geschäft von heute arbeitet mit kleineren und häufigeren Produkteinführungen, die das Risiko reduzieren. Das bedeutet, dass die Technologien, die dieses neue Modell unterstützen, mehr als robust sein müssen. Sie müssen, „antifragil“ sein. Das bedeutet, dass Fehler sie nicht aus den Angeln heben. Tatsächlich können Krisen sie sogar noch stärker machen.

Das ist genau die Anforderung, die wir bei Amazon an unsere Systeme und Lösungen für Kunden stellen. Wir designen diese für die Zukunft. Sie müssen in der Lage sein, sich zu entwickeln und resistent gegen Ausfälle sein. Sie müssen leistungsfähiger werden und mit der Zeit immer reicher an Funktionalitäten. Denn wir lernen vom Feedback unserer Kunden und ebenso von den Ausfällen, die sie verkraften müssen, während sie die Systeme nutzen.

Ein Beispiel, eines deutschen Unternehmens das „antifragil“ geworden ist, ist HARTING – weltweit führender Anbieter im Bereich schwerer Steckverbindungen für Maschinen und Anlagen. HARTING zeigt, wie sich das Thema „Qualitätsanspruch“ in der digitalen Welt weiterdenken lässt. Qualität und Vertrauen sind die wichtigsten Werte des Traditionsunternehmens. Bereits seit 2011 sind Industrie 4.0 und die digitale Transformation wichtige Unternehmensschwerpunkte. Auch wenn es anfangs schwer war – mittlerweile ist im Unternehmen klar, dass Fehler unvermeidlich sind. Daher wird die Softwareentwicklung auf agile Methoden umgestellt. Das Unternehmen geht den Weg des „minimum viable product“ und setzt bei der Software auf Microservices. Damit kann es leichter Dinge verwerfen und erneuern und ist dabei insgesamt schneller.

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