Digitalisierung: "Wer ein straffes Pensum vorgibt, will keine Kreativität"

InterviewDigitalisierung: "Wer ein straffes Pensum vorgibt, will keine Kreativität"

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Viele Unternehmen haben in Sachen Digitalisierung einiges aufzuholen

von Claudia Tödtmann

Die Commerzbank hat am Mittwoch ihre Mittelstandsstudie veröffentlicht. Commerzbank-Vorstand Markus Beumer spricht im Interview über Digitalisierung, wachsenden Personalbedarf und Führungsfehler in Unternehmen.

WirtschaftsWoche: Herr Beumer, in Ihrer jährlich erscheinenden Mittelstandsstudie Unternehmen Zukunft: Transformation trifft Tradition mit 4000 befragten Unternehmen haben Sie ermittelt, dass die Digitalisierung ein Jobmotor ist und 43 Prozent der Unternehmen Mitarbeiter einstellen wollen. Und zwar solche mit einem neuem Anforderungsprofil. Geht das zu Lasten der bisherigen Mitarbeiter - oder kommen die Neuen obendrauf?

Markus Beumer: Es ist zunächst eine fabelhafte Nachricht, dass die Unternehmen Personal aufbauen wollen. 43 Prozent der Befragten gehen tatsächlich davon aus, dass sie in Summe durch die Digitalisierung einen höheren Personalbestand haben werden, obwohl sie auch die Einsparmöglichkeiten durch zunehmende Automatisierung sehen. Nur acht Prozent der befragten Mittelständler gehen demgegenüber davon aus, dass die Digitalisierung in Summe zu einem niedrigeren Personalbestand in ihrem Unternehmen führen wird.

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...welche Art Mitarbeiter brauchen die Unternehmen für die Digitalisierung konkret? Immerhin sagen 65 Prozent der Befragten, dass für sie Unterstützung durch externe Spezialisten wichtiger wird.

Markus Beumer Quelle: PR

Markus Beumer

Bild: PR

Nehmen Sie zum Beispiel die Unternehmen aus dem Maschinenbau, die zwar sehr gut vernetzt sind mit den Fachhochschulen ihrer Region, aber darüber bisher nur Techniker rekrutieren. Diese Firmen brauchen künftig mehr IT-Spezialisten oder auch Kreative aus anderen Bereichen - etwa Leute, die mit sozialen Medien umgehen können. Diese haben sie heute vielfach noch nicht an Bord. Denn die Produkte der Unternehmen werden sich ändern.

Wer heute Maschinen verkauft und einen Servicevertrag mit einem Kunden abschließt, wird morgen den Output seiner Maschinen verkaufen. Dafür braucht er die digitale WLAN-Vernetzung aller Maschinen - und der ganze Service ändert sich. Oder sehen Sie sich einen Stahlhändler wie Klöckner an, der bislang einen großen Lagerbestand hat. Um diesen zu reduzieren, kann er dank Digitalisierung just-in-time immer zum besten Preis direkt an seinen Kunden durchliefern.

Zur Person

  • Markus Beumer

    Markus Beumer ist Vorstand der Commerzbank und zuständig für das Ressort Mittelstand. 

Wenn Unternehmen nur neue Mitarbeiter für eine Lösung halten, unterschätzen die nicht ihre eigenen Mitarbeiter?

Richtig, das ist geradezu ein Reflex in den Unternehmen. Wer nur sagt, ich brauche neue Leute und diese sollen alles lösen können, unterschätzt die eigene Belegschaft. Nur gut ein Drittel der befragten Mittelständler sieht den hohen Qualifizierungsbedarf älterer Mitarbeiter als zentrale Aufgabe der Personalentwicklung an. So vergeben sie möglicherweise die Chance, die eigenen Leute zu befähigen.

Sie unterstellen zudem, dass alle neuen Mitarbeiter von außen automatisch besser sind - was nicht stimmt. Dabei leisten sie sich auch Führungsfehler. Einerseits wollen Unternehmen Leute mit Fantasie, die nicht nur nach Vorgaben fertigen. Andererseits lassen sie diese nur nach harten Zielen und Vorgaben arbeiten, so dass sie gar nicht kreativ sein können. Wer als Vorgesetzter das Pensum straff durchdekliniert, kann gar nicht das Ausprobieren haben wollen.

Digitaler Mittelstand Die Suche nach perfekten Leuten für den digitalen Wandel

Mittelstand goes Digitalisierung: Die Unternehmen stecken mitten im Wandel und brauchen dementsprechend Fachkräfte. Gefragt sind aber nicht die jungen IT-Absolventen. Rund 3000 Betriebe suchen Leute mit Berufserfahrung.

Der deutscher Mittelstand kommt digital in Bewegung. Quelle: Marcel Stahn für WirtschaftsWoche

Es sind also Kapazitätsfragen, weil in den vergangenen Jahren alle Personalreserven abgeschafft und zu viele Leute entlassen wurden?

Auch. Und es geht um den Kulturwandel und einen neuen Führungsstil den Unternehmen. Einen, der Freiräume gibt. Kommt dann ein Geschäftsführer dazu, welcher sagt, er selbst sei der beste Experte im Unternehmen, wird jeder Kreative eingeengt und wir über kurz oder lang weggehen. Aber das erkennen die Unternehmen langsam. Auch, dass sie zu straffe Vorgaben machen: Denn wenn eine Führungskraft die Rahmenbedingungen nie loslässt und jeden Tag beispielsweise Rapport einfordert, der vertraut seinen Mitarbeitern nicht. Das ist ein Fehler. Denn selbst wenn mal etwas daneben geht, muss dies möglich sein. So wie in der amerikanischen Unternehmenskultur: wer dort keine Insolvenz hingelegt hat, gilt als unerfahren. Wer dagegen hierzulande eine Pleite hinter sich hat, dessen Karriere ist oft beendet.

Was raten Sie den Unternehmern?

Die Manager müssen lernen, auch mal ein neues Projekt zu beerdigen, wenn klar wird, dass es ein Irrweg ist. Stattdessen halten einige bis zuletzt an solchen Fehlprojekten fest und treiben sie mit Nachdruck weiter
- auch wenn es viel Geld kostet. Dahinter steckt oft nur eins: Sie wollen auf keinen Fall ihr Gesicht verlieren oder ihre eigene Karriere gefährden. Viele Fragen von morgen sind Führungsfragen - auch diese gehören zur Digitalisierung.

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