Erreichbarkeit im Urlaub: Anspruch auf Erreichbarkeit gibt es nicht

Erreichbarkeit im Urlaub: Wie Sie sich trotz Diensthandy erholen

Anspruch auf Erreichbarkeit gibt es nicht

Zumindest in der Theorie dürfen Arbeitnehmer – egal ob einfacher Angestellter oder CEO – in ihrem gesetzlichen Urlaub, also an mindestens 20 Tagen im Jahr, das Smartphone ausstellen. "Der Urlaub hat den Sinn, dass Mitarbeiter sich erholen. Deshalb sollen sie ihn selbstbestimmt nutzen", sagt Arbeitsrechtler Sebastian Maiß. Mit anderen Worten: Wer während des Urlaubs im Dienst des Unternehmens steht, dessen Anspruch auf Erholungsurlaub bleibt laut Bundesurlaubsgesetz unerfüllt. Der Mitarbeiter könnte an einem anderen Tag Urlaub nehmen, weil er am eigentlichen Urlaubstag gearbeitet hat.
Aus diesem Grund kann das Unternehmen zumindest im gesetzlichen Urlaub keine Erreichbarkeit verlangen.

Das sagt das Arbeitsrecht zum Thema Urlaubsanspruch

  • Anzahl der Urlaubstage pro Jahr

    Wer sechs Tage pro Woche arbeitet, hat einen Mindestanspruch von 24 Urlaubstagen pro Jahr, bei einer Fünftagewoche stehen Arbeitnehmern 20 Tage zu und bei einer  Viertagewoche 16 Urlaubstage.

    Tarif- oder Arbeitsverträge können deutlich längeren Urlaub vorsehen - 30 Tage Jahresurlaub sind in vielen Berufen und Branchen üblich. Die Zahl der Urlaubstage hängt allerdings noch von weiteren Faktoren ab. Verschiedene Personengruppen bekommen mehr bzw. weniger, als andere.

  • Erkrankte Mitarbeiter

    Auch wenn ein Mitarbeiter krankheitsbedingt das gesamte Jahr ausgefallen ist, hat er Anspruch auf seinen Jahresurlaub. Diesen kann der Mitarbeiter in den ersten drei Monaten des Folgejahres nehmen.

  • Jugendliche Mitarbeiter

    Bei Jugendlichen ist der Urlaubsanspruch nach Alter gestaffelt: Wer unter 16 ist, bekommt bei einer Fünftagewoche 25 Urlaubstage. Azubis unter 17 Jahren erhalten 23 Urlaubstage, bei unter 18-Jährigen sind es 21 Urlaubstage.

  • Mitarbeiter in der Probezeit

    In der Probezeit hat man pro vollem Monat Anspruch auf ein Zwölftel des Jahresurlaubs. Wer also einen Anspruch auf 20 Tage Jahresurlaub hat und nach drei Monaten Probezeit Urlaub nehmen möchte, bekommt fünf Tage frei.

  • Mitarbeiter mit einer Behinderung

    Mitarbeiter mit einer Schwerbehinderung, die fünf Tage pro Woche arbeiten, haben einen Anspruch auf fünf Extraurlaubstage.

  • Neue Mitarbeiter

    Neue Mitarbeiter erwerben ihren vollen Urlaubsanspruch nach sechs Monaten. Wer im Januar anfängt, kann also im Februar noch keine drei Wochen Urlaub nehmen.

  • Resturlaub

    Der Urlaubsanspruch ist grundsätzlich aufs jeweilige Kalenderjahr beschränkt. Mitarbeiter müssen daher alle ihre Urlaubstage bis zum 31. Dezember nehmen, sonst verfällt der Anspruch. Wer seinen Urlaub wegen Krankheit, einer Urlaubssperre oder anderen betrieblichen Gründen nicht komplett verbrauchen konnte, kann den Resturlaub jedoch auf das Folgejahr übertragen. Der Resturlaub muss dann in der Regel aber bis zum 31. März genommen werden – es sei denn, Arbeitgeber und Arbeitnehmer einigen sich auf eine Übertragung über den März hinaus.

  • Wer hat einen Anspruch auf Urlaub?

    Grundsätzlich regelt das Bundesurlaubsgesetz den Urlaubsanspruch. Ein Recht auf bezahlten Urlaub haben alle, die arbeiten gehen: Vollzeitkräfte genauso wie Teilzeitkräfte, befristete oder geringfügig Beschäftigte genauso wie Lehrlinge, Referendare und Volontäre.

Das tut auch niemand. Im Gegenteil: "Immer mehr Unternehmen führen verbindliche interne Regelungen ein, die sicherstellen sollen, dass engagierte Mitarbeiter im Urlaub abschalten können", wie Bitkom-Hauptgeschäftsführer Bernhard Rohleder sagt. Aber: "Viele Angestellte bieten freiwillig an, dass Chefs und Kollegen sie auch im Urlaub ansprechen dürfen." Um das auszugleichen, stocken Unternehmen oft den Jahresurlaub ihrer Mitarbeiter auf, indem sie ihnen vertraglich zehn weitere freie Tage zugestehen. "Im zusätzlichen Urlaub sind Sondervereinbarungen wie eine Erreichbarkeitsklausel theoretisch möglich, nur gibt es sie in der Praxis nicht", sagt Maiß.

Stattdessen sind betriebliche Absprachen die Regel in deutschen Unternehmen. Schließlich befürchten Unternehmen, durch Erreichbarkeitsklauseln an Arbeitgeber-Attraktivität einzubüßen. Nur für den Chef selbst gilt das nicht. "Je höher die Position der Führungskraft, desto eher wird man davon ausgehen können, dass sie ausnahmsweise dazu verpflichtet ist, telefonisch oder per Mail erreichbar zu sein, wenn es sich um unvorhersehbare und zwingende Notwendigkeiten handelt", so der Arbeitsrechtler. In manchen Betrieben hat der Vorgesetzte auch schlicht keinen Stellvertreter, der seine Aufgaben während des Urlaubs übernimmt – aus Sicht von Scharnhorst ein Organisationsfehler.

Dauerhafte Erreichbarkeit Es bringt nichts, ab 16 Uhr keine E-Mails mehr zu lesen

Die negativen Folgen permanenter Erreichbarkeit sind bekannt. Doch die Versuche, das Problem zu beherrschen, sind zum Scheitern verurteilt. Ein Plädoyer für einen strategischen Umgang mit der Dauererreichbarkeit.

huGO-BildID: 38212112 ARCHIV - Das Symbol ´Neue E-Mail-Nachricht» wird am 09.01.2013 in Berlin auf einem Computer Monitor angezeigt. Foto: Jan-Philipp Strobel/dpa (zu dpa ´UN: Überwachung von E-Mails nimmt zu - Firmen sollen sich wehren» vom 16.07.2014) +++(c) dpa - Bildfunk+++ Quelle: dpa

Der Unersetzliche

Und dann gibt es den Typ, der überzeugt ist, dass der Laden ohne ihn nicht läuft. "Ich habe es schon erlebt, dass ein Mitarbeiter sich in seinen Kalender eingetragen hat ,Chef anrufen und wichtige Frage stellen' ", erzählt Hossiep. Also rief er seinen Vorgesetzten in regelmäßigen Abständen in seinem Urlaub an, um ihm das Gefühl zu geben, unersetzlich zu sein. "Hätte er den Chef nicht angerufen, wäre dieser höchst unzufrieden aus seinem Urlaub zurück gekommen. Das wollte er durch seine Anrufe vermeiden", sagt Hossiep.

All denen, die wissen, dass es auch zwei Wochen ohne sie klappt, rät die Gesundheitspsychologin Scharnhorst, Regeln für die Mitarbeiter aufzustellen. "Wenn ich manchmal höre, mit welchen Fragen der Urlaub gestört wird, stellen sich bei mir alle Nackenhaare auf." Da bimmelt am Strand das Telefon, weil der Mitarbeiter die Briefumschläge nicht findet oder die Kontaktdaten eines Kunden braucht. Damit das nicht passiert, sollte vor dem Urlaubsantritt klar sein, wer wen wann warum anrufen darf.

Hossiep empfiehlt das Eisenhower-Prinzip:

Ist das Anliegen wichtig, aber nicht dringend, kümmert sich der Chef nach seinem Urlaub darum.

Ist es dringend, aber nicht wichtig, soll der Mitarbeiter sich an den stellvertretenden Chef wenden.

"Nur wenn das Anliegen dringend und wichtig ist – und falls niemand anderer befugt und in der Lage ist, Entscheidungen treffen zu können – sollten Mitarbeiter den Vorgesetzten anrufen", sagt er.

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Trotzdem hält der Experte die öffentliche Diskussion über die ständige Erreichbarkeit für vollkommen überzogen – und eine Debatte über die Urlaubsdauer für viel wichtiger: Er beobachtet, dass die Deutschen einen Kurztrip nach dem anderen planen, aber nur noch selten mehrere Wochen Urlaub am Stück nehmen. Aus psycho-physischer Perspektive sei es eine reine Strapaze, ständig nur für drei Tage in den Urlaub zu fliegen.

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