Essay: Gefangene der Macht

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Macht wird gefährlich, wenn der Mächtige oben den Blick für die Arbeitenden unten verliert

Harun al-Raschid, Beherrscher aller Gläubigen, schlich von Zeit zu Zeit als Bettler durch die Gassen. Roland Tichy erklärt, warum Spitzenpolitiker und Top-Manager das auch tun sollten.

Der Kalif von Bagdad wollte ungefiltert hören, was die Menschen in der Hauptstadt seines Reichs dachten – von ihm und ihrem Leben. Graf Potemkin geleitete seine Geliebte und Kaiserin Katharina die Große durch ein Russland prächtiger Dörfer und stolzer Städte – Kulissen, die den Blick auf das Elend der Bürger verbargen.

Auch im zerbröselnden Ostberlin strahlten manche Häuserfassaden weiß und verputzt – allerdings nur bis zum ersten Stock. Darüber zeugten Einschusslöcher der Maschinengewehrgarben noch von der Schlacht um Berlin. Doch so weit konnte Erich Honecker, wenn er mit Hütchen im weichen Citroën-Polster saß und auf der amtlich festgelegten Protokollstrecke chauffiert wurde, schon nicht mehr blicken – die Realität war außerhalb seines Blickfelds. Und das, was er sah, die Schminke auf dem Elend.

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Ob im orientalischen Kalifat des 8., im russischen Zarenreich des 18. oder in der ostdeutschen Diktatur des 20. Jahrhunderts: Macht weitet den Blick nicht, sondern verengt ihn. Und gute Ratgeber mutieren zu falschen Ja-Sagern.

Geschönte Wahrheit

Auch demokratisch gewählte Regierungschefs sind vor Erblindung im Amt nicht sicher: Helmut Schmidt ließ sich als Weltökonom feiern, bis er wegen wachsender Arbeitslosigkeit, Staatsverschuldung und Inflation aus dem Amt gejagt wurde. Nachfolger Helmut Kohl lehnte die Zusammenarbeit mit dem Apparat des Kanzleramts ab, um nicht in die Falle vorgefertigter Wahrheiten zu tappen.

Ohne Begleitschutz ging er zur nahen Wurstbude und kam mit fünf Rentnerinnen im Schlepptau ins Kanzleramt zurück. Das beunruhigte die Sicherheitsbeamten, die unter jedem Stützstrumpf ein Maschinengewehr der RAF fürchteten. Mehr noch musste die Rentenabteilung die Eindrücke aus dem wirklichen Leben fürchten, die den Kanzler so ungefiltert erreichten. Zum Ende seiner Kanzlerschaft aber, getäuscht vom übermächtigen Selbstbild eigener Wichtigkeit, nahm auch Kohl nicht mehr wahr, dass sich der Blick auf ihn gewandelt hatte.

Kein Platz mehr im Terminkalender

Dabei beginnen Regierungsperioden, egal, ob bei Ludwig Erhard oder Gerhard Schröder, meist damit, dass Gelehrte und Empfindsame zu langen Gesprächen eingeladen werden. Schon nach wenigen Monaten ist dafür kein Platz mehr im Terminkalender, weil Krisen zu bewältigen sind, die sich bald zu Krisen der Wahrnehmung auswachsen.

Der Blick auf die Lebenswirklichkeit verengt sich auf den Ausschnitt aus dem Bullauge des Hubschraubers. Oder auf die vermittelte Wahrheit der gefilterten Vorlagen aus den Amtsstuben. Manche ringen um einen Notausgang in die Wirklichkeit – wie etwa Wolfgang Schäuble als Chef des Bundeskanzleramts. Er hält gegen jeden Rat an seinem zeitraubenden Bundestagsmandat fest, um sich so Basiskontakt zu bewahren.

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