Fritz Breithaupt: "Der Super-Empathiker zaudert gerne"

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InterviewFritz Breithaupt: "Der Super-Empathiker zaudert gerne"

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von Lin Freitag

Empathie galt lange als Wunderwaffe für verunsicherte Manager. Doch langsam kommen Zweifel an dem Allheilmittel auf. Gestreut wurden sie unter anderem von Fritz Breithaupt, der an der Indiana-Universität in Bloomington lehrt. Er hat ein Buch zu dem Thema geschrieben, der verheißungsvolle Titel: "Die dunklen Seiten der Empathie".

WirtschaftsWoche: Herr Breithaupt, welche negativen Aspekte der Empathie zeigen sich denn gerne auf der Chefetage?
Fritz Breithaupt: Häufig im Büro zu finden ist der empathische Sadismus. Zum Beispiel, wenn der Chef einen Mitarbeiter vor den Kollegen runterputzt, anstatt mit ihm in Ruhe hinter geschlossenen Türen zu sprechen. Oder seine Mitarbeiter erniedrigt, quält, sich über sie lustig macht. Chefs, die das tun, wissen ganz genau, wie sich der Mitarbeiter in dem Moment fühlt, nämlich schlecht. Das macht ihnen Spaß, gibt ihnen ein Gefühl von Macht.

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Zur Person

  • Fritz Breithaupt

    Fritz Breithaupt ist Professor für deutsche und vergleichende Literaturwissenschaft, sowie affiliierter Professor für Kognitionswissenschaften  an der Indiana University in Bloomington in den USA. Darüber hinaus ist er seit 2006 Kolumnist bei ZEIT Campus. Er hat "Die dunklen Seiten der Empathie" geschrieben. Das Buch erschien im Februar im Suhrkamp-Verlag.

Klingt ja reizend...
... kommt aber täglich vor. Ein weiterer Nachteil der Empathie ist, dass sie Konflikte befeuert. Streiten sich etwa zwei Mitarbeiter um ein neues Büro, ergreifen die Kollegen in der Regel Partei für einen der beiden. Das ist menschlich und auch nicht weiter schlimm. Nun kommt aber noch Empathie dazu. Man ist nun noch mehr für die eine Seite und gegen die andere. So werden unwichtige Konflikte zu grundsätzlichen Problemen aufgeblasen. Empathie kennt keine Grauabstufungen, sondern ordnet die Dinge meist in Schwarz oder Weiß ein.

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Jahrelang galt die Kunst, auf seine Mitarbeiter einzugehen, als Heiliger Gral des Managements. Doch inzwischen stellen Psychologen, Organisationsforscher und Manager fest: Zu viel Menschlichkeit stresst, hemmt und lähmt.

Führen statt fühlen Quelle: Getty Images, Illustration: Dmitri Broido

Gilt das auch für den empathischen Chef?
Der Super-Empathiker zaudert gerne. Es gibt Studien, die beweisen konnten, dass Unternehmen mit einem wenig empathischen Chef etwas erfolgreicher sind. 

Aber heißt es nicht immer: Empathische Chefs sind die besseren Chefs?
Das kommt auf die Perspektive an. Für die Mitarbeiter ist ein empathischer Chef mit Sicherheit angenehmer, für das Unternehmen hingegen nicht unbedingt.

Tipps für gesunde Empathie: Offenes Ohr, klarer Kopf

  • 1. Gemeinsamkeiten finden

    Hier der Chef, da der Mitarbeiter. Wer diese Unterschiede ständig betont, muss zwangsläufig gedankliche Brücken bauen. Besser ist es, gemeinsame Ziele zu betonen. Etwa bei der Gehaltsverhandlung. Anstatt mit dem Angestellten zu feilschen, könnte der Vorgesetzte Weiterbildungen anbieten oder Sonderurlaub. So beweist er Empathie, ohne Ansehen zu verlieren.

  • 2. Zuhören üben

    Führungskräfte sollen vor allem kommunizieren. Doch die Flut von Informationen verdrängt eine Tugend, die wesentlich mehr bewirkt: das Zuhören. Angestellte spüren genau, wenn sich der Chef ins geistige Exil verabschiedet. Im Dialog und in Konferenzen muss er präsent sein, körperlich wie geistig. Also: Smartphone weg, Monitor aus.

  • 3. Mittelweg finden

    Chefs dürfen die Gefühle der Angestellten weder ignorieren noch zu stark an sich heranlassen. Das lässt sich mit einem Coach üben oder mit Meditationstraining. Klingt esoterisch, ist aber wissenschaftlich erwiesen: Der Umgang mit Emotionen lässt sich lernen – sowohl mit den eigenen als auch mit denen der Mitmenschen.

  • 4. Aufgabe erfüllen

    Empathie per se ist nichts Schlechtes, aber die Dosis macht das Gift. Allzu verständnisvolle Vorgesetzte sind nur kurzfristig im Vorteil. Minderleister müssen sie ansprechen. Sonst lassen sich die Leistungsträger ebenfalls runterziehen. Zunächst gilt es, den Grund zu finden. Ist da jemand überfordert, oder verzettelt er sich? Erst erkundigen, dann urteilen – und danach handeln.

  • 5. Flexibilität zeigen

    Jeder Mensch hat das Recht, individuell geführt zu werden. Talente brauchen tendenziell mehr Herausforderung, Ältere mehr Zuwendung. Führungskräfte werden dafür bezahlt, die Unterschiede zu erkennen – und sich darauf einzustellen.

Warum?
Er scheut sich nicht davor, radikale Entscheidungen zu treffen. Der Super-Empathiker hingegen ist weniger gut darin, ein Machtwort zu sprechen, seine Mitarbeiter zu Höchstleistungen anzutreiben und hat ein Problem damit, unpopuläre Entscheidungen zu treffen.

Ein Plädoyer für harte Hunde?
Nun ja, wenn Chefs wichtige Entscheidungen verzögern oder aus Angst davor, einzelnen Mitarbeitern weh zu tun, gar nicht treffen, ist das selten eine gute Idee.

Was heißt das konkret?
Geht es etwa um eine Massenentlassung oder ähnliches Drastisches, ist das für einen sehr empathischen Menschen kaum durchzuhalten. In einem solchen Fall muss sich der Chef Hilfe holen. Entweder intern, oder zur Not eine externe Beratung engagieren. Das macht es für die Betroffenen natürlich keinen Deut besser, außerdem entstehen unnötige Kosten.

Worauf muss der empathische Chef denn besonders achten?
Der Super-Empathiker darf sein eigentliches Ziel nicht aus den Augen verlieren. Natürlich soll sich ein Chef alle Seiten anhören, bevor er eine Entscheidung trifft. Aber nur die Seiten, die tatsächlich auch relevant sind. Und vor allem muss er oder sie sich im entscheidenden Moment an den Plan halten und sich nicht im Wirrwarr der Einzelschicksale verlieren.

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