Führungskräfte: Vaterlandslose Gesellen auf der Chefetage

Führungskräfte: Vaterlandslose Gesellen auf der Chefetage

von Manfred Engeser

Deutschland ade: Unternehmen verlagern Produktion, Verwaltung und Forschung in alle Welt – weil Schwellenländer wettbewerbsfähiger werden und Manager durch Herkunft und Werdegang so weltoffene wie nüchterne Kalkulierer sind wie keine Generation vor ihnen.

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Sie waren vermummt und kamen mitten in der Nacht: Eine Handvoll Personen drang auf die Versuchsanlage in Sachsen-Anhalt ein, bedrohte Wachpersonal, riss Pflanzen aus dem Boden – gentechnisch veränderte Kartoffeln, Mais, Weizen. Der Schaden: rund 100 000 Euro. Bilder der Verwüstung, die sich wenige Tage später auch in Rostock wiederholten.

Das war im Juli 2011, zwei Monate war Kurt Bock zu diesem Zeitpunkt Vorstandsvorsitzender von BASF. „Wenn es uns gelingt, die gesundheitlichen Vorteile zu beweisen, werden die Verbraucher die Produkte auch besser akzeptieren“, glaubte BASF-Vorstand Stefan Marcinowski.

Die Zukunft zieht um

Keine sechs Monate später hatte sein Chef Bock diesen Glauben offensichtlich verloren: „Wir haben eine hohe Kompetenz und sind dabei, diese zu verspielen“, sagte der 53-jährige Ostwestfale am 11. Januar auf dem Neujahrsempfang der US-Handelskammer in Stuttgart in Anspielung auf die Zukunft der Gentechnik in Deutschland. Und zog wenige Tage später die Reißleine: Am 16. Januar bestätigte BASF, was die WirtschaftsWoche zu diesem Zeitpunkt bereits exklusiv vermeldet hatte: die Verlagerung der Gentechnik-Forschung von Limburgerhof bei Ludwigshafen nach Raleigh im US-Bundesstaat North Carolina.

Grafik WirtschaftsWoche

Herkunft der Dax-Vorstände

Das bedeutete nicht nur den Abbau von rund 150 Arbeitsplätzen, sondern den Abzug einer Zukunftstechnologie aus Deutschland. Und damit das sang- und klanglose Ende eines Kampfes, den Bocks Vorgänger Jürgen Hambrecht noch mit so viel Herzblut geführt hatte – knapp 15 Jahre hatte BASF insgesamt 1,2 Milliarden Euro in die Entwicklung von Genpflanzen investiert, gegen Bedenken von Politikern, Bürgern, Juristen und Behörden in ganz Europa gekämpft. Ausdauernd, leidenschaftlich, erfolglos.

Neue Wachstumsmärkte

„Daher ist es aus unternehmerischer Sicht nicht sinnvoll, in Produkte, die für die Kommerzialisierung ausschließlich in diesem Markt vorgesehen sind, weiter zu investieren”, so das nüchterne Statement aus Ludwigshafen. „Wir werden uns deshalb auf die attraktiven Märkte in Nord- und Südamerika und die Wachstumsmärkte in Asien konzentrieren.“

Raus aus der Heimat, wenn es die unternehmerische Vernunft gebietet. Und rein in die Regionen, die weltweit die besten Chancen auf Wachstum und Gewinn bieten. Erst nüchtern alle Argumente abwägen, und dann zügig entscheiden, frei von sentimentalen Bindungen an den einst so viel beschworenen Standort Deutschland: Diese Haltung wird Standard in den Führungsetagen deutscher Unternehmen.

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