Integrationskultur: "Man muss sich auf die Seite der Chancen schlagen"

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Integrationskultur: "Man muss sich auf die Seite der Chancen schlagen"

von Kerstin Dämon

Die OECD ist sich sicher: Wenn man Flüchtlinge so schnell wie möglich in den Arbeitsmarkt integriert, profitieren alle. Viele Unternehmen wollen das auch. Dafür braucht es allerdings auch eine entsprechende Kultur.

Entgegen aller Unkenrufe, was die Zahl der Flüchtlinge der deutschen Wirtschaft antun werde, ist die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) zuversichtlich: Für Deutschland rechnet sie mit einem „robusten Wachstum“ von 1,8 Prozent in diesem und 1,9 Prozent im kommenden Jahr. Die aktuelle Flüchtlingssituation in Europa hält die OECD wirtschaftlich auf lange Sicht für positiv. „Langfristig ist das in jedem Fall ein Gewinn für diese Länder, unter der Maßgabe, dass es gelingt, diese Zuwanderung schnell in den Arbeitsmarkt zu bringen“, sagte Deutschland-Experte Andrés Fuentes.

Dass es hierbei hapert, zeigen viele Beispiele aus dem Unternehmeralltag. Denn die Betriebe wollen Flüchtlinge einstellen, sei es nun aus Nächstenliebe, oder weil sie die Arbeitskräfte brauchen. Daimler hatte angekündigt, Flüchtlingen eine Chance zu geben, Siemens, die Deutsche Telekom, Continental: Sie alle – und viele weitere Unternehmen wollen Praktika anbieten, Lehrstellen, Jobs. Im Weg steht allerdings immer wieder die Bürokratie, wie etwa Trigema-Chef Wolfgang Grupp berichtete. Er versucht seit Wochen, einen Pakistani als Näher einzustellen - doch die zuständigen Behörden stellen sich taub.

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Was Flüchtlinge dürfen

  • Betriebliche Ausbildung

    Wer eine sogenannte Aufenthaltsgestattung bekommt, darf nach drei Monaten in Deutschland eine betriebliche Ausbildung beginnen. Wer geduldet ist, kann vom ersten Tag an eine Ausbildung machen. In beiden Fällen ist jedoch eine Erlaubnis durch die Ausländerbehörde nötig.

  • Praktika

    Gleiches gilt für Praktika oder den Bundesfreiwilligendienst beziehungsweise ein freiwilliges, soziales Jahr: Personen mit Aufenthaltsgestattung können nach drei Monaten ohne Zustimmung der ZAV damit beginnen, wer den Status „geduldet“ hat, darf das ab dem ersten Tag.

  • Hochqualifizierte

    Wer studiert hat und eine Aufenthaltsgestattung besitzt, darf ohne Zustimmung der ZAV nach drei Monaten eine dem Abschluss entsprechende Beschäftigung aufnehmen, wenn sie einen anerkannten oder vergleichbaren ausländischen Hochschulabschluss besitzen und mindestens 47.600 Euro brutto im Jahr verdienen werden oder einen deutschen Hochschulabschluss besitzen (unabhängig vom Einkommen).
    Personen mit Duldung können dasselbe bereits ab dem ersten Tag des Aufenthalts.

  • Nach vier Jahren Aufenthalt

    Personen mit Aufenthaltsgestattung können nach vierjährigem Aufenthalt jede Beschäftigung ohne Zustimmung der ZAV aufnehmen.

Selbst wenn diese bürokratischen Hürden abgebaut sind, bleibt für Unternehmen einiges zu tun. Immerhin: „Wir sind auf einem guten Weg: Zig Unternehmen, Verbände und Organisationen machen sich Gedanken, wie sie nachhaltig Flüchtlinge integrieren können und sagen: Das ist das neue Deutschland“, sagt Ana-Christina Grohnert, Managing Partner Talent bei EY und Vorstandsvorsitzende der Charta der Vielfalt e. V.

Bei der diesjährigen Diversity-Konferenz in Berlin standen deshalb vergangene Woche weniger die klassischen Diversity-Themen wie Alter und Geschlecht im Vordergrund, sondern wie Unternehmen in Zukunft mit den potentiellen neuen Mitarbeitern umgehen müssen. „Derzeit gibt es ein dringendes Anliegen: Es kommen viele ins Land, die einfach anders sind und die den Unternehmensalltag beeinflussen werden. Das kostet zunächst Anstrengung, Geld und Zeit. Aber langfristig profitiert jeder, der sich dem öffnet“, meint Grohnert.

Der Weg zur Integration kann vielfältig sein

Das sehen nicht nur Diversity-Experten so. Frank-Jürgen Weise, Organisator der Flüchtlingsintegration, Chef der Bundesagentur für Arbeit (BA) und Leiter des Migrationsamts BAMF, sagt: „Wir haben einen zunehmenden Bedarf an Arbeitskräften, der wird richtig groß.“ Gerd Billen, Staatssekretär im Bundesministers der Justiz und für Verbraucherschutz, stieß bei der Konferenz in Berlin ins gleiche Horn: „Wenn wir wettbewerbsfähig bleiben wollen, dann müssen wir möglichst viele Menschen in den Arbeitsmarkt integrieren und dafür sorgen, dass alle Menschen, die hier leben, ihre Stärken einbringen können." Dies ginge nur, wenn sie Anerkennung und Wertschätzung erfahren – am Arbeitsplatz genauso wie in der Gesellschaft als Ganzes.

Und nun kämen viele tüchtige, junge, hochmotivierte Menschen. Berufsorientierung, Einstiegsqualifizierung, Erprobung im Betrieb auf BA-Kosten oder auch Flüchtlinge, die aus Eigeninitiative einfach mit einem Job anfangen – der Weg zur Integration kann aus Weises Sicht vielfältig sein.

Die wichtigste Frage ist laut Billen derzeit die der Integration: „Wie schaffen wir es, Menschen unterschiedlicher Herkunft und Religionen in unsere Gesellschaft und in unseren Arbeitsmarkt optimal zu integrieren?“ Eine Aufgabe zu haben und das eigene Leben zu finanzieren, ist schließlich nicht nur der beste Weg zur Integration in eine Gesellschaft, sondern auch das Ziel vieler Flüchtlinge.

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