Interview Christoph Quarch: "Alte Tugenden können den Kollaps aufhalten"

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InterviewInterview Christoph Quarch: "Alte Tugenden können den Kollaps aufhalten"

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Christoph Quarch

von Kristin Schmidt

Philosoph Christoph Quarch fordert mehr Weisheit im Management. Was Manager sich von den alten Griechen abgucken sollten und warum unser Bildungssystem die Studenten ihrer emotionalen Intelligenz beraubt.

Herr Quarch, Sie plädieren für mehr Weisheit in der Wirtschaft, obwohl dort vor allem Gewinnmargen und Umsatzsteigerungen zählen. Ist das nicht naiv?

Wir dürfen nicht vergessen, dass Unternehmen lebendige Systeme sind. Sie bestehen aus Menschen, die gemeinsam Umsätze und Gewinne erwirtschaften. Weisheit verstehe ich als ein Wissen darum, wie gemeinsames Leben gelingt. Manager, die über diese Kompetenz verfügen, führen ein Unternehmen so, dass sie das Ganze im Blick haben. Sie legen Wert darauf, dass die Belegschaft zufrieden ist und sich mit dem Unternehmen identifiziert.

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Das müssen sie genauer erklären. Wie komme ich vom weisen Management zu zufriedenen Mitarbeitern?

Die Kunst eines jeden Weisen besteht darin, unterschiedliche Perspektiven einnehmen zu können und einen realistischen Blick auf die Welt zu haben. Nehmen wir Nelson Mandela: Jeder hätte verstanden, wenn er aus Rache versucht hätte, die Rechte der Schwarzen rücksichtslos durchzudrücken. Aber er hat den Dialog gesucht. Weise Menschen sind in der Lage, ihren eigenen Standpunkt zu verlassen und unterschiedliche Sichtweisen zu erproben. Weise Manager erkennen, wo die Fronten in ihrem Unternehmen verlaufen. Sie wissen und berücksichtigen, wie ihre Mitarbeiter ticken.

Zur Person

  • Christoph Quarch

    Christoph Quarch hat Evangelische Theologie, Philosophie und Religionswissenschaften studiert. Heute ist der 50-Jährige freischaffender Philosoph, Autor und Hochschuldozent.

Ein Unternehmer kann sein wirtschaftliches Handeln ja aber schlecht ausschließlich an den Wünschen der Mitarbeiter ausrichten.

Das soll er auch gar nicht. Aber wenn er ein umfassendes Bild von seinem Unternehmen hat, das andere Sichtweisen mit einschließt, kann er eine Balance zwischen den verschiedenen Interessen schaffen. Genau dieses innere Gleichgewicht zeichnet ein gut funktionierendes System aus. Denn wer mit sich im Einklang ist, kann sich dann auch nach außen gut behaupten. Das heißt, er kann sich gegen Konkurrenz durchsetzen und tolle Zahlen schreiben.

Jetzt gibt es in Deutschland doch den ein oder anderen Konzernchef, der sein Unternehmen schon über Jahre erfolgreich führt. Zum Beispiel Nikolaus von Bomhard, der seit zehn Jahren an der Spitze des Rückversicherers Munich Re steht. Bescheinigt der Erfolg solchen Managern, dann automatisch Weisheit?       

Ob Herr von Bomhard weise ist, kann ich nicht sagen. Dafür kenne ich ihn zu wenig. Aber Erfolg ist nicht automatisch ein Beleg für Weisheit. Es kommt darauf an, wonach ich Erfolg bemesse. Geht es ausschließlich um Kennzahlen, dann ist Erfolg kein Indikator für Weisheit. Wenn solche Unternehmen als erfolgreich gelten, die nachhaltig wirtschaften, gute Beziehungen zu Anlegern pflegen und deren Mitarbeiter wenig Burnout gefährdet sind, dann ist der Erfolg in diesen Bereichen durchaus ein Anzeichen für Weisheit.

Neue Managementmethoden mit flachen Hierarchien

  • Die Idee

    Motivierender als klassische Seminare sind Veranstaltungen, die flache Hierarchien, Selbstorganisation und Ideenaustausch fördern.

  • Openspace

    Zu Beginn befragen sich jeweils zwei Teilnehmer gegenseitig zu einem Thema und veröffentlichen die Erkenntnisse auf einer Pinnwand. Anschließend bilden die Teilnehmer einen großen Kreis mit Pinnwänden, auf denen jeder Teilnehmer ein Thema vorschlagen kann. Dann verteilen sich die Anwesenden gemäß ihren Interessen. So entstehen Arbeitsgruppen, die anschließend die Themen vertiefen. Es gilt das „Gesetz der zwei Füße“: Wer sich langweilt, der schließt sich einer anderen Diskussion an. Am Ende stellen die Gruppen ihre Ergebnisse vor, die Zuhörer geben Feedback. Das Ziel: Aus der Diskussion soll ein konkretes Projekt entstehen.

  • Barcamp

    Bei diesem Format werden nur Ort und Teilnehmer vorgegeben – Themen und Referenten ergeben sich spontan aus dem Teilnehmerkreis. Wer mag, kann einen Beitrag vorbereiten, andere referieren frei über ihr Fachgebiet, wobei sie aber nur eine Einführung geben und die anschließende Diskussion strukturieren. Da sich die vor Ort entstehende Agenda konsequent an den Interessen der Teilnehmer orientiert, wird keine Zeit verschwendet und nicht am Thema vorbei diskutiert. Es entsteht ein kritischer Dialog auf Augenhöhe, ohne starre Hierarchien.

  • Fedex-Day

    In diesem Format, dessen Name sich vom gleichnamigen US-Paketdienst ableitet, beschäftigen sich Fachleute aus verschiedenen Bereichen einen Tag lang mit einem Thema, das außerhalb ihres Zuständigkeitsbereichs liegt. Die Idee: mit frischer Perspektive unbelastet von Fachexpertise über Problemstellungen nachdenken. Die Ergebnisse müssen am Ende des Tages präsentiert werden, so entstehen schnell neue Konzepte bis hin zu Prototypen.

Wozu brauche ich dann Weisheit, wenn ich auch ohne sie wirtschaftlich erfolgreich sein kann?

Kurzfristige Gewinnmaximierung ist auch ohne Weisheit möglich. Aber es ist auch nicht weise, kurzfristig zu denken. Weisheit geht aufs Ganze. Ihr geht es um langfristigen Erfolg. Nehmen wir noch mal das Beispiel der Belegschaft: Gute Arbeitskräfte sind rar und die Wechselbereitschaft der Mitarbeiter nimmt zu. Wenn Arbeitnehmer die wichtigste Ressource der Unternehmen sind, muss der Chef es schaffen, bei ihnen Loyalität und Identifikation zu erzeugen. Dafür braucht es Weisheit.    

Wie kann ich als Führungskraft diese Weisheit erlernen?

Weisheit muss man üben.

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