Kapitalismus: "Habgier kann sehr produktiv sein"

InterviewKapitalismus: "Habgier kann sehr produktiv sein"

von Nils Heisterhagen

Ute Frevert, Direktorin am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung, findet, dass Gefühle im Kapitalismus bedeutend sind und sieht die Gesellschaft in einem ständigen Streit um ihr emotionales Selbstbild.

WirtschaftsWoche: Frau Frevert, Kapitalisten gelten als gefühlskalt. Sie meinen aber, dass Gefühle im Kapitalismus eine wichtige Rolle spielen. Wie passt das zusammen?

Ute Frevert: Gefühle sind auf vielen Ebenen wirtschaftlichen Handelns wichtig. Bei der  Motivierung der Mitarbeiter etwa, wenn es um die Herstellung von Arbeitsfreude oder job satisfaction geht; bei der Werbung für Produkte und ihrem Verkauf an Konsumenten, deren Gefühle dafür „angezapft“ beziehungsweise teilweise auch erst erzeugt werden; bei der Gestaltung von Geschäftsbeziehungen und Vertragsabschlüssen durch gesichtsabhängiges Vertrauen; oder bei der Investition von Kapital und der Formulierung von Gewinnerwartungen.

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Vita

  • Ute Frevert

    Ute Frevert ist Direktorin am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin, wo sie den Forschungsbereich „Geschichte der Gefühle“ leitet. Zu diesem Thema hat sie mehrere Bücher veröffentlicht, als letztes „Vertrauensfragen – Eine Obsession der Moderne“ (C.H. Beck, 2013)

Hat also auch der homo oeconomicus Gefühle?

Aber selbstverständlich! Schon Adam Smith sprach von der Selbstliebe als zentralem Motiv wirtschaftlichen Handelns. Bei Thomas Mann kann man nachlesen, welche Gefühle Thomas Buddenbrook bewegten, als er unter die Spekulanten ging (und daran scheiterte). Dass Menschen ihre ökonomischen Transaktionen nicht nur nach dem Prinzip der Nutzenmaximierung vornehmen, hat sich inzwischen selbst unter heutigen Wirtschaftswissenschaftlern herumgesprochen. Hinter dem, was sie „Präferenzen“ nennen, verbirgt sich in der Regel ein kompliziertes Geflecht sozialmoralischer Gefühle.

Können Gefühle selbst rational sein?

Gefühle kommen nicht einfach „aus dem Bauch“; sie fußen auf vorangegangenen Erfahrungen und sind stark wertend, das heißt an gesellschaftliche Vorstellungen und Konventionen gebunden. Worüber sich Menschen freuen und was sie verabscheuen, wonach sie sich sehnen und wovor sie sich fürchten, ist weit weniger individuell und intuitiv als wir denken. Es hat eine eigene Grammatik und Logik, und es hat Gründe, über die man Auskunft geben kann.  

Es gibt durchaus unterschiedliche und sich entgegenstehende Gefühle. Es gibt Gier, aber auch Mitgefühl. Neid, aber auch Fairness. Woran liegt es, wenn bestimmte Gefühle dominieren?

Gefühle werden erlernt, wir werden nicht damit geboren. Kein Baby ist gierig oder neidisch oder schämt sich. Aber es wird in eine bestimmte Gefühlskultur hineinsozialisiert, von klein auf. Manche Kulturen tabuisieren Gier oder Geiz, andere belohnen solche Gefühle.

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