Lord David Owen: „Jeder hat das Potenzial zum Größenwahn“

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InterviewLord David Owen: „Jeder hat das Potenzial zum Größenwahn“

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Größenwahn: Macht verändert Menschen und führt oft zu schlechten Entscheidungen.

von Jan Guldner

Lord David Owen hat als britischer Außenminister erlebt, wie Macht Menschen verändert - und wie dieser Rausch zu oft schlechten Entscheidungen führt.

WirtschaftsWoche: Lord David Owen, Sie haben als britischer Außenminister und später als Unternehmer viele Mächtige kennengelernt. Wann haben Sie bemerkt, dass Macht Menschen verändert?
Lord David Owen: Ich denke, man muss es selbst erfahren haben, um es zu erkennen. Macht verführt zur Hybris. Und wie die meisten Menschen in Führungspositionen bin ich ihr selbst auch zum Opfer gefallen. Man fühlt, dass man sich verändert, wenn man plötzlich Macht hat.

Was genau ändert sich denn, wenn man in eine Machtposition gerät?
Zunächst ist man als Führungsperson unter großem Arbeitsdruck. Das betrifft Politiker und Geschäftsleute genauso wie etwa Schulleiter oder Krankenhausleiter. Diese Menschen arbeiten oft extrem lange und viel. Sie werden von allen Seiten mit Informationen versorgt, sie bekommen Berge von Dokumente, die sie anschauen und bewerten und auf deren Basis sie entscheiden müssen.

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Von Druck und langer Arbeitszeit alleine wird man aber nicht größenwahnsinnig.
Stimmt. Die Isolation in diesen Positionen ist ein großer Faktor. Man ist in einer Blase und nur umgeben von Leuten, die einem gefallen wollen. Und man ist die ganze Zeit der Versuchung ausgesetzt, sich bewundern zu lassen. Ich habe das ja selbst erlebt, man hört ständig „Ja, Herr Minister, natürlich Herr Minister.“

Zur Person

  • Lord David Owen

    Lord David Owen war mit nur 38 Jahren einer der jüngsten Außenminister Großbritanniens. Im Jahr 1981 trat er aus der Labour Party aus und gründete die Social Democratic Party (SDP). 1992 bis 1995 verhandelte er im Auftrag der Vereinten Nationen den Friedensprozess im ehemaligen Jugoslawien. In seinem Buch „In Sickness and in Power“ analysierte der Neurologe die wichtigen Entscheidungen des 20. Jahrhunderts vor dem Hintergrund der geistigen und körperlichen Krankheiten derer, die sie trafen. Er gründete daraufhin im Jahr 2011 den Daedalus Trust, eine gemeinnützige Stiftung, die die Erforschung der Hybris der Mächtigen fördert.

Unterscheiden sich Politik und Geschäftswelt in ihren Verlockungen?
Ich glaube, dass Hybris und Selbstüberschätzung in allen Jobs, die Macht, Stress und Isolation verbinden, zum Berufsrisiko gehören. Die Voraussetzungen dafür, dass man in einen Rausch der Macht gerät, wie der Philosoph Bertrand Russell es nannte, sind in Politik und Wirtschaft ähnlich. Und dieser Rausch führt dann oft zu schlechten Entscheidungen.

Der Größenwahn kann also jeden treffen?
Ich denke, dass jeder das Potenzial dazu hat. Das war mir aber noch nicht klar, als ich mich zum ersten Mal mit der Hybris der Mächtigen beschäftigt hatte. Ich arbeitete damals als Neurologe und beschäftigte mich außerdem viel mit Psychologie, las die Psychoanalytiker Freud und Jung. Sie gingen davon aus, dass man mit einem bestimmten Charakter geboren wird und die Persönlichkeit ab dem Teenageralter fix ist.

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