Munich Re digitalisiert sich: Wie der Rückversicherer Mitarbeiter und Kunden gewinnen will

Munich Re digitalisiert sich: Wie der Rückversicherer Mitarbeiter und Kunden gewinnen will

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Im Herbst beginnt beim Rückversicherer Munich Re die zweite heiße Digitalisierungsphase.

von Kerstin Dämon

Die Versicherungsbranche hat ein Problem. Nur zwei Prozent der Absolventen können sich vorstellen, bei einer Versicherung zu arbeiten. Das weiß man auch bei der Munich Re – und macht eine digitale Schönheitskur.

„Die Suche nach Talenten wird für Versicherer immer wichtiger. Der Wettbewerb mit konkurrierenden Branchen nimmt durch die technische Entwicklung immer mehr zu", sagt David Rush, der bei der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Deloitte für das Europa-Geschäft zuständig ist. Mathematiker, IT-Experten & Co. werden auch bei Audi, Google oder Amazon gesucht. Und die sind nicht nur für Hochschulabsolventen die attraktiveren Arbeitgeber. Wie eine Deloitte-Studie belegt, zählt der Finanz- beziehungsweise Versicherungssektor nicht zu den Branchen, um die sich Fachkräfte schlagen.

Unter den Hochschulabsolventen können sich sogar nur zwei Prozent vorstellen, für eine Versicherung zu arbeiten. Trübe Aussichten für die Branche. „Es ist kein Geheimnis, dass Versicherungen im Vergleich zur Automobil- oder IT-Branche nicht die attraktivsten Arbeitgeber sind“, sagt Dirk Heiss. Er ist seit 2013 für die technische Infrastruktur bei dem Rückversicherer Munich Re verantwortlich. Er will in dem Unternehmen alte Zöpfe abschneiden und den Arbeitsplatz der Zukunft zu etablieren. Der ist natürlich digital. Und flexibel. „Ich kann einfach nicht mehr erwarten, dass bei einem Termin alle im Büro anwesend sind, einige wählen sich eben über Skype ein“, so Heiss.

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Mittlerweile bietet Munich Re mobile Arbeitsplätze, im Intranet können sich die Mitarbeiter sogenannte Self-Service-Angebote wie bei Amazon zusammen stellen. Wer eine Präsentations-Tool wie Powerpoint herunterladen möchte, dem wird zusätzlich noch das Tutorial "So präsentieren Sie richtig beim Kunden" empfohlen.

Die Kommunikation findet über Skype oder Yammer statt. "Bei uns gibt es beispielsweise Bring your own device, die Mitarbeiter können also wählen, ob sie Firmenhardware oder ihre eigenen Geräte nutzen möchten", so Heiss.

Die Umstellung, nicht nur die des Arbeitsplatzes, kostet natürlich Geld. Laut Heiss sei der "Arbeitsplatz der Zukunft" aber nie eine Kosten-, sondern immer eine Produktivitätsmaßnahme gewesen. Er sagt: "Die Kosten für die Umstellung des digitalen Arbeitsplatzes amortisieren sich in einem akzeptablen Rahmen. Das Problem bei solchen Investitionen ist allerdings, dass man den eigentlichen Geschäftsgewinn nur schwer messen kann und vorher keinen Business-Case hat, der zeigt: Wenn wir das machen, verdienen wir x binnen y. Wäre es so leicht, bräuchte ich den CFO ja gar nicht erst zu fragen."

Kill your product, build a platform: Beispiele zukunftsfähiger Unternehmen

  • Dallara

    Der italienische Rennwagenhersteller baut seit mehr als 40 Jahren Rennautos. Mittlerweile verkauft das Familienunternehmen allerdings mehr oder weniger nur noch das mathematische Modell eines Wagens. Bevor ein Auto Realität wird, ist seine virtuelle Version bereits auf allen Rennstrecken dieser Welt Probe gefahren und entsprechend angepasst worden - und zwar in einem Simulator. Die komplette Geschichte der Transformation der Renn Legende lesen Sie übrigens hier.

  • Nike

    Nike stellt immer noch Schuhe und Sportbekleidung her, aber das Geschäftsmodell hat sich substantiell verändert. "Nike ist eine Marketingfirma, die auch Schuhe verkauft", sagt Michael Wade. Wade ist Professor für Innovation und Strategie an der Schweizer Business School IMD und Leiter des Global Center for Digital Business Transformation von Cisco und IMD.

    Der Sportartikelhersteller zog 40 Prozent des Marketingbudgets ab und investierte es in den Aufbau der Plattform Nike +. Dort können User ihre Lauferlebnisse und Fotos teilen, sich mit anderen vergleichen, Freunde zu Wettbewerben herausfordern, sich Trainingsziele stecken und für deren Erreichen virtuelle Trophäen bekommen. Wer mit Smartphone, Wearable oder einem entsprechenden Sensor im Schuh läuft, kann außerdem seine Joggingrunde veröffentlichen, um so Laufpartner zu finden. Statt den Kunden ein Produkt zu verkaufen, wird Nike damit zum Laufpartner und Ratgeber, zu dem der Kunde eine Beziehung aufbauen kann. Kunden anderer Marken sind übrigens erst recht herzlich willkommen. So kann der Konzern überprüfen, wer in welchem Schuh läuft und merkt rechtzeitig, wenn die Popularität der eigenen Marke nachlässt.

  • Philips Healthcare

    Auf der Plattform von Philips Healthcare, HealthSuite, verbinden sich Patienten, Mediziner und Krankenhäuser rund um den Globus. HealthSuite ist eine offene cloudbasierte Plattform, die klinische und sonstige Daten von verschiedenen Geräten und aus unterschiedlichen Quellen erfasst, zusammenführt und analysiert. Für die Ärzte entsteht so ein echter Mehrwert, weil sie sich mit Kollegen über Therapien und die am besten geeigneten Instrumente und Geräte für Operationen und Chemo-Therapien austauschen können. Und auch die Patienten profitieren von den Informationen. Philipps kann so Geschäftskunden, sprich Praxen und Kliniken, besser an sich binden.

  • Hilti

    Vom einfachen Verkaufsmodell schwenkte Hilti um auf ein Online-Abosystem für Bohrmaschinen. Nachdem der Baumaschinenhersteller Hilti festgestellt hat, dass das Hauptproblem seiner Kunden die Verfügbarkeit von entsprechenden Gerätschaften ist - fehlt die richtige Bohrmaschine, werden die Bauarbeiten unterbrochen, bis das richtige Werkzeug herangeschafft ist - investierte das Unternehmen in ein Open Fleet Management System. Hier können die Kunden das benötigte Material mieten.

  • IBM

    Jüngstes Beispiel ist IBM. Zusammen mit Cisco baut das IT-Unternehmen seine Plattformen aus, um die Arbeitsqualität der eigenen Mitarbeiter zu steigern. Denn auhc das kann eine Plattform liefern.

    Beide Unternehmen entwickeln gemeinsame Lösungen, um die zum Beispiel Meeting-Protokolle, E-Mails oder Telefonkonferenzen auszuwerten und den Mitarbeitern nach Bedarf zur Verfügung zu stellen.

  • GE

    GE betreibt gleich zwei cloudbasierte Predix-Plattformen: Die GE Health Cloud verbindet Ärzte, Patienten, Hersteller und Krankenhäuser in Großbritannien miteinander. Die andere Plattform ermöglicht es Kunden von GE, die Daten ihrer vernetzten Produkte, beispielsweise von Gasturbinen zu überwachen, um so mögliche Störfälle sofort zu bemerken und zu beheben.

Trotzdem haben er und sein Team das Okay des Vorstandes bekommen. Und zumindest die Digitalisierung des Arbeitsplatzes habe sich schon bezahlt gemacht: Die Mitarbeiter seien deutlich zufriedener als vorher.

Im September startet Phase zwei

Damit auch die Kunden zufriedener werden, soll im Herbst die zweite Phase des Digitalprojekts starten: Der Managed Workplace Service. Geplant sind Plattformen für die Kunden, Apps, Multi-Channel-Support. Munich Re setzt auf die Faktoren Plattform, Zusammenarbeit, Information und Kundenbindung. Glaubt man Fachleuten, ist das der richtige Weg, um in einem disruptiven Markt zu bestehen. Denn das funktioniere nur über Plattformen, positive Kundenerlebnisse - oder über einen unschlagbaren Preis.

Zunächst soll das Ganze ein Pilot sein – ein Test. Bewährt sich das System, soll es global verfügbar gemacht werden. Für ein B2B-Unternehmen ist diese Experimentierfreude eher ungewöhnlich, wie Andreas Török sagt. Er ist bei dem IT-Dienstleister Computacenter, der seit 2011 mit dem Rückversicherer zusammenarbeitet, für die Entwicklung des Portfolios zuständig. „Grundsätzlich sind B2C-Kunden eher bereit, etwas auszuprobieren“, so seine Erfahrung. Wer nicht direkt mit dem Verbraucher zu tun hat, ist schließlich auch nicht gezwungen, schnell auf dessen Verhalten zu reagieren. Bei Munich Re ist man da schon ein bisschen weiter. „Munich Re muss in Zukunft auch ein Technologie-Unternehmen sein“, sagt Heiss.

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Stephan la Barré, Quelle: Dominik Butzmann für WirtschaftsWoche

Natürlich läuft die entsprechende Umstellung nicht reibungslos. „Munich Re ist über 130 Jahre alt, da hat man eine ganze Menge Firmenhistorie und natürlich gibt es Vorbehalte im Unternehmen gegenüber technischen Neuerungen“, sagt Heiss. Aber wer nicht mit der Zeit geht, geht mit der Zeit – und das gilt es zu vermeiden.

„In unserem Fall war die Umstellung primär eine strategische Entscheidung. Ich habe gesagt, wir wollen helfen, Munich Re zu einem besseren Arbeitgeber und zu einem besseren Unternehmen zu machen. Und es ist uns gelungen, den Vorstand zu überzeugen. Auch weil er sieht, dass wir auf die Digitalisierung reagieren müssen“, sagt er. "Ob davon die Versicherungsbranche sexier wird, sei mal dahin gestellt, aber im War for talents müssen wir auch hier mithalten können."

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