Macken sind gut für die Karriere

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Psychologie: Macken können ein Karriere-Booster sein

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Viele Manager und andere Mächtige haben schwere Macken.

von Lin Freitag

Ausgerechnet die Erfolgreichen leiden häufig unter Komplexen. Stottern, Heimvergangenheit, ADHS? Sie haben ihre vermeintlichen Schwächen in Stärken umgewandelt. Über das Karriereprinzip des menschlichen Makels.

Wenn man das Leben als Spiel versteht, an dessen Anfang jeder Mensch ein paar Lose in die Hand gedrückt bekommt, dann erhielt Ali Mahlodji wohl die Nieten. Als er zwei Jahre alt war, flüchtete er mit seinen Eltern aus dem Iran nach Österreich. Und von einer Willkommenskultur hatten die anderen Kinder damals aber noch nichts gehört. Sie nannten ihn „Scheißflüchtling“.

Nachdem seine Eltern sich getrennt hatten, fing Mahlodji an zu stottern. So stark, dass er Angst vor der mündlichen Abschlussprüfung bekam: „Ich hatte Panik davor, ausgelacht zu werden.“ Mahlodji wusste sich nicht anders zu helfen, als die Schule kurz vor dem Abschluss abzubrechen und stattdessen Gelegenheitsjobs anzunehmen. Er putzte Böden, zwickte Kinokarten ab, schuftete auf Baustellen. Heute spricht er frei vor Hunderten von Zuhörern, ist EU-Jugendbotschafter und einer der erfolgreichsten Gründer Österreichs.

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Gegen Hänseleien machtlos, gegen das Stottern nicht

Seine Berufsberatungsplattform Whatchado besuchen pro Monat mehr als eine Million Menschen. 2016 sammelte er in einer Finanzierungsrunde 2,5 Millionen Euro Kapital ein. „Was ich beeinflussen kann, will ich ändern“, sagt Mahlodji. Den Rest versucht er zu akzeptieren: „Dass ich gehänselt wurde, konnte ich nicht beeinflussen, das Stottern schon.“ Er überwand den Sprachfehler, indem er seinen Wortschatz stetig erweiterte. Ersetzt Begriffe, die seine Zunge verknoten, heute durch andere.

Egal, ob angeblich zu klein oder zu groß, zu dumm oder zu hässlich, zu dick oder zu arm: Die Liste an Ursachen für Komplexe ist lang. Der eine leidet unter einem übermächtigen Vater, der andere unter einer kühlen Mutter, wieder andere unter sadistischen Mitschülern. „Theoretisch kann jede belastende Situation, die nicht richtig verarbeitet wurde, eine innere Krise auslösen“, sagt Jutta Heller, die als Coach Manager berät.

Manche zerbrechen an einem solchen Komplex. Andere ziehen aus ihm Stärke. Indem sie sich mit den krisenanfälligen Teilen ihrer Persönlichkeit auseinandersetzen und sie annehmen. Indem sie ihre Unzulänglichkeiten als Antrieb nutzen, der sie immer weiter voranbringt. Häufig weiter als andere.

Makel mit Leistung kompensieren

Kein Wunder also, dass viele besonders Erfolgreiche mit Komplexen zu kämpfen haben. „Manager neigen dazu, ihre wahrgenommenen Defizite mit Leistung überzukompensieren“, sagt Wirtschaftspsychologe Rüdiger Hossiep von der Ruhr-Universität Bochum.

„Bei mindestens einem Drittel aller Führungskräfte steht die große Leistungs- und Leidensbereitschaft unmittelbar im Zusammenhang mit der Verarbeitung von Lebensereignissen, teils in der frühen Kindheit und Jugend“, sagt Bibi Hahn, Geschäftsführerin der Organisationsberatung Korn Ferry Hay Group. Und tatsächlich: Ein Blick in die Biografien der Mächtigen zeigt ein Sammelsurium der Unzulänglichkeiten.

Verrückte Manager Warum Chefs größenwahnsinnig sein müssen

Chef von sechs Leuten zu sein, bereitet manchem Bauchschmerzen. Doch wie sieht es bei 600.000 aus? Oder sechs Millionen? Wer Konzerne leiten und Neues erfinden will, braucht eine Spur Größenwahn. Wie viel Hybris gut ist.

Aber auch zu viel Erfolg kann die Motivation abwürgen und zu Bequemlichkeit führen. Wenn sich ein Team fühlt als wäre es angekommen und hätte alles erreicht dann fehlt der Druck Quelle: Getty Images, Montage

Warren Buffett? Litt unter seiner Mutter, die offenbar unfähig war, Zuneigung und Liebe zu geben. Trost fand die Investmentlegende in der Welt der Zahlen. „Schon als Kind hatte er nur ein Ziel“, schreibt sein Biograf Roger Lowenstein, „den alles beherrschenden Wunsch, sehr, sehr reich zu werden.“ Diesen Antrieb kennt auch Carsten Maschmeyer. Der Finanzunternehmer wuchs in Armut auf und bekam es später noch mit einem prügelnden Stiefvater zu tun.

Softbank-Gründer Masayoshi Son wurde in der Grundschule aufgrund seiner Herkunft aus Korea von den japanischen Mitschülern gemobbt und mit Steinen beworfen; in der High School habe er an Suizid gedacht, erzählte er einmal.

C&A-Chef Alain Caparros wiederum flüchtete mit seinen Eltern aus Algerien nach Frankreich und „musste auf schmerzliche Weise erfahren, dass zwischen Erfolg und Ruin nur ein ganz kleiner Schritt liegt“, sagte er dem „Focus“ in einem Interview: „Das werde ich mein Leben lang nicht vergessen.“

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