Ralf Konersmann: Was wir von der Philosophie der Stoa lernen können

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InterviewRalf Konersmann: Was wir von der Philosophie der Stoa lernen können

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Ralf Konersmann.

von Christopher Schwarz

Der Stoizismus wirkt auch nach 2000 Jahren noch befreiend, sagt der Philosoph Ralf Konersmann. Ein Gespräch über die Aktualität Senecas, den Weg zur Selbstbeherrschung und die beruhigende Wirkung des Denkens.

WirtschaftsWoche: Die Denker der Stoa, vor allem Seneca und Marc Aurel, haben heute noch begeisterte Leser - weil diese Leser das Gefühl haben, dass Philosophie hier praktisch, womöglich ratgebertauglich wird?

Konersmann: Das ist ein klassischer Anspruch der Philosophie: den Menschen in ihrer Hilflosigkeit, ihrer Bedrängnis, auch ihrem Glücksverlangen etwas sagen zu können. Aber das Fach hat sich im Zuge seiner Akademisierung gespalten. Schon Kant spricht von einer Philosophie dem „Schulbegriffe“ und dem „Weltbegriffe“ nach. Daran sehen Sie, wie ambivalent die Philosophie schon vor mehr als 200 Jahren war: Einerseits hat sie zunehmend ihren eigenen Interessen, ihren argumentativen und methodischen Bedürfnissen nachgegeben, hat sich immer mehr verästelt und verfeinert, andererseits hat sie versucht, dem Auskunftsbedürfnis des Publikums entgegenzukommen.

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Es ist ihr freilich immer schwerer gefallen, diesen Spagat auszuhalten und auf der populären, der nicht-esoterischen Seite ihren Ansprüchen zu genügen. Und so hat ein Prozess eingesetzt, in dem die Philosophie ihr ureigenes Terrain anderen überlassen musste, den Journalisten, Schriftstellern und Intellektuellen. Daneben gab es natürlich auch immer Figuren wie Schopenhauer oder Nietzsche, nicht zu vergessen Marx, die Nicht-Philosophen faszinieren konnten. Man könnte als Fachphilosoph sagen: Das waren nicht-philosophische Anteilnahmen an der Philosophie. Und das Besondere an der Stoa ist nun, dass sie sich in diesem Spannungsfeld schon immer ganz routiniert bewegt hat.

Buchcover-Montage Ralf Konersmann Die Unruhe der Welt Quelle: Presse

Im vergangenen Jahr erschien Ralf Konersmanns vieldiskutiertes Buch „Die Unruhe der Welt“ bei S. Fischer für 24,99 Euro.

Bild: Presse

Weil sie sich den Lebensfragen der Menschen stellte?

Genau das hat den Dauererfolg der Stoa, die ja mehr als 2000 Jahre alt ist, begründet. Sie wurde immer wieder neu entdeckt. Es gibt eine reiche Rezeptionsgeschichte des Stoizismus. Besonders beeindruckend im frühen 17. Jahrhundert, in der Handelsmetropole Antwerpen, im katholischen Milieu von Kaufleuten und Unternehmern, die aus der engen Dogmatik des Katholizismus ausbrechen wollten, ohne die Glaubensgrundlagen aufzugeben. Zu den führenden Köpfen gehörte auch Rubens, der das berühmte Gemälde des sterbenden Seneca geschaffen hat. Am Antwerpener Beispiel sieht man, wie ungeheuer befreiend der Stoizismus gewirkt hat mit seiner Fähigkeit, dogmatische Grenzen aufzusprengen, Lebensnähe herzustellen und, als entscheidendes Motiv, Sicherheit des Handelns zu ermöglichen.

Zur Person

  • Ralf Konersmann

    Ralf Konersmann, Jahrgang 1955, ist Professor für Philosophie an der Universität Kiel und Mitherausgeber der „Zeitschrift für Kulturphilosophie“ sowie  des „Historischen Wörterbuchs der Philosophie“.

Sicherheit des Handelns in unsicheren Zeiten - ist das ein Versprechen, für das die Stoa seit ihren Anfängen steht? Seit dem Zusammenbruch der griechischen Stadtstaaten im 3. Jahrhundert v. Chr. und dem damit verbundenen Verlust kultureller Selbstverständlichkeiten?

Ja, die Stoa leistet hier etwas, was der Soziologe Niklas Luhmann „Reduktion von Komplexität“ genannt hat. Aber nicht willkürlich, nach Maßgabe irgendwelcher Zwecke und Zielvorstellungen, sondern mit dem Versprechen, dass dies sachlich gebotene, verlässliche  Reduktionen sind, dass sie seriös und tragfähig sind auf Grund ihrer Situationsangemessenheit. Man darf nie vergessen, dass die Stoa nicht nur eine Ethik und Verhaltenslehre ist, sondern immer wieder auf die natürlichen Zusammenhänge reflektiert. Wie Seneca sich als Ethiker versteht, so auch als Naturphilosoph. Und das hat genau diese Pointe: dass die ethischen Vorgaben nicht besonders „moralisch“ sind, etwa im Sinne der christlichen Nächstenliebe, sondern immer entlang der „Natur der Dinge“ formuliert, aus dem „Sein der Welt“ heraus konstruiert werden.

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