Müdigkeit: Warum Schlafmangel die Zusammenarbeit ruiniert

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Schlafmangel: Warum Müdigkeit die Zusammenarbeit ruiniert

, aktualisiert 09. Oktober 2017, 09:20 Uhr
von Lilian Fiala

Der schlaflose Erfolgsmanager ist ein Mythos. Denn er schadet nicht nur seinem Körper. Seine Müdigkeit ist Gift für die Teamführung.

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Ist der Chef ein Monster, ist er vielleicht müde.

Um sieben Uhr morgens ist Jörg Schäfers Flug in Düsseldorf gelandet, eben stand er noch am Gepäckband, jetzt ist es gerade mal acht, er sitzt am Konferenztisch, atmet durch – und schon nach wenigen Minuten meldet sich sein Körper.

Am Vorabend war Schäfer in Chicago gestartet. Der Nachtflug dauerte neun Stunden. Schäfer schlief nur kurz und unruhig, wie so oft. Ihm und seinem Bruder gehört GTP Schäfer, ein Zulieferer für die europäische Gießereiindustrie. Das Unternehmen hat etwa 100 Mitarbeiter und produziert in Deutschland und den USA, mit zwei Betriebsgesellschaften in Indien und China. Daher sitzt Jörg Schäfer oft im Flugzeug.

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Im Konferenzraum holt ihn sofort die Müdigkeit ein. Und er merkt: Den anderen geht es genauso. Die Kollegen diskutieren zwar kontrovers, aber viel Produktives kommt dabei nicht herum. Wir lösen keine Probleme, sondern schaffen neue, denkt Schäfer. Wir beseitigen keine Konflikte, sondern provozieren Missverständnisse. Wir klären keine Verantwortlichkeiten, sondern weisen Schuld zu. „Wer müde ist, argumentiert weniger konstruktiv und emotionaler“, sagt Schäfer. „Darunter leiden das ganze Team und die Qualität der Arbeit.“

Falsche Volksweisheiten rund um den Schlaf

  • Mehr Schlaf ist besser

    Falsch. Menschen haben unterschiedliche Schlafbedürfnisse. Als optimal gelten im Schnitt sieben Stunden. Aber letztlich muss jeder sein Optimum finden. Bestes Indiz: Wer sich tagsüber fit fühlt, hat nachts genug geschlafen.

  • Lieber vor Mitternacht einschlafen

    Falsch. Die Qualität des Schlafs hat damit nichts zu tun. Unserem Körper ist es egal, wann wir einschlafen. Viel wichtiger ist, genügend Stunden tief und fest zu schlummern. Doch klar ist: Je später wir ins Bett gehen, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit, dieses Pensum zu erreichen.

  • Schlaf kann man nachholen

    Falsch. Kurzfristig geht das vielleicht, langfristig sind unregelmäßige Schlafzeiten eher schädlich. Unser Körper liebt Beständigkeit, sie ist essenziell für guten Schlaf. Arbeiten Sie lieber an Ihren Gewohnheiten unter der Woche, anstatt am Wochenende Schlaf nachzuholen. Oder fühlen Sie sich fit, wenn Sie zwölf Stunden durchgeschlafen haben?

  • Bei Vollmond schläft man schlechter

    Falsch. 45 Prozent der Deutschen gehen zwar davon aus, der Mond habe Einfluss auf ihren Schlaf. Ein Zusammenhang zwischen Mondphase und Schlafdauer ließ sich bisher aber nicht nachweisen. Erklären lässt sich dieser Volksglaube eher mit dem Phänomen selektiver Wahrnehmung: Wer nachts wach liegt und am Himmel den Vollmond entdeckt, prägt sich solche Momente stärker ein.

  • Nachts aufwachen nervt

    Jeder Mensch wacht im Schnitt fast 30 Mal pro Nacht auf – allerdings für so kurze Zeit, dass er sich am nächsten Morgen nicht daran erinnert. Das hat die Evolution prima eingerichtet. Für unsere Vorfahren war es essenziell, gelegentlich wach zu werden, wollten sie nicht von Feinden überrascht werden.

Mit dieser Einschätzung steht Schäfer nicht allein. Sicher, noch immer gibt es Topmanager und Politiker, die damit prahlen, wie wenig Schlaf sie brauchen. Tesla-Chef Elon Musk, US-Präsident Donald Trump oder Apple-Chef Tim Cook zum Beispiel brüsten sich mit der Behauptung, Wenig-Schläfer zu sein.

Doch im Zeitalter der Achtsamkeit gewinnt die gesunde Nachtruhe eine neue, fast existenzielle Bedeutung. Auch weil sich die Wissenschaft längst einig ist: Wenig schlafen ist kein Grund für falschen Stolz – sondern Grund zur Sorge. Wer morgens müde ins Büro kommt, trifft nicht nur schlechtere, riskantere Entscheidungen. Sondern Schlafmangel belastet auch das Verhältnis zwischen Chef und Mitarbeitern, belegen neue Untersuchungen – ist Gift für Teamführung und Zusammenarbeit.

Das weiß auch Lennart Knaack, Mitinhaber des Kölner Schlaflabors Intersom. Der Arzt therapiert seit mehr als 20 Jahren Menschen mit entsprechenden Störungen. „Wer dauerhaft unter Schlaflosigkeit leidet“, sagt der Experte, „lebt oft zurückgezogen und wird depressiv.“ Und das führe fast zwangsläufig zu aggressivem Verhalten. Knaack: „Konflikte mit dem Chef und den Kollegen sind dann programmiert.“

Die einen Betroffenen nehmen jede Kritik persönlich und reagieren mit Gegenangriffen statt mit Einsicht. Die anderen kommunizieren Arbeitsaufträge ungenau und ärgern sich infolgedessen über scheinbar unfähige Mitarbeiter. Statt höflicher Aufforderungen formulieren die Menschen lieber schroffe Anweisungen.

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