Tauchsieder: Willkommen in der Bürofabrik

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kolumneTauchsieder: Willkommen in der Bürofabrik

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Das Büro der Zukunft zeichnet sich durch “kollaborative Arbeit in Teambüros”, “räumliche  Flexibilität bei der Arbeitsplatzauswahl”, durch “Bereiche, die zur Kreativität anregen und Inspiration ermöglichen” - so der Imagefilm des Office of Innovation Center. Nach dem Video stellt sich beim Zuschauer Fassungslosigkeit ein.

Kolumne von Dieter Schnaas

Der Fortschritt ist keine Schnecke, sondern ein Huhn - meinen Forscher, die unter “Office Innovation” die Unterbringung ihrer Mitarbeiter in “Bürolandschaften mit Raumgliederungselementen” verstehen. Von der Proletarisierung der Büroarbeit und der Zukunft geistiger Legebatterien.

Mit dem Fortschritt ist es so eine Sache. Francis Bacon mochte wohl Anfang des 17. Jahrhunderts noch daran glauben, das regnum hominis, das Zeitalter der Herrschaft des Menschen über die Welt, errichten zu können. Der englische Frühaufklärer (“Wissen ist Macht”) fand, dass die Scholastik mit ihren ständigen Spekulationen und Gottesbeweisen “seit Jahrhunderten fast unbeweglich auf der Stelle” klebe und immer neue Generationen von Lehrern und Schülern hervorbringe, die sich in ihren Untersuchungen wieder und wieder darin erschöpften, “das bereits Gefundene zu verzieren und zu verehren”.

Die Streitfragen der Theologen und Metaphysiker seien zahllos, fürwahr, ihre Leistungen hingegen unfruchtbar, so Bacon: Sie nützten dem Menschen nichts. Deshalb rief er zur instauratio magna auf, zur “großen Erneuerung” der Wissenschaften auf der Basis von sinnlicher Erfahrung,  Experiment und systematischer Empirie. Es gehe darum, so Bacon, eine “Kampffront gegen das stehende Heer der Vorurteile” zu bilden - und mit “gesundem Sinn” und “gereinigtem Verstand” den “Nutzen für die Größe der Menschheit” zu mehren.

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Vier Jahrhunderte später drängt sich die Frage auf, ob der Fluch von Bacons Optimierungsoptimismus für den modernen Menschen nicht viel böser ist als es der Fluch metaphysischer Spekulationen für den spätmittelalterlichen Menschen je war. Immerhin hat der Glaube an die Möglichkeit menschlicher Selbstvervollkommnung zwischenzeitlich nicht nur so unterschiedlich fortschrittspositiv gestimmte Geister wie G.W.F. Hegel, James Watt oder Louis Pasteur hervorgebracht, sondern auch allerlei Faschisten und Kommunisten auf den Plan gerufen, deren Feldlaborversuche zur Verbesserung des Loses der Menschheit bekanntlich gründlich missglückt sind.

Heute wiederum, nach dem Fall der Mauer und dem Vergehen der Sowjetunion, hält sich der zivilisierte Teil der Menschheit im ideologischen Abklingbecken auf, frisch geimpft mit dem kosmopolitischen Geist von Good Governance, Globalization und Green Sustainability - und vertraut auf andere, auf strahlend weiße Fortschrittskonzepte, wie sie etwa liberale Ökonomen, Amazon-Apple-Designer, Genetiker und Reproduktionsmediziner propagieren. In diesen Konzepten ist viel von der Entfesselung kreativer Kräfte die Rede und von der Bildung, Pflege und Vermehrung des  Humankapitals, von den wunderbaren Möglichkeiten des präimplantationstechnischen Feintunings und den Segnungen algorithmischer Assistenzsysteme, die uns kognitiv entlasten, indem sie uns die schöne, neue Konsumwelt unseren Vorlieben gemäß, wie auf dem Tablett servieren.

Diese Konzepte erzählen uns von digital-individuellen, selbstbestimmten, unternehmerischen Café-Latte-Personen, die viel auf ihre Flexibilität halten - und von jungen Arbeitsathleten, für die “die Vereinbarkeit von Familie und Beruf” ein Kinderspiel ist, weil ein Laptop überall da und jederzeit plug-and-play-bereit ist, wo sich der ursprünglich petrischal aufgezüchtete Nachwuchs gerade effektiv frühbildet. 

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