Tim Leberecht: "Wir berauben uns des Menschseins!"

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InterviewTim Leberecht: "Wir berauben uns des Menschseins!"

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Der Berufsromantiker. Leberecht, 43, ist Autor und Marketingchef des Architekturbüros NBBJ. Der Deutsche lebt seit mehr als zehn Jahren im Silicon Valley und gilt als intimer Kenner der dortigen Start-up-Szene.

Foto: Beowulf Sheehan

von Kristin Schmidt

Der Autor Tim Leberecht verrät, warum Romantiker auch im Job erfolgreich sind und wann Algorithmen uns gefährlich werden.

WirtschaftsWoche Online: Herr Leberecht, seitenweise Excel-Tabellen bearbeiten und stundenlang in stickigen Besprechungsräumen konferieren: Das ist der Alltag vieler Arbeitnehmer. Was hat das mit Romantik zu tun?
Herr Tim Leberecht: Erst mal nichts. Denn zu oft reduzieren wir uns auf unsere Rolle als Homo oeconomicus. Wir versuchen Entscheidungen rein rational zu treffen, arbeiten den Aktenberg möglichst effizient ab und sind nur am Profit orientiert. Aber es ist Zeit, dieses Bild des coolen, abgebrühten, pragmatischen Managers infrage zu stellen. Der Homo oeconomicus ist schließlich nur eine Facette des Menschen, und darauf sollten wir uns nicht reduzieren lassen.

Und der Business-Romantiker ist der Gegenentwurf zum Homo oeconomicus?
Genau. Aber um es deutlich zu sagen: Business-Romantiker sind keine Gutmenschen. Ihnen geht es darum, alle Facetten des Menschseins in ihrer Arbeit auszuleben. Denn wir verbringen bis zu 70 Prozent unserer Zeit mit dem Job. Wie schon die romantische Bewegung im 18. Jahrhundert wenden sich auch die modernen Romantiker gegen die Vernunft, ziehen die Individualität und die subjektive Wahrheit der Objektivität vor. Business-Romantiker sehnen sich nach dem Abenteuer Arbeit und intensiven Erlebnissen. Langeweile ist ihr Feind, und hinter Langeweile verbirgt sich oft eine Fixierung auf das Berechenbare.

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Romanze mit dem Job Ein Plädoyer für Leidenschaft im Wirtschaftsleben

Sehnsucht, Abenteuerlust, Verspieltheit: Eigenschaften, die eine funktionierende Liebesbeziehung prägen, sollten auch in unserem Arbeitsalltag eine tragende Rolle spielen, findet der Autor Tim Leberecht.

Die Augenblicke der Liebe in unserem Arbeitsalltag Quelle: Getty Images

Ihr Idealismus in allen Ehren, aber letztlich geht es in der Wirtschaft um Profit. Da wirkt Ihr Ansatz eher träumerisch.
Das sehe ich anders. Natürlich geht es um Profit, und es liegt mir fern, die Mechanismen der Marktwirtschaft infrage zu stellen. Dennoch halte ich die Wirtschaft für ein emotionales Feld und somit für eine wunderbare Arena, um unsere romantischen Sehnsüchte auszuleben. Unternehmen, in denen Romantiker wichtige Positionen besetzen und die es schaffen, ein romantisches Verhältnis zu ihren Mitarbeitern und Kunden aufzubauen, werden langfristig erfolgreicher sein. Und wenn Menschen sich mit ganzem Herzen einbringen, dann ist das ein unbezahlbarer Wettbewerbsvorteil.

An welche Unternehmen denken Sie?
Apple natürlich oder auch Virgin. Sehr interessant finde ich auch den Elektroautohersteller Tesla. CEO Elon Musk ist ein Visionär, der wie die alten Romantiker keine Angst vor großen Träumen hat oder gegen Konventionen und rein rationales Handeln aufzubegehren – die Möglichkeit des Scheiterns immer inbegriffen. Er zieht auch potenzielle Kunden in den Bann.

Solche Charismatiker sind die Ausnahme...
Bei jedem Vertragsabschluss sind Emotionen im Spiel, denn jedes Geschäft wird zwischen Menschen geschlossen. Und wenn wir auf unser Berufsleben zurückblicken, werden wir uns nicht an die Höhe eines abgeschlossenen Millionenvertrags erinnern.

Sondern?
Daran, wie wir gezittert haben, ob die Gegenseite unseren Vorschlag akzeptiert oder mit welchen Worten wir sie überzeugt haben. Kleine Momente, derer wir uns einfach nur bewusst werden müssen und die erst aus der Entfernung groß werden. All die Momente, in denen wir etwas Neues gewagt, etwas die Kontrolle verloren und die Welt mit „frischen Augen“ gesehen haben, wie das Marcel Proust formulierte.

Wie können wir solche Momente in unseren Arbeitsalltag einbauen?
Indem wir die Routine für einen Moment durchbrechen. So schaffen wir kleine Abenteuer, nach denen wir uns immer wieder sehnen, weil wir uns durch sie lebendig fühlen. Das ist auch der Grund, warum wir in exotische Länder reisen oder Extremsportarten machen.

Sie glauben, ein normaler Arbeitstag kann so aufregend sein wie eine Rafting-Tour?
Ja. Nehmen Sie doch mal all die Gründer im Silicon Valley. Sie sind so etwas wie moderne Goldgräber, die nicht nur das Gold suchen, sondern auch das Abenteuer. Eine romantische Sehnsucht hat sie dorthin getrieben. Sie wollen sich ausprobieren, an ihre Grenzen gehen.

Einverstanden. Aber was ist mit dem normalen Angestellten?
Wenn man eine neuen Stelle antritt, kommt einem alles aufregend vor, man erlebt ständig Neues, vielleicht sogar Euphorie wie zu Beginn einer Liebesbeziehung. Einige Studien haben aber festgestellt, dass nach etwa sechs Monaten Routine einkehrt. Alles ist vorhersehbar: jeden Morgen die gleiche Konferenz, die gleichen Telefonate.

Und was soll ich daran ändern, wenn nicht den Job wechseln?
Versuchen Sie, den Zauber der ersten Verliebtheit wiederherzustellen. Seien Sie ein Fremder, wie an Ihrem ersten Arbeitstag. Verlassen Sie gewohnte Bahnen, begeben Sie sich außerhalb Ihrer Komfortzone. Das beginnt schon mit dem Weg zur Arbeit. Sprechen Sie zum Beispiel Ihren Sitznachbarn in der Bahn an.

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