Unternehmer Friedhelm Wachs kritisiert Margot Käßmann

InterviewUnternehmer Wachs kritisiert Käßmann: "Nahezu alle Manager und Unternehmer verhalten sich integer!"

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Margot Käßmann, frühere Landesbischöfin von Hannover

von Kerstin Dämon

Margot Käßmann hat erklärt, den ehrbaren Kaufmann gebe es immer seltener. Der Unternehmer Friedhelm Wachs sagt: Es gibt ihn sehr wohl und er ist das Rückgrat der deutschen Wirtschaft.

WirtschaftsWoche: Margot Käßmann, ehemalige Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, hat vor Kurzem in einem Interview mit der WirtschaftsWoche gesagt, dass es den "ehrbaren Kaufmann" immer seltener gebe. Sie widersprechen Frau Käßmann heftig. Was stört Sie an ihren Aussagen?

Friedhelm Wachs: Ich kann die Aussagen von Frau Dr. Käßmann so nicht stehen lassen. Sie sind empirisch und inhaltlich falsch. Weder Manager und Unternehmer noch die Mitarbeitenden werden von ihr realistisch und angemessen dargestellt. Die einen als gierige Finanzhaie nach Gewinn und Dividende, die anderen als hilflose Schafe, mit denen ihre Chefs machen, was sie wollen. Was soll das?

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Was ist daran falsch?

Viele Menschen irritiert zunächst diese pauschale Diffamierung von Managern als potentiell unehrbare Kaufleute. Sie ist schlicht falsch. Der Ehrbare Kaufmann steht besser denn je da – auch als Kauffrau. Nahezu alle Manager und Unternehmer verhalten sich integer! Diese ehrbaren Kaufleute sind das Rückgrat der deutschen Wirtschaft. Zudem hat sich im System viel getan. Mit dem Corporate Governance Codex hat die Wirtschaft ein System entwickelt, das Fehlentwicklungen vorzubeugen hilft. Und Handwerker und Mittelständler hätten auf dem Markt ohne Anstand gar keine Chance zu überleben. Ohne das Prinzip des ehrbaren Kaufmanns als Grundlage wirtschaftlichen Handelns gäbe es die deutsche Wirtschaftserfolgsgeschichte schlichtweg nicht.

Zur Person

  • Friedhelm Wachs

    Friedhelm Wachs ist Unternehmer und geschäftsführender Partner der Internationalen Beratungsgesellschaft LaxWachsSebenius. Wachs ist stellvertretender Vorsitzender des Arbeitskreises Evangelischer Unternehmer in Deutschland (AEU). Der AEU gilt als Brücke zwischen Evangelischer Kirche und Wirtschaft.

Aber das kriminelle Verhalten, das wir bei der Deutschen Bank mit Kursmanipulationen in fast allen Bereichen gesehen haben, den Abgasskandal bei VW und jetzt das Kartell der Automobilindustrie können Sie doch nicht unter den Tisch kehren. Wo ist da der Anstand?

Es gibt ohne Frage verheerende Beispiele kriminellen Verhaltens in der Wirtschaft und zwar auch über Hierarchie- und manchmal auch über Unternehmensgrenzen hinweg. Das gab es schon immer. Dem tritt der Rechtsstaat mit aller Härte, aber eben auch mit der Nüchternheit des Gesetzes, entgegen. Wer das Gesetz bricht, gehört bestraft. Das ist gut so. Das finden Unternehmer, Manager und die Gesellschaft richtig.

Spielen Sie das Thema da nicht ein wenig sehr herunter? Too big to fail kann sich doch nicht alles leisten.
Nochmals. Natürlich sind allein schon die zugegebenen Verstöße nicht akzeptabel und Kriminalität gehört bestraft. Punkt. Aber ich kann doch nicht das jetzt aufgedeckte Verhalten von angeblich 200 Personen in der Automobilindustrie auf die knapp 4 Millionen Führungskräfte allein in der Privatwirtschaft übertragen. Das sind 0,005 Prozent. Die allgemeine Kriminalitätsrate liegt in Deutschland bei 7,8 Prozent. Die Statistik des Bundesinnenministeriums spricht davon, dass etwa 0,1 Prozent der Kriminalitätsrate auf Wirtschaftsstraftaten entfällt. Das sind doch Fakten, mit denen man umgehen muss, wenn man über Menschen in der Wirtschaft spricht.

Margot Käßmann "Den ehrbaren Kaufmann gibt es immer seltener"

Ein guter Manager sei verlässlich, integer, übernehme Verantwortung – und die Mitarbeiter ernst. Dieser Typ sei aber selten, sagt die ehemalige Ratsvorsitzende der evangelischen Kirche, Margot Käßmann.

Quelle: dpa

Eine Reihe von Auswüchsen scheinen zwar legal zu sein, werden aber von der Gesellschaft nicht als legitim wahrgenommen. Auch das hat mit Anstand zu tun. Wie wollen Sie die in den Griff bekommen?

Einigkeit besteht auch bei den meisten Menschen darin, dass nicht alles, was legal ist, auch legitim ist. Dennoch bewegen sich einzelne Akteure im Grenzbereich. Hier kommt es auf ein Mindestmaß an Individualethik an. Max Weber würde sagen: auf Gesinnungsethik. Meist ist eine solche Ethik bei Managern vorhanden. Der Mensch ist per se ein sittliches Wesen.

Und wenn die Individualethik fehlt? Was dann?

Wo individuell ethische Grundhaltungen fehlen, wirken Kunden und NGOs von außen. So machen Lobbygruppen beispielsweise aus dem Umweltschutz oder den Eine-Welt -Initiativen von außen wirksam Druck. Das führt zu Imagefragen im Markt, die jedes Unternehmen für sich beantworten und den Schaden aus seinem gefühlten Fehlverhalten ggf. selbst tragen muss.

Der ehrbare Kaufmann Reputation ist für Unternehmer alles

Wer heute erfolgreich sein will, muss nicht nur technisch fit sein. Er braucht auch eine gute Reputation - bei Kunden, Partnern, Mitarbeitern und Bewerbern. Zeit, sich wieder am ehrbaren Kaufmann zu orientieren.

Manager sollten sich - heute mehr denn je - am Leitbild des ehrbaren Kaufmanns orientieren.

Wie kommt es zu solchen kriminellen und moralischen Auswüchsen?

Niemand geht mit Absicht Pleite und höchst selten hat jemand von Anfang an einen Masterplan für den Betrug in der Tasche. Aus der Forschung wissen wir: Es beginnt vielmehr mit kleinsten Verfehlungen. Das klappt, wird normal. Dann wird darauf die nächste Verfehlung gesetzt. Auch das ist nur ein kleiner weiterer Schritt, der klappt. Aber in der Summe addieren sich die zwei Verfehlungen. So geht es weiter.

Oder im Labor werden alle möglichen Systeme getestet, oft auch als Nebenergebnisse der Forschungsarbeit. Und dann findet das jemand spannend und lässt experimentieren und plötzlich steht da ein Werkzeug, eine Software, die kriminelles Verhalten erst ermöglicht. Und dann entscheidet einer, es zu testen, und der Test wird verlängert und dann wird daraus schleichend Normalität. Am Ende kommt alles ins Rutschen, weil es schon längst illegal ist. Der Absturz in die Kriminalität kann gut als negative Exponentialkurve dargestellt werden. Erst sieht es wenig aus, dann ist es für Nichtbeteiligte offensichtlich, während die Beteiligten es nur als den nächsten kleinen Schritt empfinden.

Der Kern ist aber: Wir erleben in der Wirtschaft nicht mehr Fehlverhalten und Kriminalität als sonst in der Gesellschaft auch. Deshalb sind Frau Dr. Käßmanns Aussagen über Manager bestenfalls unanständig.

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