
Als Fernsehjournalistin Bettina Schausten Bundespräsident Christian Wulff vor Millionen TV-Zuschauern den Vorschlag machte, für jede Übernachtung bei Freunden künftig 150 Euro zu zahlen, konnte sich der geneigte Zuhörer nur wundern. Legte die öffentlich-rechtliche Journalistin mit ihrer Forderung doch einen Maßstab an, dem kein Mensch genügen kann.
Schaustens offenkundig absurder Einwurf aber ist nur die Spitze des Eisbergs: Wir tendieren zu einer Durchmoralisierung unseres Privatlebens, ja unserer Gesellschaft. Wenn jede Aufmerksamkeit unter Freunden aber unter den Generalverdacht der Korruption gerät, ist gefährlich. Und zwar ganz grundsätzlich.
Quelle: dapdPhilipp Hildebrand
In seiner Funktion brauche er absolute Glaubwürdigkeit, sagte Hildebrand zu seinem Rücktritt vor wenigen Wochen – doch daran mangelte es ihm erheblich. Seine Frau hatte mit vermeintlichen Insidergeschäften etwa 62.000 Euro verdient.
Quelle: dpaDominique Strauss-Kahn
Im Mai 2011 wurde er am New Yorker Flughafen festgenommen. Der Vorwurf: versuchte Vergewaltigung. Vier Tage später legte er sein Amt nieder – das Gespür für angemessenes Verhalten hatte er schon viel früher verloren.
Quelle: dpaLouis van Gaal
An seiner fußballerischen Kompetenz besteht kein Zweifel, an seinen Führungsqualitäten schon: Van Gaal sei „menschlich eine Katastrophe“, sagte Bayern-Präsident Uli Hoeneß einige Monate nach van Gaals Demission im Juni 2011.
Quelle: dpaKarl-Theodor zu Guttenberg
„Meine von mir verfasste Dissertation ist kein Plagiat“, sagte zu Guttenberg im Februar 2011 – und bewies damit die Geisteshaltung eines machtbeschwipsten Lügenbarons. Wenige Wochen später legte er alle Ämter nieder und zog in die USA.
Quelle: dpaWendelin Wiedeking
Mit dem größenwahnsinnigen Plan, den VW-Konzern zu übernehmen, vergrätzte er Porsche-Miteigentümer Ferdinand Piëch. Im Juli 2009 trat Wiedeking nach 16 Jahren zurück – und hinterließ dem Autobauer einen finanziellen Scherbenhaufen.
Philipp Hildebrand
In seiner Funktion brauche er absolute Glaubwürdigkeit, sagte Hildebrand zu seinem Rücktritt vor wenigen Wochen – doch daran mangelte es ihm erheblich. Seine Frau hatte mit vermeintlichen Insidergeschäften etwa 62.000 Euro verdient.
Zwang zur Scheinheiligkeit
Einlösen können solche Ansprüche allenfalls Blender. Denn wer für ein Wertesystem plädiert, nach dem niemand leben kann, zwingt zur Scheinheiligkeit. Und stellt die Weichen für die Beförderung nicht der fähigsten Leute, sondern der besten Täuscher und Selbstdarsteller.
Natürlich ist klar: Wer an der Spitze steht, hat Vorbildfunktion – sei er Politiker, angestellter Manager oder selbstständiger Unternehmer. Als erfolgreiche, gestaltungsmächtige Menschen können sie vorleben, was es heißt, selbstbestimmt und zielstrebig zu leben, ohne dabei an Menschlichkeit einzubüßen. Die amerikanische Unternehmensberatung Hay Group sieht sogar ein neues Führungsideal am Horizont aufsteigen: den post-heroischen Manager, der in einer völlig unberechenbaren Geschäftswelt neue Wege finden muss, um Loyalität zu schaffen. In der Hay-Studie „Leadership 2030“ heißt es, dass „für immer mehr Menschen ... die Vereinbarkeit von privaten Werten und Zielen mit den Unternehmensanforderungen entscheidend sei, persönliche Loyalität wird wichtiger werden als die zu einem Unternehmen“.
Nur Mindeststandards
Menschen möchten sich mit ihren Vorbildern identifizieren können. Sicher muss man dann von solchen Vorbildern moralische Mindeststandards verlangen. Aber: eben nur Mindeststandards. Die Überhöhung eines Vorbilds zu gottgleichem Status ist kontraproduktiv. Wer diese Überhöhung annimmt, belügt sich und die Öffentlichkeit, unweigerlich. Solche Möchtegern-Vorbilder machen es langfristig gesehen unmöglich, dass sich Menschen mit ihm auf gesunde Art und Weise identifizieren können.
In die Wertefalle zu tappen, dieses Risiko ist auch für Führungskräfte gestiegen. Seitdem die Unternehmen Compliance-Richtlinien zur tadellosen Unternehmensführung aufgestellt haben, sind alltägliche Aufmerksamkeiten wie die Einladung zum Geschäftsessen oder das Weihnachtsgeschenk, tabu. Diese Political Correctness spiegelt angeblich die gängige öffentliche Meinung wider.













