Das niedrigschwellige Angebot hat allerdings auch Schattenseiten. So bekam die Kölner Blondine längst Offerten mit deutlich privaterem Bezug. „Einer hat mir eine Woche lang gemailt, dass er mein Foto so schön findet und mit mir unbedingt einen Kaffee trinken will“, erinnert sich Sieg. „Selbst als ich ihm schrieb, er soll aufpassen, ich sei in festen Händen, hat er nur geantwortet: Ist doch egal, ich auch.“ Inzwischen hat die Eventmanagerin ihr Foto ausgewechselt und meldet aufdringliche Zeitgenossen dem System. Das geht per Knopfdruck und ist so eine Art Selbstreinigungsfunktion mit klaren Regeln: Wer öfter auffällt, fliegt raus. Der Club verbindet heute nach eigenen Angaben Menschen in 226 Ländern. 72 Prozent davon sind Männer, das Gros Geschäftsleute zwischen 25 und 65 Jahren. Das Durchschnittsalter liegt bei 35 Jahren. Topmanager sind aber selten, es dominieren kommunikative Berufe wie Berater oder Vertriebler. Einen nennenswerten Ansteckungsgrad erreicht OpenBC nur im deutschsprachigen Raum mit rund 800.000 Mitgliedern. Das Gefecht ums globale Geflecht ist schwer. Hinrichs setzt seine Hoffnungen derzeit in den asiatischen Markt. Er weiß, OpenBC muss wachsen, um seinen Wert zu steigern. Der Risikokapitalgeber Wellington Partners stieg Ende des vergangenen Jahres mit 5,7 Millionen Euro bei OpenBC ein. Geld, das die Münchner verzinst zurückwollen. Branchenkenner vermuten deshalb bald einen Börsengang. „Wir können uns vieles vorstellen“, sagt Hinrichs. Vorstellen ja, aber leicht wird das nicht. Der Versuch, die Software an Dritte zu vermieten, schlug fehl. Vor wenigen Wochen nahmen die Hamburger das Angebot vom Markt. Geld bringen sollen dafür die so genannten Premium-gruppen, eine Art Club im Club, der von zahlenden Unternehmen oder Alumni-Netzen autonom auf der Plattform eröffnet wird. Zugang zu den Zirkeln findet nur, wer von den Betreibern eingeladen wird. Bisher gibt es nur 15 dieser Clubs. Für jedermann offen sind dagegen die rund 5300 internen Foren, die sich hier Gruppen nennen. Für Thorsten Hahn ist seine Gruppe so etwas wie eine Geschäftsgrundlage. Der 39-jährige Vertriebstrainer ist mit über 13.000 Kontakten der deutsche Mister Netzwerk. Mehr Vitamin B hat auf OpenBC keiner. Dafür macht er einiges: Als Hahn im März 2004 Mitglied wird, eröffnet er sofort ein Forum, den „Bankingclub“. Mithilfe der so genannten Suchagenten schreibt er alle Mitglieder an, in deren Profilen etwa „Bank“ oder „Versicherung“ steht. Zudem spült ihm das Programm täglich passende Neuzugänge auf den Rechner. „Das sind bis zu 100 am Tag“, sagt der Kölner. Über 14.000 Mitglieder hat sein Club so verdrahtet, jeden Monat kommen 1000 dazu. Binnen zwei Jahren ist so eines der größten Online-Finanzforen Europas entstanden. Eines, das sogar Geld abwirft.
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Denn zu der virtuellen Gruppe hat Hahn vor einem Jahr den realen Bankingclub gegründet, mit 50 Veranstaltungen an acht Standorten pro Jahr und schon über 500 Mitgliedern, die aus dem Forum stammen. Jeder von ihnen überweist ihm jährlich 60 Euro. Die regelmäßigen Treffen werden derweil von 25 Sponsoren finanziert. Banker sind eine beliebte Zielgruppe. Noch kann Hahn von seinem Club nicht leben, noch gibt er Seminare. Noch. „Vom Umsatz her würde es reichen“, sagt er. Und solange OpenBC wächst, sind seine Expansionspläne gesichert. Die Vision teilt er mit Jochen Taaks. Der 54-Jährige leitet seit 2002 das Hochschulmarketing der Uni Hamburg. Seit September 2005 ist er bei OpenBC. Ein Kollege hatte ihn eingeladen. „Mach da mit“, hatte der gesagt, „alle anderen sind schon da.“ Alle anderen waren zunächst Unternehmen, die Tagungsräume suchten. Oder Filmteams, die Drehlocations sondierten. „Nur so ein Spielzeug für Nerds“, dachte Taaks über den Club. Dann kam der Tag, an dem er einen Alumni-Verein gründen wollte. Wie alle Hochschulen ist auch die Hamburger Uni notorisch klamm. Erst recht, wenn es um ihre Ehemaligen geht. Die sollen spenden, aber nichts kosten. Da kam Taaks die Idee der Premiumgruppe. Im Mai dieses Jahres geht sie ans Netz. Taaks verfasst einen Brief, OpenBC verschickt ihn an 11.000 Mitglieder, in deren Lebenslauf die Uni auftaucht. Knapp 2000 antworten. Jetzt ist Taaks selber Nerd und stolz auf seine Idee: Andere deutsche Hochschulen brauchen viel Zeit und Kapital, um ihre Alumni zu verbinden. Selten erreichen sie mehr als 3000 Mitglieder. Er hat zwei Drittel davon in einem Monat zusammen – und „nur ein paar tausend Euro ausgegeben“. Einige Gefahren birgt das rasante Wachstum jedoch auch. Bis 2007 will OpenBC zehn Millionen Menschen verdrahten. Mit jedem Neuzugang verschärft sich der Konflikt zwischen Qualität und Quantität. Je bevölkerter die Plattform, desto unübersichtlicher, weniger gehaltvoll wird sie. „Ich finde die zu groß“, moniert etwa Christof Kahlert, Unternehmensberater bei der GE-Moneybank. Zu jedem Thema gäbe es bereits zu viele Foren und „zu viel Blabla“. Trotzdem ist die Zahl der Karteileichen erstaunlich gering. 70 Prozent der Mitglieder haben sich nach Unternehmensangaben in den vergangenen 30 Tagen eingeloggt. Die Aktivitätskurve der meisten zeigt jedoch nach anfänglicher Euphorie rasch nach unten. Sind erst einmal alte Freunde gefunden und ein paar E-Mails ausgetauscht, kommt das große Schweigen. Die Risiko ist groß, dass der Club durch seine schiere Masse zu einem sich selbst aktualisierenden Telefonbuch oder Vertriebskanal für Selbstständige mutiert. Die Folge: Die wirklich wichtigen Kontakte lagern sich aus dem Großraum in ein separates, exklusives Netzwerk aus. Die offene Gesellschaft schließt wieder ihre Pforten.













