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Online-Netzwerke: Smarte Bande

von jochen.mai@wiwo.de, andreas große halbuer und cornelius welp

Die zweite Karriere von Robert Lang beginnt mit einem Temperatursturz von 45 Grad. Silvester feiert der 33-Jährige bei 42 Grad im Schatten im australischen Melbourne, davor ist er mit seiner Frau durch Afrika, Asien und Amerika gereist. Ein Jahr berufliche Auszeit. Anfang des Jahres zurück aus Australien sitzt Lang bei minus drei Grad in München, sucht eine Wohnung und einen neuen Job. Er meldet sich bei OpenBC an, einem kostenlosen Business-Netzwerk im Internet – und findet Martin Varsavsky.

Varsavsky gründet gerade Fon.com. Das Unternehmen will weltweit private Online-Zugänge per Funk verbinden, so genannte WLAN-Hotspots aufbauen. Lang ist die Materie nicht fremd. Vor seiner Weltreise arbeitete er als kaufmännischer Leiter beim Münchner WLAN-Provider Swisscom Eurospot. Er schreibt Varsavsky über das Netzwerk eine Mail: „Hallo, ich habe von Ihrem Projekt gelesen und vier Jahre nichts anderes gemacht. Jetzt suche ich eine neue Herausforderung. Interesse?“ Schon am nächsten Tag verabreden die beiden ein Treffen. Zwei Wochen später hat Lang ein neues Büro. Er ist nun Geschäftsführer Deutschland und Head of European Development von Fon.com. Solche Geschichten wiederholen sich täglich 100-fach auf OpenBC. Mit inzwischen knapp 1,3 Millionen Mitgliedern ist der Hamburger Online-Club derzeit führend in Deutschland. Täglich melden sich knapp 4000 neue Netzwerker bei der Kontaktbörse an. Viele suchen alte Klassenkameraden, andere wollen den Kontakt zu Freunden halten, wieder andere Geschäftspartner finden. „Statt aktuellen Visitenkarten sammle ich hier permanente“, sagt Florian Schweitzer, Partner des Schweizer Finanzkreises Brains-to-Ventures. „Die brauche ich nie zu aktualisieren. Das macht hier jeder selbst.“ OpenBC profitiert vom Boom der so genannten Social Software: Dazu gehören Online-Netze wie Friendster oder MySpace, Webforen oder Blogs, auf denen die Menschen weltweit Freundschaften pflegen und Informationen austauschen. „Mediale Nähe ist heute wichtiger als räumliche“, sagt der Duisburger Trendforscher Peter Wippermann. Kontakte zu Berufskollegen vor Ort verlieren an Bedeutung, das Internet lässt dafür neue Geflechte über große Distanzen hinweg entstehen. Die erlauben es, gezielt zu entscheiden, in wen man Zeit und Mühe investiert, genauso wann man einen Dialog beginnt, fortsetzt oder abbricht. „Beziehungen“, sagt Wippermann, „werden immer ökonomischer bewertet.“ Dabei nehmen virtuelle Clubs ihren Teilnehmern viel Arbeit ab. Die Profile der Mitglieder bieten eine Transparenz wie sonst nirgendwo. Werdegang, persönliche Vorlieben, Freundeskreis – alles Informationen, mit denen sich etwa Chris Alt, 34, regelmäßig einen Vorsprung verschafft. Die freie Art Direktorin aus Hamburg ist seit September 2004 bei OpenBC und arbeitet befristet für Werbeagenturen und Unternehmen. Bevor sie einen Job antritt, lernt sie ihre Kollegen in spe im Netz kennen: „In der Suchmaske gebe ich den Namen des Auftraggebers ein und schaue mir die Profile der Leute an, mit denen ich später arbeiten könnte – inklusive Foto. So habe ich vorab ein Bild von den Kollegen und Themen für ein nettes Gespräch.“ Das nutzen auch Profis. Für Personalberater ist OpenBC eine Goldgrube, „um erste Informationen über mögliche Kandidaten zu bekommen“, sagt etwa Sörge Drosten, Partner bei Kienbaum Executive Consultants. Bei den Personalberatern werden so pro Woche rund 100 Profile abgeklopft. Die besten Posten werden ohnehin über Beziehungen vergeben. Wichtig sind dabei „die Kontakte auf zweiter Ebene“, sagt Christian Kruse, Netzwerkexperte am Institut für Bankwesen der Universität Zürich. Also die Leute, die man nicht persönlich kennt, zu denen aber über gemeinsame Bekannte eine Verbindung besteht. „Strength of weak ties“ nannte der US-Soziologe Mark Granovetter das Phänomen bereits in den Siebzigerjahren. Die Zahl dieser potenziellen Karrierehelfer erreicht in Netzen wie OpenBC leicht 10.000.

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Die Hemmschwelle, „jemanden mal eben anzupiepen, ist hier sehr gering“, bestätigt Marco Ripanti. Der 34-Jährige ist Geschäftsführer der „Bildungsgruppe“, eines Branchenportals für Dozenten und Managementtrainer. Auf OpenBC betreibt er ein eigenes Forum zum Thema. Über einen seiner Kontakte stieß er kürzlich auf den Deutschlandchef von Amazon, Ralf Kleber, und schickte ihm spontan einen Dreizeiler – nachts um 23 Uhr. 20 Minuten später kam die Antwort. „Der war wohl auch gerade online“, staunt Ripanti. Inzwischen planen die beiden ein Partnerprogramm. Netzwerken kann so einfach sein. Manchmal zu einfach. In der Anonymität des Netzes verlieren einige alle Hemmungen. Als der Hundebesitzer Ripanti dort eine Diskussionsgruppe für Haustiere eröffnete, entstand ein Riesenstreit über die richtige Tierhaltung. „Die Leute haben sich übel beleidigt“, sagt Ripanti. Dann fingen einige an, per Google uralte Aussagen auf Webforen oder Privates zu recherchieren und gegeneinander öffentlich zu verwenden. Daraufhin flogen die Hitzköpfe raus. Netzwerken kann auch nerven. Dabei fing es beschaulich an: Im November 2003 gründet der damals 26-jährige Lars Hinrichs die Plattform mit 470 Freunden und Bekannten. Im amerikanischen Silicon Valley werden solche Netze gerade als das „nächste große Ding“ gefeiert. Viele gehen an den Start. Auch in Deutschland. Im Gegensatz zu OpenBC setzen die meisten aber auf Klasse statt Masse. Sie erreichen bis zu 10.000 Mitglieder. Dann ist Schluss. Bei OpenBC aber steigen die Zahlen exponenziell. Grund: der so genannte virale Effekt. Irgendwann sind genug Leute an Bord, dass sie Freunde und Bekannte „infizieren“, die wiederum Freunde einladen. Wie die meisten virtuellen Kontaktbörsen bieten auch die Hamburger eine kostenlose Mitgliedschaft an. Die besten Funktionen aber gibt es nur gegen Bares. Wer 5,95 Euro im Monat zahlt, wird so genanntes Premiummitglied und kann sehen, wer das eigene Profil angeschaut hat, bekommt mehr Suchfunktionen und kann anderen Mitgliedern eine interne Mail schicken. Die Funktionen sind beliebt – und sichern die Haupteinnahmequelle des Unternehmens: Knapp 20 Prozent der Mitglieder zahlen, sagen Insider. Ensprechend plant OpenBC dieses Jahr einen Umsatz von zehn Millionen Euro. Wie viel Geld nach Abzug der Kosten übrig bleibt, verrät Hinrichs nicht. Nur so viel sagt er: „Wir sind profitabel.“ Das verdankt er Leuten wie Nadja Sieg. Die 27-jährige Gründerin der Kölner PR- und Event-Agentur b.effective knüpft seit zwei Jahren über das Netz smarte Bande zu potenziellen Kunden oder informiert sich vor Terminen gerne mal über deren Werdegang. Umgekehrt geht ihr das genauso: „Vor Kurzem hat mich ein Veranstaltungskaufmann angemailt, weil er einen Job suchte“, sagt Sieg. „Der hat gesehen, was ich mache, und unaufdringlich gefragt, ob ich eine freie Stelle hätte. Nächsten Monat fängt er bei mir an.“

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