
In der klassischen Ökonomie ist das Eigeninteresse ein Synonym für die „gemeinsame Sache“. An welchem Punkt aber schlägt dieses Eigeninteresse in Gier um?
Es gibt eine offene Grenze zwischen dem richtig verstandenen Eigeninteresse und der moralisch verwerflichen Gier. Das Selbstinteresse kennt keine Besessenheit. Gier schon. Wobei die Geldgier sich zum Beispiel von der Fressgier unterscheidet. Von beiden Begierden ist man getrieben: Man will immer mehr. Aber im Unterschied zur Fressgier manövriert man sich mit der Geldgier nicht in eine Situation hinein, in der man -abhängig vom Gegenstand der Gier ist. Das, was man bekommt, das Geld, steht für einen enormen Horizont von Handlungsoptionen.
Man kann es sogar verschenken, wie die Superreichen in den USA. Handelt es sich bei diesen freiwilligen Gaben um Kompensationen der früheren Gier?
Vielleicht. Vielleicht aber auch nicht. Im Prinzip gibt es zwei mögliche Motive, ein schlechtes und ein gutes. Das eine Motiv ist: Man will sein symbolisches, kulturelles Kapital erhöhen, indem man sein ökonomisches verkleinert. Man steht dann als Wohltäter der Menschheit da und sonnt sich in seiner Philanthropie. Die andere Motivlage ist: Man sieht ein, dass man bei seinen Anstrengungen immer auch von anderen profitiert hat. Man erkennt, dass man ein Kind seiner Eltern ist, ein Bürger seines Landes – und man findet, dass es ganz normal ist, von seinem Glück etwas zurückzugeben.
Wie kann ein Philosoph, der weder reich ist noch Regulierungsgesetze verfasst, die „gemeinsame Sache“ befördern?
Er kann mit starken Beschreibungen der Lebensstile aufwarten. Und er muss darauf hoffen, dass sich seine Argumente ausbreiten wie ein Lauffeuer. Warum zum Beispiel sprechen wir beim Thema der Vereinbarkeit von Beruf und Familie von einer „Doppelbelastung“? Wir benutzen dieses Wort, ohne zu merken, dass wir damit eine schiefe Lesart unseres Lebens propagieren. Warum sprechen wir nicht von „Doppelerfüllung“? Letztlich geht es doch uns allen nur um einen guten Mix von Lebensmöglichkeiten. Um einen erfüllenden Ausgleich von persönlichen und ökonomischen Interessen.
Kann es sein, dass das offensichtliche Scheitern der Finanzindustrie ein Denken fördert, das an eben diesem Ausgleich interessiert ist? An einem ernsthaften Leben, das in Arbeit, Familie und Gemeinschaft seine Erfüllung sucht?
Durchaus. Mein Sohn hat mir mal gesagt: Papa, guck dir mal die Welt an, die ihr uns mit all eurem stampfenden Fortschritt hinterlasst: „Ein paar Billionen Staatsschulden, Klimakatastrophe frei Haus... – und dann tut ihr immer so, als ob ihr fleißig und gut gewesen seid.“ Hier kündigt sich eine gesunde Skepsis gegen Lebensstile an, die sich nicht an Karrierewut und persönlicher Bereicherung auf Kosten Dritter bemisst. Wie gesagt: Das Rennen ist offen.














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Alle Kommentare lesen16.08.2010, 11:05 UhrAnonymer Benutzer: kassberg
"Dahinter verbirgt sich eine unglaublich traurige Annahme, nämlich die, dass man eben nicht lebt, wenn man arbeitet."
Wer meint, dass Maloche für den Chef und die Erhöhung seines Vermögens der Sinn des Lebens ist, während der Alleinverdiener am Existenzminimum knabbert, der soll das ruhig weiter tun.
15.08.2010, 20:04 UhrAnonymer Benutzer: Jan
"Eine Ehefrau veraltet nicht, die kann man nicht abschreiben?" Ein interessanter Satz, wegen dieses "man". Übrigens bin ich auf der Seite von Herrn Thomä. Was haben wir für eine Gesellschaft, wenn auch große Teile des Familienlebens ge-outsourcet werden müssen? Und in der es verpöhnt ist, den wachsenden Wohlstand in mehr Freizeit und mehr persönliche Freiheit umzusetzen, statt in immer größere Autos?
15.08.2010, 19:43 UhrAnonymer Benutzer: Bani Sadr
"Gesunde Skepsis" gegenüber einem Lebensstil der nicht nur an Karrierewut gemessen sein sollte, schön und lapidar gesagt.
Nur das dieser sogn. Kapitalismus und der dadurch beförderte Lebensstil der sämtliche dadurch im Westen Übervorteilte hohnlächelnd einen allgemeine "Wohlstand" vorspiegelt, schon mehr als 150 Jahre in der bekannten Form wütet und alles in seinen bann geschlagen hat, die Lebensverhältnisse so grundlegend verändert hat, das vielen eine gesunde, genügsame und einfache Lebensweise inzwischen "utopisch" erscheint, wird weiterhin non chalant dübersehen und versinkt in seichten Diskussionen "der bessergestellten und angepassten, stromlinienartigen Profiteure", wie hier und anderswo.
Die Menschen wie die sie umgebende "Natur" werden als Ressource zur beförderung einseitigen individual interessen vernützt, unangenehme Ausgaben und Folge-Schäden des Systems werden sozialisiert und die abgezweigten Gewinne daraus zu Gunsten einer kleinen Schicht von Wohlhabenden "privatisiert". Und dieser Mann lässt sich fragen, ob man das mal "überdenken" sollte, sein Sohn ist näher an der Realität als er, dieser "Dozent".
Diese einseitige Form des nur auf ökonomischen Vorteilen basierenden Wirtschaftens, welches als Gradmesser für gesellschaftliche Entwicklung weiterhin dominiert, ist grundsätzlich und radikal zu hinterfragen und zu stoppen, bevor der auf der Stelle rasende Motor des Kapitalismus implodiert und Schäden verursacht, die sich weder in EUR noch Dollar benennen noch mit Papiergeld zurückzahlen lassen.