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Philosoph Dieter Thomä : Ziemlich irrer Lebensstil

von Dieter Schnaas und Christopher Schwarz

Der Philosoph Dieter Thomä über den Genuss eines sich langsam rundenden Lebens, die Ökonomie der Familie und den mühsamen Weg zum Glück.

Dieter Thomä
Dieter Thomä

WirtschaftsWoche: Herr Thomä, zwei Jahre lang haben wir schaudernd in einen Abgrund geschaut, jetzt zieht die Konjunktur wieder an, die Wirtschaftskrise scheint fern und vorbei. Würden Sie sagen, dass Politik und Wirtschaftsakteure etwas aus der Krise gelernt haben?

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Thomä: Lerneffekte erkennt man an Taten. So gesehen hat man nicht das Gefühl, dass wir wahnsinnig viel gelernt haben. Lernen bestünde ja in der Anstrengung, sich gegen künftige Krisen zu wappnen.

Was hätten wir denn lernen können?

Auf der ersten, politisch-institutionellen Ebene müsste es zu einer Neubestimmung des Verhältnisses von Markt und Staat kommen. Es ist mehr Skepsis gegenüber der Selbstregulierung des Marktes angebracht. Die zweite Ebene ist etwas schwerer greifbar, aber mindestens genauso wichtig. Hier ist nicht der Staat gefragt. Hier müssen sich Einstellungen verändern. Es ist die Ebene des kapitalistischen Lebensstils, die sich nicht auf Institutionen, sondern auf Individuen bezieht, also auf uns alle.

Was meinen Sie damit?

Ich meine, dass wir über einen echten „Lebens-Wandel“ nachdenken müssen. Dieses Wort gehört zu den großen Schätzen der deutschen Sprache, weil in ihm das Erfordernis des Wandels steckt. Ich beobachte auf der Ebene unserer Lebensstile eine ziemlich irre Mischung. Sie besteht einerseits aus hyperaktiver Selbstmobilisierung. Schon Schüler werden auf Wettbewerbsfähigkeit getrimmt. Gleichzeitig verführt unsere Konsumgesellschaft zu Hyperpassivität. Nehmen Sie die iPad-Reklame: Wie die Jungen auf dem Sofa sitzen, die Beine hochlegen und den Flachbildschirm überm Geschlechtsteil balancieren – das ist die moderne Version des Couch-Potatoes.

Die ganze Welt im Schoß?

Genau, die ganze Welt im Schoß zu haben, das ist das Ideal dessen, der empfängt und konsumiert. Denken Sie nur an die Rede von der „Work-Life-Balance“. Dahinter verbirgt sich eine unglaublich traurige Annahme, nämlich die, dass man eben nicht lebt, wenn man arbeitet. Die Arbeit hat dann ihren Sinn und Zweck allein in dem Scheck, den man für sie bekommt. Das ist ein Armutszeugnis.

Weil man das Glück im Bereich des Anstrengungslosen sucht?

Falsch jedenfalls ist, das Ziel von Arbeit darin zu sehen, sie möglichst schnell hinter sich zu haben. Man muss in der Arbeit leben. Deshalb müssen wir all das stärken, was im Wirtschaftsleben soziale Qualität hat. Wenn man von vornherein in einen Job geht und fragt: Wann habe ich genug Geld verdient? – dann gehen bestimmte Ressourcen von Erfüllung, die in der Arbeit liegen, von vornherein verloren. Wir müssen daher lernen zu trennen zwischen sich abnutzenden und nicht abnutzenden Gütern. Kinder zu haben oder eine glückliche Ehe zu führen – das sind Dinge, die sich nicht abnutzen wie ein Auto oder ein Computer.

Eine Ehefrau veraltet nicht, die kann man nicht abschreiben?

Eine Ehe kann scheitern, man würde aber nicht zu seiner Ehefrau sagen: Du bist veraltet. Im Gegenteil: Man verspricht sich die Ewigkeit. Natürlich, man lebt mit diesem Versprechen immer ein bisschen über seine Verhältnisse. Aber die schiere Vorstellung, dass es klappen könnte, ist eine nachhaltige Quelle von Erfüllung, die anders sprudelt als eine Geldquelle. Wenn man sich auf Kinder oder auf eine Ehe einlässt, dann tut man Dinge, die mit enormer Abhängigkeit verbunden sind. Es gibt ein besonderes Risiko bei diesen Lebensmöglichkeiten, die mit Selbstvergessenheit und Hingabe zu tun haben – und dieses Risiko unterscheidet sich radikal von den Risiken, die wir sonst auf uns nehmen.

Verlangt uns der ökonomische Individualismus Verhaltensformen ab, die nicht kompatibel sind mit Selbstvergessenheit und Hingabe?

Ja und nein. Von Joseph Schumpeter stammt das berühmte Wort von der schöpferischen Zerstörung. Das ist die schönste Formel für die dynamische Umwälzung von Lebensmöglichkeiten, die der Kapitalismus mit sich bringt. Nun gibt es bei Schumpeter aber noch ein anderes Wort – und das heißt Zersetzung. Ein brutales Wort. Schumpeter meint damit, dass der Kapitalismus auf ein gelingendes soziales Leben angewiesen sei. Tatsächlich aber betreibe er das Gegenteil, nämlich die Zerstörung schützender Institutionen, vor allem der Familie.

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5 KommentareAlle Kommentare lesen
  • 16.08.2010, 11:05 Uhrkassberg

    "Dahinter verbirgt sich eine unglaublich traurige Annahme, nämlich die, dass man eben nicht lebt, wenn man arbeitet."

    Wer meint, dass Maloche für den Chef und die Erhöhung seines Vermögens der Sinn des Lebens ist, während der Alleinverdiener am Existenzminimum knabbert, der soll das ruhig weiter tun.

  • 15.08.2010, 20:04 UhrJan

    "Eine Ehefrau veraltet nicht, die kann man nicht abschreiben?" Ein interessanter Satz, wegen dieses "man". Übrigens bin ich auf der Seite von Herrn Thomä. Was haben wir für eine Gesellschaft, wenn auch große Teile des Familienlebens ge-outsourcet werden müssen? Und in der es verpöhnt ist, den wachsenden Wohlstand in mehr Freizeit und mehr persönliche Freiheit umzusetzen, statt in immer größere Autos?

  • 15.08.2010, 19:43 UhrBani Sadr

    "Gesunde Skepsis" gegenüber einem Lebensstil der nicht nur an Karrierewut gemessen sein sollte, schön und lapidar gesagt.

    Nur das dieser sogn. Kapitalismus und der dadurch beförderte Lebensstil der sämtliche dadurch im Westen Übervorteilte hohnlächelnd einen allgemeine "Wohlstand" vorspiegelt, schon mehr als 150 Jahre in der bekannten Form wütet und alles in seinen bann geschlagen hat, die Lebensverhältnisse so grundlegend verändert hat, das vielen eine gesunde, genügsame und einfache Lebensweise inzwischen "utopisch" erscheint, wird weiterhin non chalant dübersehen und versinkt in seichten Diskussionen "der bessergestellten und angepassten, stromlinienartigen Profiteure", wie hier und anderswo.

    Die Menschen wie die sie umgebende "Natur" werden als Ressource zur beförderung einseitigen individual interessen vernützt, unangenehme Ausgaben und Folge-Schäden des Systems werden sozialisiert und die abgezweigten Gewinne daraus zu Gunsten einer kleinen Schicht von Wohlhabenden "privatisiert". Und dieser Mann lässt sich fragen, ob man das mal "überdenken" sollte, sein Sohn ist näher an der Realität als er, dieser "Dozent".

    Diese einseitige Form des nur auf ökonomischen Vorteilen basierenden Wirtschaftens, welches als Gradmesser für gesellschaftliche Entwicklung weiterhin dominiert, ist grundsätzlich und radikal zu hinterfragen und zu stoppen, bevor der auf der Stelle rasende Motor des Kapitalismus implodiert und Schäden verursacht, die sich weder in EUR noch Dollar benennen noch mit Papiergeld zurückzahlen lassen.

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