Viele träumen davon, sie hat es wirklich gemacht: Emilia Solinas, 31 Jahre jung, hängte vor sechs Monaten ihren Job als Herzspezialistin an der Universitätsklinik in Parma an den Nagel, packte die Koffer und zog nach New York. Hier forscht sie jetzt am Medical Center der Columbia University, lernt viel von ihren Mentoren Roxana Mehran und George Dangas, die zu den weltweit führenden Kardiologen zählen – und sie genießt „Big Apple“ in vollen Zügen. „Es ist fantastisch, eine einzigartige Lebenserfahrung“, schwärmt Emilia von der vibrierenden Kultur und dem Leben inmitten vieler unterschiedlicher Nationalitäten. Wie kaum eine andere Stadt wirkt New York als Magnet auf junge Menschen. Für Richard Florida, Wissenschaftler an der George Mason University in Virginia, ist Emilia Solinas die typische Vertreterin einer neuen, jungen Schicht, der „kreativen Klasse“, deren wesentliches Kennzeichen ist, dass ihre Vertreter in die attraktivsten Städte dieser Welt, die sogenannten Hotspots der Weltwirtschaft, ziehen – und diese dadurch zusätzlich beleben. Die Metropolen in aller Welt konkurrieren um diese kreative Klasse, die sehr mobil und auf der ganzen Welt zu finden ist. Laut Florida sind es mittlerweile etwa 150 Millionen Menschen, rund 2,5 Prozent der Weltbevölkerung, die außerhalb ihres Heimatlands leben. Dazu gehören Designer, Marketingfachleute, Medienschaffende, Forscher und Entwickler, Professoren, Architekten und Ingenieure, auch Juristen, Gesundheitsexperten und Finanzdienstleister – Menschen in wissensbasierten Berufen. Es ist diese kreative Klasse, sagt Richard Florida, die in den postindustriellen Gesellschaften für Wachstum und Wohlstand sorgt – und um die sich die Metropolen rund um den Globus bemühen müssen, um selbst wirtschaftlich erfolgreich zu sein und weiter wachsen zu können.
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Tatsächlich sind die neuen Megalopolen, wie Experten die häufig aus mehreren Städten zusammengewachsenen Ballungsräume nennen, die entscheidenden ökonomischen Kraftzentren der Welt. Mit den USA, China und einigen europäischen Ländern leben immer mehr Nationen längst nicht mehr von dem, was in der Fläche produziert wird, sondern von stark wachsenden und hochgradig innovativen Zentren. Die UN-Organisation Habitat geht davon aus, dass in den entwickelten Ländern bereits 80 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) in Städten und Ballungsräumen erwirtschaftet wird. Gemeinsam mit dem Wirtschaftsgeografen Tim Gulden hat Florida die wirtschaftlichen Aktivitäten der größten Megalopolen abgegrenzt und sichtbar gemacht. Auf einer Weltkarte erscheinen sie als Gebirge, und je höher ihre Produktivität, desto weiter ragen die Gipfel in den Himmel. Als Basis dienten den Forschern Daten über das jeweilige BIP, aber auch der Lichtintensität, nachts von Satelliten aus dem Weltraum gemessen. „Das Ergebnis ist nicht perfekt“, sagt Gulden, „aber es gibt einen guten Eindruck über die Größe und Wirtschaftskraft einer Region.“ Diese Karten verdeutlichen: Es sind nicht mehr die Nationalstaaten, die über das Wachstum ihrer Volkswirtschaften entscheiden, sondern Regionen. Nicht nationale Kriterien wie Steuer- oder Arbeitsgesetze entscheiden über die Attraktivität der Arbeitsmärkte der Zukunft, sondern deren regionale Ausprägung. Und die hängt davon ab, wie es Wirtschaftszentren gelingt, die kreative Klasse anzuziehen, die Florida zufolge nur 30 Prozent der Gesamtbeschäftigten ausmacht, aber 47 Prozent der gesamten US-Wertschöpfung leistet. Die Megalopolen stehen also in einem erbitterten Konkurrenzkampf um die kreative Klasse. Die wirtschaftsstärksten der Megalopolen der Welt sind Tokio und der Großraum „Boswash“, der sich über 750 Kilometer von Boston bis Washington an der amerikanischen Ostküste erstreckt. Hier leben 20 Prozent aller Amerikaner – auf nur drei Prozent der US-Staatsfläche. Das BIP dieses gigantischen Ballungsraums liegt bei 2,3 Billionen Dollar. Damit ist Boswash für sich genommen die weltweit viertgrößte Wirtschaftsmacht – größer als die Volkswirtschaften Frankreichs oder Großbritanniens. Von ähnlicher wirtschaftlicher Bedeutung ist auch der Großraum Tokio. Hier konzentriert sich Japans Elite in Politik, Wirtschaft, Handel, Bildung, Forschung und Kultur. Hier sind die meisten börsennotierten Unternehmen Nippons zu Hause, steuern fast ausnahmslos alle ausländischen Firmentöchter ihre Japan-Operationen. Die wenigen japanischen Weltkonzerne, die – wie Toyota – ihr Hauptquartier nicht nach Tokio verlegt haben, unterhalten in der Hauptstadt eine zweite Zentrale, die an Größe und Personal kaum kleiner ausfällt als das Stammhaus. Tokio ist das Zentrum des japanischen Bildungswesens mit renommierten Privat- und internationalen Schulen, mit neun staatlichen und privaten Universitäten, die rund ein Drittel aller Studenten Japans besuchen. An der prestigeträchtigsten Hochschule Todai sind mehr als 28 000 angehende Akademiker eingeschrieben, darunter 2000 Ausländer. Insgesamt zählt Tokio fast 20.000 ausländische Studenten.










