Stil-Experte Adriano Sack im Interview: "Mails verführen zur Unverschämtheit"

Stil-Experte Adriano Sack im Interview: "Mails verführen zur Unverschämtheit"

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Adriano Sack, 40, lebt als Autor in Berlin und New York. Jüngst hat er ein Buch über "Manieren 2.0 - Stil im digitalen Zeitalter" geschrieben.

Die digitalen Medien krempeln unsere Umgangsformen im Alltag um, sagt Stil-Experte Adriano Sack. Das sollte man sich nicht gefallen lassen. Ein Plädoyer für mehr Manieren beim Mailen.

WirtschaftsWoche: Guten Tag, Adriano Sack. In Ihrem Knigge mokieren Sie sich über exakt diese Anrede in geschäftlichen E-Mails. Warum?

Sack: Weil sie im deutschen Schriftverkehr bisher überhaupt nicht üblich war: Keinen Brief hätte man je so angefangen. Das ist ein Indiz dafür, dass sich normale Gepflogenheiten ändern, nur weil man auf ein anderes Medium umsteigt. Und dass sich in jeden Winkel unserer Alltagssprache Anglizismen einschleichen. Man könnte wenigstens kurz stutzen: Warum plötzlich „Guten Tag, Adriano Sack“? Im Deutschen ist der Vorname schlicht ungebräuchlich, wenn man nicht per Du ist.

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Was ist also der richtige Einstieg?

Höflicher ist es sicher, den Vornamen wegzulassen, also „liebe Frau, lieber Herr Sowieso“. „Sehr geehrter“ finde ich für die Gebrauchs- und Alltags-E-Mail schon etwas gespreizt, fast angeberisch. Denn das Medium ist per se ein informelleres. Wenn ich mit derselben Person mehrmals am Tag maile, um Details zu klären, sollte ich mir die ständige An- und Abrede sparen. Sonst suggeriert das, man hätte zu viel Zeit.

Brief oder Mail: Stellt sich diese Frage im Alltag heute überhaupt noch?

Der Absender sollte sich überlegen: Ist der Inhalt so gewichtig, dass er dem Adressaten als Brief vorliegen soll und in Ruhe ein zweites Mal gelesen werden kann? Oder geht es nur um die Übertragung einer Information? Dann genügt die E-Mail.

Was empfinden Sie als schlechten Stil?

Eine Unart ist psychologischer Natur: Viele lassen sich durch E-Mails dazu verführen, vertraulicher oder unverschämter zu sein, als sie es normalerweise wären. Sie leiten von dem Medium eine Zwanglosigkeit ab, die de facto nicht gerechtfertigt ist. Zweitens wird oft überhaupt keine Rücksicht auf den Lesekomfort des Empfängers genommen. Zum Beispiel werden Antworten direkt in E-Mails hineingeschrieben, unter die verschiedenen Aspekte, die der Absender angerissen hat. Praktisch gemeint, aber eine Zumutung! Für Mails gelten dieselben Regeln wie für jeden Textaufbau: inhaltlich strukturierte Absätze, lesbar und verständlich. Bitte nicht das ganze Zeug einfach herunterhacken.

Viele Mails werden unter Zeitdruck verfasst.

Ja, wer im Stress ist, glaubt oft, Probleme schneller per Mail zu lösen. Dabei kann man viele Dinge besser im Gespräch klären. Denn Zwischentöne – ob man etwas eher augenzwinkernd, fragend oder apodiktisch äußert – lassen sich in der Mail oft nicht transportieren. Das schnelle Medium verleitet dazu, es spontan zu benutzen. Aber der andere liest das geschriebene Dokument wie einen normalen Papierbrief. Deshalb sollte man seine Formulierungen immer prüfen: Treffen sie wirklich, was ich sagen will, oder könnte man sie missverstehen?

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Wie finden Sie Emoticons in geschäftlicher Korrespondenz: hilfreich oder unpassend?

Ich finde, Emoticons helfen zum Verständnis. Und manchmal ist es schneller, sie zu benutzen, als so lange an einer Formulierung zu feilen, bis sie eindeutig ist. Ironie etwa vermittelt sich schriftlich eindeutig schlechter als gesprochen. An den Vorstandsvorsitzenden eines großen Unternehmens würde ich allerdings keine Smileys versenden. Wenn es sich aber nicht gerade um hochoffizielle Schreiben handelt, sind Emoticons so üblich, dass eher derjenige ein Spielverderber ist, der sich darüber aufregt.

Was halten Sie von Rundmails?

Der An-alle-Knopf ist verführerisch, wird aber meistens falsch genutzt. Jeder kriegt zu viele E-Mails am Tag. Deshalb ist es eine Frage der Rücksicht, sie nur an die Leute zu verschicken, die sie wirklich bekommen sollen. Und man muss darauf achten, dass man keine E-Mail-Adressen preisgibt, die möglicherweise nicht öffentlich sind. Wenn ich von einer Person speziell eine Rückmeldung haben will, tue ich gut daran, sie direkt und nicht unter anderen anzusprechen. Auf Massenmails gibt es genauso wenig Antwort wie auf eine Frage, die man in einen vollen Raum stellt.

Gerne wird die E-Mail auch für Attacken genutzt. Wie wehrt man sie richtig ab?

Vorwürfe per Mail, dazu noch in Kopie an einen Kollegen oder Vorgesetzten, sind eine offene Feindschaftserklärung. Dessen muss man sich bewusst sein. Deshalb würde ich bei Konflikten immer zum Hörer greifen oder ins Nachbarbüro gehen: „Sag mal, was ist eigentlich los?“ Ein Grundgesetz der E-Mail lautet: Sie landet immer da, wo sie nicht landen sollte. Man weiß also nicht, welche Personen noch in den Konflikt einbezogen werden. Und der schriftliche Austausch ist per se schärfer, weil er amtlich und im Zweifelsfall vor Gericht vorlegbar ist.

Der Klassiker unter den Fettnäpfen?

Auf „Antworten“ statt auf „Weiterleiten“ drücken. Erstaunlich oft werden mit bissigen Kommentaren versehene Mails in Hektik an die falsche Person zurückgeschickt. In den USA gibt es ein Buch, das heißt „Think before you send“. Letztlich können einem wenige Sekunden Nachdenken eine Menge Ärger, Zeit oder Geld ersparen

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