Erst vergangenes Jahr sorgte eine im Fachjournal „Work and Stress“ veröffentlichte Studie der Indiana-Universität für Aufsehen. Wissenschaftler um Verhaltensforscher Brad Gilbreath fanden heraus: Jeder zweite Befragte hat ein gestörtes Verhältnis zu seinem Chef. Eine Gallup-Untersuchung aus demselben Jahr zeigt: Das schlechte Verhältnis von Mitarbeiter und Chef ist der häufigste Grund dafür, dass Mitarbeiter kündigen. „Büro ist Krieg“, bringt es der Schauspieler Christoph Maria Herbst alias Bernd Stromberg auf den Punkt, der in der gleichnamigen ProSieben-Kultserie einen tyrannischen Chef spielt. So einen wie Petra H. aus Frankfurt hat: „Der ist ein richtiges Ekel“, sagt die Bankangestellte. Als sie neulich in einem Meeting anderer Meinung als ihr Chef war, sei dieser völlig ausgerastet: „Der hat sich vor mir aufgebaut, mich angebrüllt und als Sonderschülerin beschimpft, die vom Geschäft keine Ahnung hat.“ Nicht das erste Mal, dass der Chef aus der Rolle fiel: „Solche Ausraster stehen bei dem auf der Tagesordnung.“ Jeder spürt es: Trotz guter Konjunktur – die Stimmung ist rauer geworden in deutschen Büros. Das partnerschaftliche Miteinander ist oft nur die Betriebsoberfläche, darunter aber brodelt es. Oder wie Stromberg sagt: „Büro ist wie unter lauter Haien schwimmen: Du brauchst nur einmal Nasenbluten kriegen, schon ist Feierabend.“ Die Spar- und Sanierungswellen der vergangenen Jahre haben ihre Spuren hinterlassen: „Der Wettbewerb und der innerbetriebliche Konkurrenzdruck haben deutlich zugenommen“, sagt Marcus Schmidt, geschäftsführender Gesellschafter der Personalberatung Hanover Matrix. Immer öfter wird jetzt in Projekten gearbeitet – abteilungsübergreifend, länderübergreifend, hierarchieübergreifend, kosteneffizient. Die Produktionszyklen werden kürzer, die Teammitglieder wechseln häufiger. Das erzeugt Stress – und Rangeleien. „Jedes Mal muss der Einzelne seine Rolle in der Gruppe neu finden, sich durchsetzen, eine Reputation aufbauen“, sagt Klaus Jonas, Wirtschaftspsychologe an der Universität Zürich.
Gleichzeitig entsteht so ein kaum lösbares Dilemma: Einerseits gilt es in diesen Gruppen, allzeit Anpassungs- und Konsensfähigkeit zu beweisen, andererseits gilt das Prinzip Survival of the fittest. Nur die Starken machen Karriere. Teamarbeit ist immer auch Schaulaufen: Jeder beobachtet jeden. Sind zehn Leute in einem Konferenzraum, dauert es keine fünf Minuten, bis die ersten Konkurrenzkämpfe entstehen. Vielleicht nicht immer gleich erkennbar. Aber es entstehen offene Rechnungen, die auch noch Tage danach beglichen werden. Schon allein aus Selbsterhaltungstrieb: „Der Einzelne muss sich innerhalb der Gruppe zur Marke machen und zusehen, dass er nicht austauschbar wird“, erklärt Personalberater Schmidt den Mechanismus. „Sonst ist er bei der nächsten Sparrunde weg vom Fenster.“ Die Globalisierung zwingt die Unternehmen zu permanenter Kostensenkung. Personal wird reduziert, aber nicht die Menge der Arbeit. Überlastung am Arbeitsplatz ist inzwischen ein Massenphänomen. Zwar reden die Chefs gerne vom „Humankapital“ oder von den „Aktiva in der Bilanz“, wie sie der Management-Guru Peter Drucker einst titulierte. Wesentlich öfter aber fühlen sich die Kollegen als Kostenfaktor und Ballast im Boot. Die Folgen: Die Motivation sinkt, während Angst, Stress und Frust weiter wachsen.
Das Wiwo-Knigge-Spezial: Professioneller autreten beim Messebesuch
Längst ist bekannt, dass Organisationen wie Teams dazu neigen, gleiche Charaktere anzuziehen, die sich leichter integrieren lassen. Weil das aber in der Regel geistigen Einheitsbrei provoziert und damit Innovationen bremst, setzen Unternehmenslenker heute verstärkt auf Unterschiede – kulturelle wie charakterliche. Die Folge: mehr Reibereien. „Wir wandeln uns von einer gewerblich-produktiven Gesellschaft zu einer sozial-kommunikativen“, sagt der Wirtschaftspsychologe Dormann. Diversität sei längst nicht so rosig wie viele sie malen: „Sie vergrößert zwar die Perspektiven, verlängert aber auch Entwicklungsprozesse, erschwert Entscheidungen, macht unzufriedener und schürt Konflikte.“ Nicht alle werden damit gleich gut fertig: Die einen geben den Druck einfach weiter, lästern, drohen, schikanieren und spielen auf den Nerven ihrer Mitstreiter La Paloma. Andere halten die Klappe, wursteln sich durch und betreiben Raubbau an Seele und Körper. Jeder fünfte Deutsche zeigt bereits typische Stresssymptome wie Kopfschmerzen, Herzrasen oder Schlafstörungen. 34 Prozent der Deutschen träumen sogar noch nachts von der Arbeit. Psychische Störungen sind mittlerweile die dritthäufigste Ursache für Krankmeldungen. Im harten Wettbewerb der Globalisierung setzen sich eben nicht zwangsläufig die Fleißigen und Netten durch. Häufiger sind es die Rücksichtslosen, die Manipulierer. So zeigen diverse Management-Studien: Wer sich gegenüber Konkurrenten mittels subtiler Tricks und Seitenhiebe profiliert und ihre Schwächen gnadenlos ausnutzt, hat beim internen Postenwettbewerb oft die besseren Karten. Auch wenn die Typen keiner mag – die meisten Beschäftigten sehen im Narziss, im Egomanen, im Tyrannen nicht den psychisch Deformierten, sondern vor allem eines: einen durchsetzungsstarken Boss. Und weil jeder solche Karrieren kennt, verfestigt sich das Klischee. Natürlich will keiner mit so einem Ego-Monster zusammenarbeiten. Unternehmen bemühen sich deshalb schon aus Gründen der Produktivität um eine Kultur der Fairness, der Rechtschaffenheit und Kollegialität. Das lässt sich aber nicht verordnen – was die Realität denn auch immer wieder beweist. Allzu oft ist das Büro eben keine glückliche Gemeinschaft, sondern gleicht einem gefährlichen Dschungel. Wie Sie unbeschadet durch das soziale Dickicht und an den darin hausenden Raubtieren vorbeigelangen, zeigen viele Ratgeber, aus denen wir die Essenz herausgefiltert haben: Wie funktionieren Meetings besser? Welche Kollegentypen gibt es und wie kann ich mich auf sie einstellen? Was passiert, wenn einer davon über Nacht zum härtesten Konkurrenten wird? Wie streitet man richtig? Warum ist Teamfähigkeit eine Mogelpackung und Klatsch so gefährlich? Wie Sie die häufigsten Bürofallen meistern, beschreibt Ihnen der Überlebensführer auf den folgenden Seiten.













