Alltagsforschung: Morgens klug, abends Unfug

kolumneAlltagsforschung: Morgens klug, abends Unfug

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"Morgenstund' hat Gold im Mund."

Kolumne von Daniel Rettig

Stehen Sie vor einer schwierigen Entscheidung? Dann treffen Sie sie besser früh am Tag.

Manchmal sagt der Volksmund eben doch die Wahrheit: Morgenstund hat offenbar wirklich Gold im Mund. Schon seit Längerem vermuten Wissenschaftler, dass die Tageszeit unsere Entscheidungen beeinflusst. Der israelische Psychologe Shai Danziger zum Beispiel konnte vor einigen Jahren nachweisen, dass Richter Bewährungsstrafen eher morgens verhängen als nachmittags. Seine Vermutung: Ein solches Urteil erfordert mehr geistige und körperliche Anstrengung. Die mündliche Begründung dauert länger, die schriftliche muss ausführlicher sein. Und diese Energie bringen Richter am ehesten morgens auf – unabhängig vom Vergehen des Angeklagten. Andere Untersuchungen ergaben, dass Ärzte nach ein paar Stunden im Dienst den Patienten öfter Antibiotika verschreiben oder dass sich Menschen morgens ehrlicher verhalten als nachmittags. Offenbar schmälert Müdigkeit die Fähigkeit zu Disziplin und Selbstkontrolle.

Das belegt nun auch eine neue Studie der argentinischen Neurobiologin Maria Juliana Leone. Sie analysierte Daten des Free Internet Chess Server, auf dem sich mehr als 400 000 Spieler regelmäßig zum Schach verabreden. Der Denksport bietet sich für Forschungszwecke an, weil alle Spielzüge minutiös festgehalten werden, inklusive Dauer, Tageszeit und Qualität. Leone konzentrierte sich in ihrer Analyse auf jene Spieler, die zwischen November 2008 und Juni 2015 mindestens 2000 Partien absolviert hatten – um ein gewisses Niveau zu garantieren. Etwa 100 Freiwillige gaben in einem Fragebogen Auskunft, ob sie sich eher als Morgenlerche oder Nachteule sahen.

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Nun betrachtete Leone Tausende von Spielzügen. Aber nur jene, bei denen die Beteiligten mehr als 60 Sekunden Zeit für eine Entscheidung hatten. Jene in den ersten 30 Sekunden der Partien missachtete sie, da erfahrene Spieler zu Beginn häufig mit eingeübten Zügen starten. Und siehe da: Alle Probanden neigten dazu, mit fortlaufender Dauer des Tages immer schnellere, unpräzisere Entscheidungen zu treffen – und zwar unabhängig davon, ob sie Nachteule oder Morgenlerche waren. Morgens neigten sie zur Vorsicht. Doch je später der Tag, desto schneller wurden die Entscheidungen – und desto riskanter.

Morgens, wenn der geistige Akku noch voll ist, wägen wir die verschiedenen Optionen ab. Das dauert mitunter zwar länger, kommt dem Entschluss aber zugute. Doch je länger der Tag andauert, desto erschöpfter werden wir. Daher fehlt uns die Disziplin, um Verlockungen zu widerstehen und Impulse zu kontrollieren. Dann neigen wir zur Ungeduld, übersehen wichtige Faktoren – und treffen die schlechtere Entscheidung. Nun heißt das nicht, dass Menschen morgens immer weise sind und nachmittags stets töricht. Aber die Wahrscheinlichkeit überstürzter Entscheidungen steigt, je weiter der Tag voranschreitet.

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