Alltagsforschung: Stress als Statussymbol

kolumneAlltagsforschung: Stress als Statussymbol

Kolumne von Daniel Rettig

Warum prahlen alle ständig, wie viel sie zu tun haben? Eine Studie resümiert: Geschäftigkeit gilt als Auszeichnung.

Falls Sie noch einen Vorsatz für das neue Jahr brauchen, ich hätte da was: Lassen Sie uns endlich weniger darüber jammern, wie beschäftigt wir sind – denn letztendlich fördern wir damit nur den ungesunden Leistungskult.

Das Phänomen kennt jeder. Vor allem in der Vorweihnachtszeit antworteten die meisten Menschen auf die Frage nach ihrem Wohlbefinden: „Puh, Stress!“ Doch auch nach dem Jahreswechsel geht es so weiter. Eine überquellende To-do-Liste ist kein Makel, den man verstecken möchte, sondern eine Medaille, die fast jeder gerne herzeigt. Die Einladung zum Mittagessen wird pariert mit dem Hinweis, bitte „einen Termin einzustellen“. Sieh nur, wie wichtig ich bin – nur ein Computer kann die Vielzahl meiner Termine überblicken! Fast scheint es so, als sei es eine besondere Auszeichnung, im Wust der Aufgaben zu versinken – und diese Überlastung entsprechend kundzutun.

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Das Kalkül leuchtet ein. Echte Prahler mag niemand, daher ist ein Satz à la „Mein Chef kann nicht ohne mich“ gesellschaftlich nicht akzeptiert. Da ist es schon eleganter, mehr oder weniger subtil die eigene Geschäftigkeit zu betonen.

Was bei der Arbeit stresst

  • Verantwortung

    Was sorgt im Büro für Stress? Der Personaldienstleister Robert Half hat im höheren Management nach den wichtigsten Gründen gefragt. Dabei gaben 18 Prozent der Befragten zu viel Verantwortung oder ständiges an die-Arbeit-denken auch in der Freizeit als Grund für Stress bei der Arbeit an. Nur in Tschechien können die Beschäftigten außerhalb des Arbeitsplatzes schwerer abschalten - dort gaben 28 Prozent an, dauernd an die Arbeit denken zu müssen. Auf der anderen Seite der Skala ist Luxemburg: nur fünf Prozent haben dort dieses Problem.

  • Nur wenige Menschen arbeiten stressfrei

    Keinen Stress haben dagegen nur sieben Prozent der deutschen Befragten. Genauso niedrig ist der Anteil derer, die ihren aktuellen Job nicht mögen.

  • Druck von oben

    Unangemessener Druck vom Chef nannten 27 Prozent der Befragten hierzulande als Stressgrund. In Brasilien sind es dagegen 44 Prozent.

  • Chefqualitäten

    Wenn der Chef sich eher um sein Handicap kümmert, statt ordentlich zu führen: 28 Prozent der Befragten sind mit der Managementfähigkeit des Chefs unglücklich. Das Unvermögen des führenden Managers, das zu Stress führt, scheint in Luxemburg relativ unbekannt zu sein - nur 11 Prozent der Befragten sind dort mit den Befragten unglücklich, in Dubai sind es gar neun Prozent.

  • Büroklatsch

    Dass unangenehme Kollegen oder fieser Büroklatsch zu Stress führen kann, ist allgemein bekannt. Dementsprechend führen auch 31 Prozent der Befragten das als Stressgrund an - der Anteil derer, die das ähnlich sehen, liegen in allen anderen Ländern fast gleich hoch - außer in Brasilien: 60 Prozent der Befragten geben unangenehme Kollegen und fiesen Büroklatsch als Stressgrund an.

  • Unterbesetzung

    Ein weitere Stressgrund: personelle Unterbesetzung. 41 Prozent der Befragten sehen das als wichtigen Grund für Stress bei der Arbeit an - ein Wert, der fast in allen Ländern ähnlich ist.

  • Arbeitsbelastung

    Doch am problematischsten, laut der Studie: die hohe Arbeitsbelastung. 51 Prozent der Befragten gaben dies als Stressgrund an. Deutschland liegt damit im Schnitt, auch in den anderen elf Ländern ist ein ähnlich hoher Anteil der gleichen Meinung.

Das fleißige Bienchen hat einen besseren Ruf als der faule Hund. Aber warum fallen wir so leicht auf diese Inszenierung rein? Eine Antwort darauf suchte nun Silvia Bellezza, Assistenzprofessorin an der Columbia Business School. Gemeinsam mit ihren Kolleginnen Neeru Paharia (Georgetown-Universität) und Anat Keinan (Harvard Business School) konfrontierte sie Hunderte Testpersonen mit verschiedenen Szenarien. Mal lasen die Tester unterschiedliche Facebook-Statusmeldungen, mal handschriftliche Briefe einer fiktiven Person. In einem Fall beschwerte die sich über ihre Arbeitsbelastung, ein anderes Mal äußerte sie sich darüber, gerade einen freien Tag zu verbringen. Nun sollten die Freiwilligen die Person einschätzen. Hielten sie sie für einen Topverdiener, ehrgeizig und auf dem Arbeitsmarkt gefragt? Glaubten sie, dass sie viel arbeitete – und sehr beschäftigt war? Und siehe da: Allein die Information über das Ausmaß der Arbeitsbelastung prägte das Image. Jene Person, die sich über ihr hohes Pensum äußerte, kam wesentlich besser weg. Sie galt als begehrter und erfolgreicher – unabhängig von Geschlecht, Alter oder Beruf der Befragten. „Lange Arbeitszeiten und wenig Freizeit sind in der heutigen Arbeitswelt ein mächtiges Statussymbol“, sagt Bellezza.

Produktivität Stress ist eine Frage der Einstellung

Hektik und Termindruck sind schädlich? Von wegen. Ja, Stress kann krank machen, aber eine Reihe neuer Studien zeigt: Mit der richtigen Attitüde macht Stress auch produktiv.

Dampf ablassen und weiter: Wie man mit Stress richtig umgeht. Quelle: Getty Images

Anscheinend dienen sie als eine Art Signal. Offensichtlich, so das Kalkül, hat da jemand wünschenswerte Eigenschaften, die auf dem Arbeitsmarkt rar sind – sonst wäre er (oder sie) ja nicht so gefragt. Vor dieser subtilen Beeinflussung sind Führungskräfte nicht gefeit. Und genau hier liegt die Lektion der Studie. Es ist verlockend, Anwesenheit im Büro mit Leistung gleichzusetzen. Motto: Wer viel Zeit auf seinem Stuhl sitzt, leistet sicher viel. Wer ständig betont, wie viel er zu tun hat, schindet Eindruck. In Zeiten von Home Office und Vertrauensarbeitszeit müssen Vorgesetzte allerdings umdenken. Entscheidend ist das Ergebnis, nicht die Dauer. Wer sich ständig darüber beschwert, dass er zu viel zu tun hat, der liefert nicht die Lösung – sondern hat ein Problem.

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