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Arbeitsmarkt: Teure Joblegionäre

von Dana Heide

Trotz Fachkräftelücke erhalten viele Hochqualifizierte nur befristete Jobs. Das führt bei Akademikern zu einer "Legionärsmentalität" - mit negativen Folgen für Unternehmen und Volkswirtschaft.

Steffen Helke Quelle: Andreas Chudowski für WirtschaftsWoche
Steffen Helke. Nur befristet angestellt bis 2012. Was dann kommt weiß er nicht Quelle: Andreas Chudowski für WirtschaftsWoche

Über Steffen Helke schwebt ein Damokles-Schwert – und das schon seit acht Jahren. Der promovierte Ingenieur hat noch nie in seinem Leben eine normale Anstellung gehabt, sondern war immer nur „atypisch“ beschäftigt, wie Ökonomen es nennen. Für ihn hieß das: Erst eineinhalb Jahre befristet angestellt, dann fünf Jahre, dann zwei Jahre, und auch sein jetziger Arbeitsvertrag läuft nur noch bis 2012. Was dann kommt, weiß der 37-Jährige nicht.  

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So wie Steffen Helke geht es immer mehr Arbeitnehmern. Rund acht Prozent aller abhängig Beschäftigten haben nach den letzten verfügbaren Zahlen aus dem Jahr 2008 nur eine befristete Stelle, zwei Prozentpunkte mehr als zehn Jahre zuvor. Vor allem junge Menschen sitzen auf einem Schleudersitz: Mehr als ein Viertel der 15– bis 25-jährigen Angestellten und 13 Prozent der 25– bis 35-Jährigen haben nur einen Vertrag auf Zeit. Und nach der gerade überstandenen Rezession sind die Unternehmen – trotz wieder prall gefüllter Auftragsbücher – derzeit so vorsichtig, dass sie rund 50 Prozent aller neuen Stellen vorerst nur befristet vergeben.

Akademikar haben Glauben an sichere Jobs verloren

Dabei trifft es bei weitem nicht nur ungelernte Arbeitnehmer. Steffen Helke etwa ist weder Erntehelfer noch Reinigungskraft, sondern entwickelt an der TU Berlin hochkomplexe Software. Trotzdem hat er es nicht geschafft, einen unbefristeten Arbeitsvertrag zu bekommen. Gerade Universitäten beschäftigen wissenschaftliche Mitarbeiter gern befristet, weil sie dann flexibler ihre Forschungsschwerpunkte ändern können. Außerdem werden immer mehr Stellen mit Drittmitteln finanziert, die oft an zeitlich begrenzte Projekte gebunden sind. Helke versucht, seine Situation pragmatisch zu sehen: „Es ist eben nicht mehr wie früher, als man eine Stelle sein Leben lang hatte.“  

Mehr als ein Drittel aller befristet Beschäftigten arbeiten im Bereich der öffentlichen und privaten Dienstleistungen, darunter fallen etwa die Gebiete Erziehung und Unterricht, Sozial- und Gesundheitswesen. So sind zum Beispiel 74 Prozent der wissenschaftlichen Mitarbeiter an Hochschulen nur auf Zeit angestellt. Auch viele junge Ärzte etwa müssen lange warten, bis sie zum ersten Mal einen unbefristeten Vertrag unterschreiben können. Insgesamt hatten im Jahr 2008 rund 715 000 Hochqualifizierte nur einen befristeten Job – 28 Prozent mehr als 1998.

Auch Anne Kreifels gehört dazu. Als die 27-Jährige im November vergangenen Jahres ihr Medizinstudium abschloss, bekam sie einen zunächst auf neun Monate befristeten Job an einer Uniklinik angeboten. Trotzdem war sie froh über diese Chance. Sie will Kinderärztin werden, und dieser Bereich sei eben sehr beliebt, sagt sie. Inzwischen wurde der Vertrag bis Juni 2011 verlängert, immerhin. Doch viele Akademiker haben den Glauben an einen sicheren Job verloren – und verlassen das Land. Auch Kreifels und einige ihrer ehemaligen Kommilitonen haben darüber nachgedacht, Deutschland den Rücken zu kehren. In anderen Ländern seien die Arbeitsverhältnisse zwar auch oft befristet, aber da sei wenigstens die Bezahlung besser, erklärt sie.

Den Trend zur Auswanderung bestätigt ein Blick auf die Statistik: Im vergangenen Jahr kehrten mehr Menschen Deutschland den Rücken zu, als kamen. Nach einer Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung ist der durchschnittliche Auswanderer eher jung und hat einen akademischen Abschluss. Und in einer Umfrage des Wirtschaftsforschungsunternehmens Prognos unter ausgewanderten deutschen Fach- und Führungskräften gaben 68 Prozent an, dass bessere Berufs- und Einkommensperspektiven einer der ausschlaggebenden Gründe für den Abschied aus Deutschland gewesen sei.

18 KommentareAlle Kommentare lesen
  • 29.09.2010, 20:49 UhrAnonymer Benutzer: arribaldi

    ...an sich ist dem Resumé von Häfar Schmidt (s.beitrag) nichts hinzuzufügen, Es stimmt alles.
    Komme gerade von einem Gespräch mit einem promovierten ingenieur aus der Nano-Technik. Für teures Geld an der Uni hochgepäppelt und spezialisiert, hat er nach mehreren Anläufen keine adäquate Position gefunden. Jetzt geht er nach Kalifornien. Die werden sich freuen, denn es erspart ihnen jahrelange teure Grundlagenforschung. ich hatte gehofft, dass die Zeiten des
    einmal vorbei seien...
    Vor dem gleichen institut in P. drücken sich die Chinesen die Nase platt. bekannt ist dort eine Spitzelei und Spionagetätigkeit sondersgleichen. Jetzt brauchen sie es nicht mehr. Haben wir nicht ein Minsiterium , das sich 'mal darüber Gedanken machen sollte?

  • 04.09.2010, 11:08 UhrAnonymer Benutzer: Hägar Schmidt

    @Mariposa: Sie sprechen einen wichtigen Punkt an: Seilschaft vs. Leistung. Auch ich habe seit Jahren den Eindruck, dass Leistung immer weniger zählt. Das betrifft vor allem Angestelltenverhältnisse in Großkonzernen, ist aber ein allgemeiner Trend.

    Die Abkopplung von Leistung und Vergütung nimmt immer erstaunlichere Formen an. Die Dinge hängen zusammen:

    - Geiz ist geil
    - Einkauf in Großkonzernen ist abgekoppelt von Leistung (es gibt lediglich dümmliche, generische Leistungsklassen und Preisvorgaben)
    - Aufstieg sozialer Netzwerke im internet
    - 68er Lehrer an unseren Schulen
    - Staatsquote
    - irrationale Volksglauben (Umweltschutzhysterien, bioobsessionen, etc.)
    - "for-free" - Mentalität (Opensource ist ein beispiel, aber auch werbefinanzierte Angebote und soziale Netzwerke, die man für den Preis seiner Privatsphäre kostenlos nutzt).

    Das ist ein Umfeld, in dem Leistungsorientierung nicht wirklich gedeihen kann.

  • 04.09.2010, 02:25 UhrAnonymer Benutzer: Mariposa

    @Haegar Schmidt, insider: ich habe ueber 30 Jahre als Fuehrungskraft in einem deutschen Konzern hinter mir und somit auch tiefen Einblick in die "Personalarbeit". Verglichen mit meiner Situation in den 70er Jahren ist der berufseinstieg fuer junge Akademiker heute viel schwieriger geworden. ich erinnere mich noch an all die Runden mit dem Personalbereich wo man auf neue bezahlrunden eingeschworen wurde, alles sollte damit einfacher werden, vielfach wurden insbesondere die Einstiegsgehaelter und die aussertariflichen Gehaltssteigerungen gedeckelt. besonders ingenieuren sagte man, dass eigentlich viel zu viele davon an bord waeren. Eines haben sie noch vergessen. Der Faktor Vitamin b nimmt wieder zu. Netzwerke, Seilschaften etc. feierten in den letzten Jahren zunehmend froehlich Urstaende. Da wundert es nicht, wenn ein Jungakademiker trotz bester benotungen (und auch sonst alles richtig gemacht) auch nach 200 bewerbungen noch keinen adaequaten Job findet. Der hat sich wahrscheinlich zu sehr auf sein Studium konzentriert oder kam aus dem falschen Elternhaus.

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