Arbeitsmarkt: Wie viel Flexibilität ist möglich?

Arbeitsmarkt: Wie viel Flexibilität ist möglich?

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Wiedersheimi-Chamaeleon: Von Arbeitnehmern wird heute ständige Anpassungsfähigkeit gefordert

von Jochen Mai

Unternehmen, Märkte, Technik, Lebensmodelle – alles verändert sich rasant. Noch nie wurde von den Menschen so viel Anpassungsfähigkeit verlangt. Aber kann man das überhaupt?

Es gibt da diesen alten Witz. Der Optimist sagt: „Das Glas ist halb voll.“ Der Pessimist sagt: „Das Glas ist halb leer.“ Der Pragma-tiker hingegen schaut die beiden nur schief an und sagt dann halb im Spaß: „Das Glas ist doppelt so groß wie es sein müsste.“ Ist das nur ein Witz? Die Anekdote besitzt längst den Charakter einer zeitgemäßen Parabel. Recht haben zwar alle drei. Doch während die ersten beiden im Alltag meist noch weltanschaulich darüber debattieren, wohin sich das Trendbarometer „Füllmenge“ entwickeln wird, hat der Dritte nüchtern die Rahmenbedingungen erfasst und kann sich diesen bequem anpassen – austrinken oder nachschenken. Die Haltung ist heute geradezu überlebenswichtig.

Kaum ein Begriffspaar ist in den vergangenen Jahren so sehr strapaziert worden wie das sperrig klingende Duo der Flexibilität und der Anpassungsfähigkeit. Arbeitsforscher, Managementexperten, Organisationspsychologen – egal, wen man fragt: Alle beteuern unisono, dass die Arbeitswelt sich radikal gewandelt hat und auch weiterhin rasant verändern wird. Und nur wer sich schnell genug darauf einstellen kann, heißt es, profitiert davon. Ständige Projektwechsel, Auslandseinsätze und der technische Fortschritt machen das unumgänglich. Vom lebenslangen Lernen ganz zu schweigen.

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Es ist das Hohelied auf den Fortschritt, die Marktwirtschaft, den Wettbewerb und das Darwin’sche Prinzip, das nicht der Fitteste überlebt, sondern der Anpassungsfähige. Das stimmt. Macht einer wachsenden Zahl allerdings auch enorme Angst. Nicht wenige erkennen darin inzwischen nicht nur Chancen, sie haben Sorge, überhaupt noch Schritt halten zu können, und fühlen sich hoffnungslos überfordert.

Persönlich stark über künftige Entwicklung in Deutschland verunsichert

Erst vergangene Woche veröffentlichte TNS Emnid im Auftrag der Job AG eine repräsentative Umfrage, in der 39 Prozent der Berufstätigen angaben, über die künftige Entwicklung in Deutschland persönlich stark verunsichert zu sein, 27 Prozent bezogen das zudem auf die wirtschaftliche Situation ihres Unternehmens. Die Menschen in diesem Land spüren: „Das dicke Ende kommt noch.“ – Aber sie reagieren darauf höchst unterschiedlich. Im klassischen Sinn beschreibt der Begriff der Anpassungsfähigkeit zunächst einmal Menschen, die in der Lage sind, sich auf neue Anforderungen ihrer Umwelt einzustellen. Manche dieser Umstellungen sind vorhersehbar, allen bleibt genug Zeit, sich darauf einzustellen.

Andere kommen überraschend. So wie bei dieser Wirtschaftskrise, die scheinbar immer neue, dramatischere Wendungen nimmt. Oder der Ausbruch des isländischen Vulkans Eyjafjallajökull, der den gesamten europäischen Luftverkehr zum Erliegen brachte. Solche Umschwünge treffen die meisten unvorbereitet. Doch das wäre nicht weiter schlimm, solche Überraschungen passieren jeden Tag. Oder wie Benjamin Franklin einst spottete: „Im Leben ist nichts sicher, außer der Tod und die Steuer.“

Problematisch wird es erst dann, wenn wir uns dabei ohnmächtig fühlen, wenn wir das wahre Ausmaß nicht einschätzen können und mit zu vielen Variablen kalkulieren müssen. Denn was für den einen nur eine leichte Veränderung seines Verhaltens impliziert, kann für den anderen schon eine komplette Kehrtwende im Denken und Handeln bedeuten. Nicht wenigen Menschen fällt das auch deshalb so schwer, weil es sie zu einem radikalen Bruch mit Traditionen und liebgewonnenen Gewohnheiten zwingt. Die Fähigkeit dazu ist nicht unbedingt eine deutsche Tugend. Unflexibel und immobil seien die Deutschen, lauten die Vorwürfe immer wieder. Und zum Teil stimmt das auch.

Nur ein Beispiel: Wie eine EU-Studie vor zwei Jahren feststellte, pendeln die meisten hierzulande lieber zur Arbeit als an den Arbeitsort zu ziehen. 41 Prozent nehmen dafür sogar mindestens zwei Stunden tägliche Fahrzeit in Kauf. Eine Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung kam wiederum Ende des vergangenen Jahres zu dem Ergebnis, dass selbst zwei Drittel der Hartz-IV-Empfänger sich nicht vorstellen können, für einen Job umzuziehen. Es scheint sogar so, dass einige Studiengänge flexibler machen als andere – oder zumindest einen bestimmten Menschenschlag anziehen. Während den Ingenieuren bis dato der Ruch anhaftet, besonders heimatverbunden und starr zu sein, zählen die Physiker auf dem Arbeitsmarkt seit Jahren zu den Akademikern mit dem breitesten Einsatzspektrum.

Von den rund 93 000 erwerbstätigen Physikern im Jahr 2007 arbeiteten drei Viertel nicht in ihrem Fachgebiet. Stattdessen verdienten sie ihren Lebensunterhalt als Informatiker oder Mathematiker (15 Prozent) oder in Ingenieurberufen (7 Prozent). Andere zog es in völlig fachfremde Gefilde: Mehr als jeder Zehnte arbeitete als Unternehmensberater oder Manager. Und jeder Dreißigste fand als Patentanwalt, Politiker oder in Dienstleistungssparten sein Auskommen.

Die große berufliche Flexibilität zahlt sich offenbar auch finanziell aus: Nach Angaben des Hochschulinformationssystems lag das Jahresbrutto eines Physikers zehn Jahre nach seinem Abschluss 25 Prozent über dem Durchschnitt aller Universitätsabsolventen. Vor einigen Jahren veröffentlichte das US-Magazin „Fast Company“ eine Titelgeschichte mit dem Titel „Change or Die“ – verändere dich oder stirb. Das klang ein wenig martialisch, trifft aber ganz gut die heutige Realität zahlreicher Unternehmen – vor allem jener, die sich beharrlich allem Wandel verweigern. Die zentrale Frage des Artikels damals war jedoch auf den Einzelnen gemünzt und lautete: „Könnten Sie Ihr Leben umkrempeln, wenn Sie es müssten?“

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