
Wenn jeder nach Belieben löge, „hätte dies katastrophale Folgen dafür, wie jeder von uns sich in der Welt zurechtfinden würde: wie wir zuverlässige Erkenntnis über die Welt gewinnen, wie wir rationale Pläne für die Zukunft machen, wie wir miteinander kooperieren können“, schreibt der Rechtsphilosoph Norbert Hoerster in seinem Buch „Ethik und Interesse“. Eng verwandt mit dem Gebot, nicht zu lügen, ist für Hoerster auch das Gebot, Verträge einzuhalten, weil Vertragstreue das Fundament des Prinzips Arbeitsteilung der modernen Wirtschafts- und Sozialgesellschaft sei.
Dennoch wird die Wahrheit auf dem Altar der Nützlichkeit gebeugt. Selbst (oder gerade?) im Allerheiligsten der Unternehmensrealität, dem Controlling. Studien zeigen, dass die vom Controlling bereitgestellten Daten nicht nur instrumentell, also als Grundlage für Entscheidungen, dienen, sondern häufig auch symbolisch, um eben solche Entscheidungen zu rechtfertigen.
Die aktuelle Finanzkrise liefert dazu zig Beispiele. Noch einen Tag vor dem Beinahekonkurs und Notverkauf des Finanzkonzerns Bear Stearns etwa versicherte die Konzernleitung, es gebe keine Probleme. Das war genauso gelogen wie die Beteuerungen rund um das Versagen der deutschen Landesbankiers oder des Managements der Hypo Real Estate: „Hypo Real Estate sieht keine Ergebnisbelastung aus Subprime-Krise“, meldete der deutschen Immobilienfinanzierer im Oktober 2007. Im Januar 2008 gab der Konzern Probleme bekannt, Ende September drohte die Insolvenz.
Ähnlich absichtsvoll könnte der Chef der Deutschen Bank, Josef Ackermann, an der vollen Wahrheit vorbei beteuert haben, als er versicherte, die Milliarden des Rettungspakets der Bundesregierung seien für die Steuerzahler „gut angelegte“ Finanzmittel. Er wird gewusst haben: Dies gilt nur, wenn keine große Bank abstürzt. Seine Beschwichtigung könnte damit einer Halbwahrheit gleichkommen, einer Flunkerei in vermeintlich guter Absicht, einer „white lie“, wie sie Angelsachsen nennen.
Finanzbranche steuert zur Ehrbarkeit zurück
Vom Kesselflicker zum Banker. Um ein imagekillendes „Der lügt ja wie ein Bankdirektor“ zu verhindern, steuert die Finanzbranche inzwischen alarmiert zum Leumund der Ehrbarkeit zurück, wie die WirtschaftsWoche kürzlich schrieb (Ausgabe 50/2008). Mit einem Mal ist wieder die Rede vom „ehrbaren Kaufmann“ als Leitbild der Ökonomie und von der Rückbesinnung auf die Tugend der Wahrhaftigkeit.
Denn nur wer einigermaßen sicher sein kann, nicht belogen zu werden, kann sich auf ein Geschäft mit einem Unbekannten einlassen. Anders gesagt: Die Wahrheit erspart die Recherche und reduziert die Komplexität des Geschäftemachens.
Würden sich Verhandlungspartner mit unzutreffenden Informationen versorgen, liefen sie nicht nur Gefahr, sich in ihren Lügen zu verstricken, sondern riskierten auch einen wackeligen Abschluss. Das könnte für beide verheerende Folgen haben: überzogene Preise, unhaltbare Terminzusagen, juristische Auseinandersetzungen, jede Menge Ärger und Ansehensverluste.
Könnte es also sein, dass die „Lügenkulturen“, wie sie der Regensburger Romanist Jochen Mecke nennt, in Wirtschaft und Gesellschaft einen vorläufigen Karriereknick erleiden, weil sie sich auf dramatische Weise als kontraproduktiv erwiesen haben? Werden wir jetzt alle ehrlicher, weil sich der Schwindel doch nicht ausgezahlt hat?
Einer, der es immerhin versucht, ist Cathal Morrow. Seit neun Monaten beruft sich der arbeitslose britische Vertriebsmann auf den Lügenverächter Immanuel Kant und ist fest entschlossen, ein Jahr lang unbeirrt die Wahrheit zu sagen. Er glaube nicht, sagte er einem „Financial Times“-Reporter, dass es möglich sei, angestellt zu sein, ohne zu lügen: „Nicht wenn man Verkäufer ist.“
Sein Selbstexperiment mit der Kantianischen Wahrheit will er in einem Buch mit dem Titel „The Complete Kant“ beschreiben. Einstweiliges Fazit: „Die Wahrheit kann hässlich sein.“ Aber auch alltäglich.
Noch ist die Lüge in Wirtschafts- und Arbeitsleben ein zumeist nützliches Instrument, das allenfalls dann als problematisch, unmoralisch und zerstörerisch identifiziert wird, wenn es Katastrophen gebiert. Bis dahin weist sie den Urheber als überlegen, humorvoll, sprachgewandt und flexibel im Denken aus. Das ist – leider – die Wahrheit.














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Alle Kommentare lesen25.05.2009, 23:54 UhrAnonymer Benutzer: Anna
ich gehe in die vierte Klasse. Als ich Note 5 bekamm, war mein Vater sehr enttäuscht über mich. Die Wahrheit zu sagen ist mir sehr wichtig, aber noch wichtiger ist mir die Elternliebe. Das nächste Mal, als ich eine 5 bekommen habe, habe ich meinem Vater geantwortet, dass ich eine 1 hatte. ich hatte Angst gehabt, die Wahrheit zu sagen, weil ich nicht wollte das er mich so sehr verletzt wie das letzte Mal. ich hab das nicht böse gemeint, wollte nur keine Probleme und Harmonie. Muss ich meinem Vater erzählen, das die 1 geschwindelt war?
07.01.2009, 15:38 UhrAnonymer Benutzer: Hägar Schmidt
"Ja ich bin ein Loser und stolz darauf!" Sie verscheiern ihre identität. Das war schon eine der vielen Unehrlichkeiten, die Sie an den Tag legen.
Entweder ist man ehrlich oder nicht. So "ein bißchen ehrlich" geht nicht. Seien Sie mir nicht böse - Sie haben ja den ersten Stein geworfen.
06.01.2009, 14:39 UhrAnonymer Benutzer: alte Tugenden leben hoch
Ja ich bin ein Loser und stolz darauf!
Was diese Welt heute mehr denn je braucht, sind Leute die die Wahrheit sagen - auch, wenn sie keiner hören will.
Wahrheit und Lüge sind dennoch keine Gegensätze und manche Lügen sind gewissermaßen für den Erhalt des sozialen Friedens notwendig. Die Grenzen sind jedenfalls fließend.
Trotzdem sollten angesichts der egoistischen Verantwortungslosigkeit mancher Profitgeier alte Werte wieder wichtiger werden.
Eine Gesellschaft, in der nur noch betrüger und Korrupte es zu etwas bringen, ist schon der Anfang von ihrem Ende. Das Mißtrauen wird immer größer werden und die Ellbogenmentalität sorgt für den Rest.
Selbst Politiker sind nur noch Karrieristen und Lobby-Marionetten.
Auch Hägar wird seinen Meister finden, der sich über ihn stellt und dann ist er der Loser.