Aufstieg: Dienen Lügen wirklich der Karriere?

Aufstieg: Dienen Lügen wirklich der Karriere?

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Dem damaligen US-Präsidenten Bill Clinton wächst ob der Lewinsky-Affäre im Sekundentakt eine immer längere Nase

So viel wie in Büros, Labors, Schalterhallen und Konferenzräumen wird wahrscheinlich nirgendwo gelogen. Geschickte Lügner sind oft hochintelligent, sagen Wissenschaftler, weil sie strategisch vorgehen. Doch wo bleibt die Moral?

Eineinhalb Jahre führte Niels P. ein verbummeltes Leben. Erst brach er das ungeliebte Jurastudium ab, dann geriet er an falsche Freunde und verlor schließlich die Orientierung. Sein Leben: schnorren, kiffen, rumhängen. Schließlich nahm er doch noch die Kurve, schloss ein Wirtschaftsingenieurstudium ab und bewarb sich. Im Lebenslauf verschleierte er die anderthalb Jahre, täuschte Praktika und Freiwilligeneinsätze in Afrika vor, über die er auch in Jobinterviews ergreifend berichten konnte. Niels P. ging auf volles Risiko, log, was das Zeug hielt – und kam damit durch.

Heute arbeitet er für ein papierverarbeitendes Unternehmen und leitet Projektgruppen. Nach seiner Vergangenheit fragt keiner mehr. Wer bei der Bewerbung schummelt, dem kann Jahre später noch gekündigt werden, auch wenn die Arbeitsleistung stimmt. Deshalb möchte Niels P. seinen vollen Namen nicht nennen – den schönen Job wäre er vermutlich sofort wieder los. „Ein schlechtes Gewissen habe ich schon“, sagt der 36-Jährige. Dafür aber ein gutbezahltes.

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Die Welt will belogen werden. Sechs von zehn Deutschen sind überzeugt, dass sich Ehrlichkeit nicht immer auszahlt. Fast jeder Zweite meint, dass einem die Wahrheitsliebe leicht als Naivität und Dummheit ausgelegt werden könne, und weit mehr als jeder Dritte glaubt sogar, dass zur Lüge greifen muss, wer Karriere machen will.

Die Lüge gehört zum Alltag wie Zähneputzen oder Stuhlgang. Durchschnittlich wird der Mensch alle acht Minuten belogen, hat der Psychologe Gerald Jellison von der Universität von South Carolina ermittelt. Während einer zehnminütigen Konversation belügen sich 60 Prozent aller Gesprächspartner bis zu dreimal. Solche beiläufigen Flunkereien sind den Urhebern im Augenblick der Konversation meist gar nicht bewusst, machen aber fast ein Drittel aller Lügen aus. Der Rest: 41 Prozent der Menschen lügen, um sich Ärger zu ersparen und keine Verantwortung für das eigene Handeln übernehmen zu müssen, 14 Prozent, um sich das Leben zu erleichtern, acht Prozent, um die eigene Beliebtheit zu steigern, und sechs Prozent aus purer Faulheit.

Lügen als eigentlicher sozialer Kitt?

Mag sein dass der Deutsche sonntags die Wahrhaftigkeit preist und feiert, aber alltags wird geschummelt, erfunden, vernebelt, vertuscht, verfälscht, erstunken und erlogen, dass sich die Balken biegen. Der Kommunikationswissenschaftler Klaus Merten ist sogar davon überzeugt, dass Lügen der eigentliche soziale Kitt ist, der unsere Kommunikations- und Wirtschaftsgesellschaft zusammenhält. „Ohne die Verwendung von Lügen“, schreibt Merten, an dessen Münsteraner Universitätsinstitut für Kommunikationswissenschaft Hunderte von Journalisten und PR-Fachleuten studiert haben, „muss alle Kommunikation zusammenbrechen.“

Schon Bewerber schwindeln, weil sie glauben, dass es im Einstellungsgespräch nicht auf Tatsachen ankommt, sondern auf Selbstdarstellung, das Ausreizen von Fakten und die Kunst, bei der Wahrheitsdehnung nicht ertappt zu werden. Denn wer die Realität geschickt umspielt, gilt nicht nur als Schlitzohr, sondern auch als intelligent. Lügner können enorm sprachbegabte Zeitgenossen sein, ahnte der Philosoph Ludwig Wittgenstein, als er das Lügen aus der moralischen Zange nahm und als ein „Sprachspiel“ definierte, „das gelernt sein will“.

Bis heute treibt das Paradoxon des Epimenides aus Kreta – „Alle Kreter lügen“ – Logiker und Philosophen bis zur Rabulistik. Auch Evolutionspsychologen sind davon überzeugt, dass wir nur geworden sind, was wir sind, weil wir im Laufe der Evolution das Lügen perfektioniert haben. „Man kann sagen, dass sich die menschliche Intelligenz an Lügen- und Täuschungsstrategien schärfte“, schreibt der Managementtrainer Günther Beyer in seinem Buch „Der Lüge auf der Spur“.

Was aber passiert im Augenblick der Unwahrheit? Fest steht: Lügen bringt die grauen Zellen über die Maßen auf Trab. Dabei muss sich das Gehirn mehr anstrengen und „rekrutiert mehr Hirnareale“ als bei der Wahrheit, sagt der Berliner Neurologe Gabriel Curio. Bestätigt wird das durch ein Experiment des Bielefelder Hirnforschers Hans J. Markowitsch. Er bat Studenten, erst eine wahre Geschichte zu erzählen – danach eine Lügengeschichte. Aber nur während ihm die Probanden einen Bären aufbanden, gab es im hinteren Schädelbereich „ein wahres Neuronengewitter“.

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