Bangalore: Groß bunt chaotisch - Seite 3

Bangalore: Groß bunt chaotisch

3

Axel Schorlemmer betreibt ein Café in Bangalore und kennt die meisten Deutschen, die es hier versuchen. „Viele haben sich von den Problemen abschrecken lassen“, sagt der 61-Jährige, während er die Affen auf der Terrasse seines Lokals verscheucht. Er versteht sich als väterlicher Berater, veranstaltet jeden Monat einen Stammtisch für die deutsche Gemeinschaft. „Es ist ein schwieriges Terrain, aber immer mehr Deutsche überwinden ihre Indien-Scheu, und Ausländer sind heute in einheimischen Unternehmen gefragt wie nie zuvor.“ Gesucht werden vor allem Europäer, die zeitlich befristet in Callcenter arbeiten wollen. Mehr als 60 junge Deutsche sind derzeit auf solchen Stellen in Bangalore, schätzt Audrey D’Souza. Tendenz steigend. Das eröffnet vor allem Berufsanfängern Chancen. Einer von ihnen ist Lin Philipp Simanek. Der 27-jährige Sozialwissenschaftler wollte nach dem Studium ein Praktikum in einem englischsprachigen Land absolvieren, „das kulturell anders tickt“. Über das Studentenaustauschprogramm Aiesec heuerte er bei dem indischen Unternehmen HCL in Bangalore an, um den Mitarbeitern Deutschunterricht zu geben. Für ihn war das genau das Richtige. „Das Land ist groß, bunt und chaotisch – einfach fordernd.“ Nach seinem Indien-Intermezzo will er in eine deutsche Beratungsfirma einsteigen. Das Service- und Softwareunternehmen HCL, das unter anderem für die Deutsche Bank arbeitet, will auf dem deutschen Markt weiter wachsen. „Ich soll die indischen Kollegen nicht nur sprachlich fit machen, sondern auch deutsches Denken, Verhalten und deutsche Kultur vermitteln“, beschreibt Simanek sein Aufgabengebiet. Dafür zahlt ihm der Arbeitgeber bescheidene 340 Dollar monatlich und stellt für rund 60 Dollar Monatsmiete ein Praktikantenzimmer zur Verfügung. Sieben Monate will Simanek in Bangalore bleiben. Schon jetzt glaubt er zu wissen: „Wer hier besteht, findet sich überall in der Welt zurecht.“

Sagen Sie der Redaktion Ihre Meinung! Diskutieren Sie mit ... in den WiWo Weblogs

Mit einem deutschen Unternehmen im Rücken lebt es sich generell etwas leichter, wie Lena Berghaus erfährt. Die 21-jährige Abiturientin war während eines Kurzaufenthaltes im indischen Nashik auf den Geschmack gekommen und nahm mit Freuden das Angebot eines deutschen Autozulieferers an, für sechs Monate in Bangalore zu arbeiten. Sie bekommt 440 Euro plus Unterkunft und Transport. Die junge Frau sitzt in einem Servicecenter des Unternehmens, in das Teile der Buchhaltung ausgelagert werden. Lena Berghaus arbeitet nach deutscher Zeit, um für die Kollegen in der Heimat ansprechbar zu sein. Die Spätschichten gefallen der jungen Frau nicht besonders, das Land jedoch umso mehr. „Indien ist absolut aufregend“, sagt sie, „und die Menschen sind offen.“ Doch auch sie musste sich an viele landes- und stadttypische Eigenheiten gewöhnen. Zum Beispiel daran, dass Inder den Kopf schütteln, wenn sie Ja meinen. An die Hinweisschilder auf öffentlichen Plätzen mit der Aufschrift „Bitte nicht spucken“ oder „Benutzen Sie eine Toilette“. Und daran, dass sich nicht viele daran halten. An Kühe, die am Straßenrand im Abfall wühlen. Oder daran, dass Inder gerne versprechen, jedes Problem in den nächsten zwei Minuten zu lösen, obwohl es meist Tage oder sogar Wochen dauert. „Wer keine Zeit hat, ist schon verloren“, sagt Otto Stricker. „Und wenn es Montag nichts wird, warte ich eben auf den Mittwoch.“

Blogs

Die Trillerpfeife dürfen sie nicht nehmen, aber Unfug reden wird man dürfen - Notwehrmassnahmen gegen Call-Center-Anrufe
Die Trillerpfeife dürfen sie nicht nehmen, aber Unfug reden wird man dürfen - Notwehrmassnahmen gegen Call-Center-Anrufe

Wenn eine 61-jährige Frau aus Pirmasens sich so sehr über lästige, ungewollte Anrufe aus Call-Centern ärgert, dass sie...

weitere Fotostrecken

Das Aktuelle Heft

Wirtschaftswoche

WirtschaftsWoche 21 vom 21.05.2012

iTunes Vorschau - WirtschaftsWoche
Deutsche Unternehmerbörse - www.dub.de
DAS PORTAL FÜR FIRMENVERKÄUFE
– Provisionsfrei, unabhängig, neutral –
Angebote Gesuche




.