Bhutan und das Bruttonationalglück : „Wir können der Globalisierung nicht entfliehen“

InterviewBhutan und das Bruttonationalglück : „Wir können der Globalisierung nicht entfliehen“

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Bhutan und das "Bruttonationalglück".

von Bert Losse

Der Ministerpräsident von Bhutan, Tshering Tobgay, über das Konzept des „Bruttonationalglücks“ und die schwierige Balance zwischen materiellen und immateriellen Werten.

Was macht Menschen glücklich, und wie kann die Politik die Lebenszufriedenheit unterstützen? Längst sind diese Fragen auch in der Wissenschaft angekommen; die Glücksforschung zählt mittlerweile zu den Boomdisziplinen der Volkswirtschaftslehre. Und wer sich mit dem Thema beschäftigt, stößt fast unweigerlich auf das Königreich Bhutan.

Der nur 750 000 Einwohner zählende Ministaat zwischen Tibet und Indien hat Ende der Siebzigerjahre das Bürgerglück zur Staatsräson erhoben. Seitdem misst ein Heer von Statistikern, Ökonomen und Meinungsforschern das „Bruttonationalglück“.

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Dass dieser Index steigt, liegt aktuell in der Verantwortung von Regierungschef Tshering Tobgay.

Zur Person

  • Tshering Tobgay

    Tshering Tobgay, 51, ist seit 2013 Premierminister von Bhutan und Chef der People's Democratic Party. Im November erhielt der Harvard-Absolvent der Ehrenpreis der Stiftung deutscher Nachhaltigkeitspreis.

Herr Premierminister, Ihr Land erstellt in Abgrenzung zum Bruttoinlandsprodukt einen nationalen Glücksindex als Richtschnur für die Politik. Welche Philosophie steckt dahinter?

Unsere Könige haben die weise Entscheidung getroffen, Bhutan nicht rein ökonomisch, sondern nachhaltig zu entwickeln. Das Konzept des Bruttonationalglücks folgt der Einsicht, dass wir die Chancen künftiger Generationen nicht gefährden dürfen. Bhutan ist ein armes Land, und wir suchen nach einer Balance zwischen Wirtschaftswachstum – das sehr wichtig ist – und ökologischer Nachhaltigkeit, sozialem Fortschritt und dem Erhalt unserer Kultur. Es geht ebenso um eine Balance zwischen den materiellen Bedürfnissen der Menschen, ihrem emotionalen Wohlbefinden und ihrer spirituellen Erfüllung.

Glück ist aber ein höchst subjektives Gefühl. Wie messen Sie es?

Sicher, Glück ist immer subjektiv. Sie fühlen sich gut oder eben nicht. Wir versuchen daher, eine Art gesellschaftliches Glück zu erfassen. Dafür zuständig ist ein Forschungsinstitut, das Zentrum für Bhutan-Studien und Glücksforschung, das regelmäßig die Bevölkerung befragt. Die Umfragen sind sehr detailliert und umfassen neun Bereiche: Gesundheit, Lebensstandard, Bildung, Zufriedenheit mit Politik und Verwaltung, ökologische und kulturelle Vielfalt, Gemeinschaftsgefühl, Zeitsouveränität und allgemeines mentales Wohlbefinden. Die Umfragedaten fließen in den nationalen Glücksindex ein.

Und? Sind die Bürger Ihres Landes glücklicher als früher?

Der Index hat sich zwischen 2010 und 2015 leicht verbessert. 91,2 Prozent der Bevölkerung Bhutans fühlen sich ansatzweise, überwiegend oder sogar außerordentlich glücklich.

Ermitteln Sie parallel auch ein traditionelles Bruttoinlandsprodukt?

Ja, natürlich. Das BIP ist eine wichtige Größe für uns und geht in den Glücksindex mit ein.

Bei Ihrer Wahl vor drei Jahren haben Sie sich eher skeptisch über den Glücksindex geäußert.

Das stimmt nicht.

Sie sagten damals, der starke politische Fokus auf das Bruttonationalglück könnte womöglich reale Probleme vernebeln.

Noch mal: Ich war und bin kein Skeptiker des Konzepts. Richtig ist aber, dass wir weniger über Dinge reden und mehr Dinge implementieren sollten.

Glück "In jedem von uns steckt ein Feel-Good-Manager"

In Zeiten von Terror und Krisen erscheint das Glück wie ein rares Gut. Die "Glücksministerin" und Autorin Gina Schöler hilft Menschen bei der Suche nach dem Glück. Worauf es dabei ankommt, erzählt sie im Interview.

Glücklich im Job: Wie das trotz mieser Kollegen gelingt. Quelle: Getty Images

Was ist das größte ökonomische Problem Ihres Landes?

Die Arbeitslosigkeit. Unser ökonomisches Fundament ist sehr klein. Es gibt Jobs, etwa in der Landwirtschaft oder im Bausektor. Aber das sind oft nicht die Stellen, die gut ausgebildete Menschen haben wollen. Viele ziehen „white collar jobs“ vor.

Würden Sie sich über mehr ausländische Direktinvestitionen und Touristen freuen? Oder fürchten Sie, dass eine stärkere Einbindung in die Globalisierung glückssenkend wirkt?

Wir können der Globalisierung nicht entfliehen. Sie ist Realität, und sie ist notwendig. Es ist ein großer Fortschritt, dass Menschen aus aller Welt zusammenkommen, kommunizieren, zusammen arbeiten. Das bedeutet aber nicht, dass wir unbegrenzt Menschen ins Land lassen können. Wir wollen und brauchen Tourismus in Bhutan – aber er muss kontrolliert ablaufen. Wir wollen und brauchen ausländische Investitionen – aber sie müssen zu unseren nationalen Werten passen. Wir wollen zum Beispiel keine Industrie, die die Umwelt belastet.

Wäre das Bruttonationalglück auch ein Konzept für Industriestaaten wie Deutschland?

Jedes Land hat eigene politischen Konzepte und seine eigene Geschichte. Es gibt aber eine fundamentale Gemeinsamkeit: Glücklich werden wollen wir alle.

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