Brexit: Wer will noch in Großbritannien arbeiten?

Brexit: Wer will noch in Großbritannien arbeiten?

von Kerstin Dämon

Für die Briten kann es künftig schwieriger werden, Fachkräfte zu gewinnen. Auch für deutsche Expats kann sich durch einen Brexit einiges ändern. Insgesamt profitiert der deutsche Arbeitsmarkt jedoch von einem Austritt.

"Was da in Großbritannien passiert ist, war kein Unfall oder Zufall, das war die Entscheidung von unzufriedenen Menschen", sagt der Friedensnobelpreisträger und ehemaliger UN-Generalsekretär Kofi Annan auf einer Fachtagung vor rund 400 Managern und CEOs aus 50 Ländern. Die Unternehmer sind nach Lausanne gekommen, um vor allem "besser, schneller und bereit für den Wandel zu werden", wie eine Teilnehmerin sagt. Der Brexit ist allerdings auch am Genfer See Thema.

Der 78-jährige Annan spricht von einem Freitagmorgen-Schock. Er sei abends zu Bett gegangen in der festen Überzeugung, dass das Ergebnis knapp ausfallen werde, die Briten aber bleiben würden. "Ich war genau so überrascht wie alle anderen", sagte er. Für ihn besonders bezeichnend: "77 Prozent der Jungen haben dafür gestimmt, zu bleiben und 60 Prozent der Alten für den Austritt."

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Damit trägt die Jugend Großbritanniens die Konsequenzen der Entscheidung der mehrheitlich älteren Wähler. Und diese Konsequenzen werden nicht nur bei Zöllen, im Tourismus oder bei Lebensmitteln spürbar sein.

Der Brexit wird den Arbeitsmarkt in Großbritannien verändern, wenn es auch unwahrscheinlich ist, dass nun die komplette Londoner Finanz- und IT-Branche die Koffer packt und das Land verlässt. "Nach so einer Entscheidung gibt es natürlich viele Gerüchte und Sorgen - aber letzten Endes wird die Zeit es zeigen", sagt Mariano Mamertino, Wirtschaftsanalyst für Europa und Asien bei der Jobsuchmaschine Indeed.

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Noch gilt in Großbritannien europäisches Recht. Aber sobald das Land aus der EU austritt, wird sich auch im Kleinen vieles wandeln – nicht nur für die Briten.

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Er sagt aber auch: "Jegliche politische Maßnahme, die die britische Regierung ergreifen wird, um ausländischen Arbeitskräften eine Arbeitsaufnahme innerhalb des Vereinigten Königreichs zu erschweren, wird sich ziemlich sicher negativ auf Unternehmen auswirken, die zur Besetzung ihrer offenen Stellen gerne auf internationale Talente zurückgreifen."

Für andere Nationen lohnt sich das. Schon jetzt wandern Fachkräfte - besonders aus dem IT-Sektor - wegen der hohen Lebenshaltungskosten aus Großbritannien ab und versuchen ihr Glück etwa in München oder Berlin.

"Die stabile Wirtschaft, der gesunde Arbeitsmarkt und eine hohe Nachfrage nach Fachkräften sind definitiv alles “Pull-Faktoren”, die für Deutschland sprechen", so Mamertino. Er geht davon aus, dass der Trend anhält und durch den Brexit noch verstärkt wird. "Sollte der Brexit den Zustrom von Fachkräften nach Großbritannien unterbinden, werden Länder wie Irland, Frankreich und auch Deutschland profitieren."

Wo die großen Brexit-Baustellen sind

  • Führungsstreit bei den Tories

    Seit der konservative Premier David Cameron seinen Rücktritt angekündigt hat, tobt ein Kampf um seine Nachfolge - nicht nur hinter den Kulissen. Als aussichtsreichste Kandidaten gelten Brexit-Wortführer Boris Johnson und Innenministerin Theresa May. Johnson werden die besten Chancen eingeräumt, auch wenn er erbitterte Feinde in der Tory-Fraktion hat. May könnte als Kompromisskandidatin gelten, sie war zwar im Lager der EU-Befürworter, hielt sich aber mit öffentlichen Äußerungen zurück.

  • Führungsstreit bei Labour

    Labour-Chef Jeremy Corbyn laufen nach dem Rauswurf seines schärfsten Kritikers Hilary Benn die Mitglieder seines Schattenkabinetts in Scharen davon. Mehr als die Hälfte seines Wahlkampfteams trat bereits zurück. Sie werfen Corbyn vor, nur halbherzig gegen einen EU-Austritt geworben zu haben, und stellen seine Führungsqualitäten in Frage. Dahinter steckt auch die Befürchtung, es könne bald zu Neuwahlen kommen. Viele Labour-Abgeordnete befürchten, mit dem Linksaußen Corbyn an der Spitze nicht genug Wähler aus der Mitte ansprechen zu können. Corbyn war im Spätsommer vergangenen Jahres per Urwahl an die Parteispitze gerückt, hat aber wenig Unterstützung in der Fraktion.

  • Streit um Beginn der Austrittsverhandlungen

    Der scheidende Premier David Cameron kündigte an, die offiziellen Austrittsverhandlungen mit der EU nicht mehr selbst einzuleiten. Der Ablösungsprozess könnte damit frühestens nach Camerons Rücktritt beginnen - womöglich erst im Oktober. Äußerungen anderer britischer Politiker lassen befürchten, dass sich die Briten gern sogar noch mehr Zeit lassen würden. Am allerliebsten würden sie schon vor offiziellen Austrittsverhandlungen an einem neuen Abkommen mit der EU basteln. Brüssel, Berlin und Paris dringen aber auf einen raschen Beginn der Austrittsverhandlungen.

  • Die Schottland-Frage

    Seit dem Brexit-Votum liegt die Frage nach der schottischen Unabhängigkeit wieder auf dem Tisch. Die Schotten stimmten - anders als Engländer und Waliser - mit einer Mehrheit von 62 Prozent gegen einen Brexit. Schottlands Regierungschefin Nicola Sturgeon kündigte in Edinburgh an, Vorbereitungen für ein zweites Unabhängigkeitsreferendum einzuleiten. Boris Johnson deutete jedoch bereits an, dass er als Premierminister da nicht mitspielen würde: „Wir hatten ein Schottland-Referendum 2014 und ich sehe keinen echten Appetit auf ein weiteres in der nahen Zukunft“, schrieb Johnson in einem Gastbeitrag im „Daily Telegraph“. Auch Premierminister David Cameron erteilte einem erneuten Schottland-Referendum eine Absage.

  • Irland und Nordirland

    In beiden Teilen der Insel herrscht Sorge, der Brexit könnte dazu führen, dass wieder Grenzkontrollen eingeführt werden und der Friedensprozess gestört wird. Irlands Ministerpräsident Enda Kenny versicherte, seine Regierung arbeite eng mit Belfast und London zusammen, um die Grenzen offenzuhalten. Ähnlich wie in Schottland stimmte auch in Nordirland eine Mehrheit der Wähler gegen den Austritt des Königreichs aus der EU. Die nordirische nationalistische Partei Sinn Fein forderte bereits eine Abstimmung über eine Wiedervereinigung Irlands und Nordirlands.

  • Drohende Wirtschaftskrise

    Das britische Pfund verlor seit dem Brexit-Votum massiv an Wert gegenüber dem Dollar und fiel auf den niedrigsten Stand seit drei Jahrzehnten. Auch die Börsenkurse stürzten zeitweise in den Keller. Der britische Finanzminister George Osborne versuchte am Montag, Sorgen an den Märkten zu zerstreuen. Großbritannien sei auf alles vorbereitet, sagte Osborne. Noch am Tag nach der Brexit-Entscheidung war Notenbank-Chef Mark Carney vor die Kameras getreten und hatte angekündigt, die Bank of England könne bis zu 250 Milliarden Pfund in die Hand nehmen, um weitere Verwerfungen zu verhindern. Trotz allem verlor das Pfund weiter an Wert.

Umgekehrt kann es - abhängig von den kommenden Verhandlungen - für deutsche Arbeitnehmer schwierig werden, in Großbritannien zu arbeiten. Derzeit sind die aufenthaltsrechtlichen Regelungen für EU-Bürger allerdings noch Gegenstand der Diskussionen, wie Verena Braeckeler-Kogel, Leiterin der deutschen Arbeitsrechtspraxis bei Simmons & Simmons, sagt.

Wer derzeit als Expat für eine deutsche oder europäische Firma in Großbritannien arbeite, könne zunächst nur abwarten, kurzfristig ändere sich für sie jedenfalls nichts. "Expats mit Staatsangehörigkeit eines Staates der EU, des EWR oder der Schweiz fallen weiterhin unter die EU-Verordnungen über soziale Sicherheit. Diese betreffen Krankenversicherung, Pflegeversicherung, Unfallversicherung, Rentenversicherung etc.", sagt sie. Das kann sich ändern, aber noch sei die zukünftige Rechtslage - insbesondere die für Expats wichtigen Themen wie Steuerrecht, Sozialversicherungsrecht und Aufenthaltsrecht, nicht abzusehen. Wer Mitarbeiter nach Großbritannien schicken und auf Nummer sicher gehen will, solle sich an den ohnehin derzeit vorgesehenen Maximalzeitraum von zwei Jahren halten. Danach wisse man mehr, sagt die Arbeitsrechtlerin.

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Schließlich besteht zumindest theoretisch noch die Möglichkeit, dass das Referendum nicht ratifiziert wird. Eine Petition, die eine erneute Abstimmung der Briten über den Verbleib in der EU fordert, wurde bereits von mehr als drei Millionen Menschen unterzeichnet. Die sozialen Medien haben natürlich einen Hashtag für die reuigen Wähler und Nichtwähler: #bregret

"Der Antrag auf Verlassen der Union wurde noch nicht gestellt", sagt auch Annan bei der Veranstaltung der IMD-Business School in Lausanne. Brüssel wolle zwar verständlicherweise umgehend an den Verhandlungstisch, die Briten dagegen erbäten sich zunächst Zeit, einen neuen Premierminister zu wählen. Dass es ein Zurück gibt, glaubt Annan jedoch nicht, wie er sagt: "Es ist sehr schwierig, einmal getroffene Entscheidungen zurück zu nehmen."

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