Auch empfehlenswert ist das zeitlich limitierte Chaos. Vor allem Menschen, deren Alltag in Projekte und feste Zyklen fragmentiert ist, beobachten, dass sich Unterlagen auf dem Tisch bis zur Abgabe türmen. Danach sind sie auf wundersame Weise verschwunden. Wer das akzeptiert, mindert den täglichen Aufräumdruck. Besonders wirksam ist, was bei den Ordnungshütern unter Höchststrafe steht: Stapel bilden. Das sieht nicht nur ordentlich aus, sie sind auch ein riesiger Fundus für Ideen. Und sie erinnern uns stets daran, was noch zu erledigen ist. Unzählige Prominente gestalten ihren Arbeitsplatz mit derartigen Chaos-Oasen. Auch Außenminister Frank-Walter Steinmeier. Auf seinem Schreibtisch türmen sich neben Unterschriftenmappen Bücher, Zeitschriften und Zettel. Stapel zeugen denn auch keineswegs von einem chaotischen Geist. Eher spiegeln sie komplexe Interessen und einen vielseitigen Alltag. So wie bei Alberto Alessi, Chef des gleichnamigen Herstellers edlen Haushaltsdesigns. Auf seiner konferenztischgroßen Arbeitsplatte liegen bunte Mappen auf Prospekten und Katalogen, die wiederum über Notizen, Schreibgerät und Skizzen lagern. Dazwischen stehen Figuren, kleine Pappmodelle und Wasserflaschen. Sein Büro erinnert an die Bastelstube eines alternativen Kindergartens. Chaotische Schreibtische verraten etwas über den sozialen Status. Studien belegen, dass die Stapel bei Menschen mit steigendem Bildungsgrad, höherem Einkommen und wachsender Berufserfahrung besser gedeihen. Psychologe Frese hat bei deutschen Versicherungsvertretern festgestellt: Weniger intelligente Vertreter arbeiten besser, wenn sie genau planten und im Alltag Ordnung hielten. Die intelligenteren Kollegen dagegen arbeiten mit zunehmender Ordnung weniger effektiv. Ordnung ist für jeden anders. Ebenso wie die Motivation aufzuräumen. Manche Menschen versuchen mit Ordnung, innere Konflikte zu lösen. Frese sagt, dass Patienten oft aufräumen, wenn ihnen eine „innere Struktur fehlt“. Wenn sie vor schwierigen Entscheidungen stehen zum Beispiel und ihnen klare Prioritäten fehlen. Um Ordnung im Kopf zu schaffen, räumen sie den Schreibtisch auf.
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Der zunehmende Wunsch nach einem aufgeräumten Schreibtisch ist auch eine Reaktion auf die immer unübersichtlichere (Alltags-)Welt. „Die Haltlosigkeit versuchen viele mit einem überordentlichen Umfeld zu kompensieren“, sagt Grünewald. Ist erst der Stapel besiegt, herrscht wieder Ordnung im Leben, so der Plan. Die wachsende Nachfrage nach den Aufräumhelfern erklären Experten auch mit der Utopie des papierlosen Büros. Papier ist altmodisch und unproduktiv. Wieso stapeln sich dann bei mir die Zettel? Klar, krankhafte Chaoten brauchen Hilfe. Und natürliche (Un-)Ordnung kann auswuchern. Hin und wieder aufräumen ist daher eine Voraussetzung dafür, dass die natürliche Ordnung gedeihen kann. In der Wissensgesellschaft aber, in der immer mehr Menschen kreativ und strategisch denken müssen, passen herkömmliche Einheits-Ordnungskonzepte mit ihren bunt-strukturierten Ablagefächern nicht mehr. Laut Abraham und Freedman ist es an der Zeit, die Pole Ordnung, Planbarkeit und Vorhersehbarkeit einerseits und Unordnung, Komplexität und Kreativität andererseits ins Gleichgewicht zu bringen. Das ist erreicht, wenn wir mit etwas mehr Ordnung oder auch mit etwas mehr Chaos ineffektiver arbeiten würden. Genau dann haben wir das perfekte Chaos erreicht.













