_

Büro: Die Desk-Jockeys

von sebastian.matthes@wiwo.de

Schon im Kinderzimmer lernen wir: Ordnung ist das halbe Leben. Aber das ist nur die halbe Wahrheit: Unordentliche Schreibtische haben einen Sinn. Ein Plädoyer für das perfekte Chaos.

Erstaunlich, dass die polierte Tischplatte überhaupt noch durchblitzt. Auf dem antiken Schreibtisch im 15. Stock von New Yorks Park Avenue türmen sich Stapel mit Zeitschriften, Briefen und Unternehmensanalysen. Darunter begraben: vergilbte Kinderfotos, Schreibgerät, Notizzettel. An dem Platz, wo der gefürchtete Finanzinvestor Guy Wyser-Pratte über millionenschwere Geschäfte entscheidet, herrscht Chaos. Aufräumen? Wyser-Pratte räumt nie auf. Und das ist vermutlich gut so. Nach Erkenntnissen von Psychologen arbeitet jeder Mensch auf seinem eigenen Chaos-Level am effektivsten. Zu Unrecht werden Chaoten als Hallodris verspottet, die ihren Arbeitsalltag nicht unter Kontrolle hätten. Unordentliche Menschen sind oft kreativer, meist spontan und sparen Zeit. Deswegen warnen Experten vor einer übertriebenen Ordnung, die nichts anderes sei als eine „Reduktion von Freiheit“, sagt Jürgen Kriz, Psychologe an der Universität Osnabrück. Edith Stork ist eine Inkarnation dieses Ordnungswahns. Die vielbeschäftigte Ex-Sekretärin ist sich sicher: Wer immer höhere Stapel auf seinem Schreibtisch züchtet, hat ein „ungelöstes Problem“. Stork sorgt deshalb als Beraterin für Ordnung in fremden Büros und mistet bei Teams mit 20 Leuten schon mal bis zu „drei Tonnen Papier“ aus, wie sie sagt. Anschließend verordnet sie den Patienten ihr patentgeschütztes Ablagesystem AP-Dok. In Deutschland blüht die Ordnungsindustrie. Einige Hundert professionelle Aufräumer durchwühlen bereits systematisch Büros. In den USA sind es sogar mehr als 4000, die sich in der Aufräumer-Lobby „National Association of Professional Organizers“ verbandelt haben. Sie sortieren Schreibtische in Einzelsitzungen, schreiben Bücher und predigen die absolute Ordnung auf Vorträgen. Ihr Dogma: Nur an einer leergeräumten Tischplatte wird effizient gedacht und geschafft, nur hier sind vernünftige Strategien und kreative Gedanken möglich. Die reine Lehre ist die leere Schreibtischplatte.

Wie Sie sich im Job und Alltag am besten benehmen, erfahren Sie im Wiwo-Knigge-Spezial.

Das ist Unfug. Ein unaufgeräumter Schreibtisch kann ein höchst funktionales Arbeitsumfeld sein: Er organisiert sich von selbst. Wichtige Dokumente thronen auf Stapeln in greifbarer Nähe, in der „heißen Zone“. Unwichtiges wandert, wie von unsichtbarer Hand geführt, von der „warmen“ in die „kalte“ Zone, gen Schreibtischrand und erledigt sich dort von selbst. So ein Schreibtisch funktioniert wie ein Komposthaufen, der Speisereste verdaut, wenn man ihm nur genug Zeit gibt. Jeder hat seine eigene Ordnung. In Büros tummeln sich deswegen Dutzende Chaos-Typen. Stapel-Chaoten etwa züchten permanent Zetteltürme, sind ansonsten aber ordentlich. Quartals-Chaoten überlassen ihren Schreibtisch dem Durcheinander, solange sie an einem Projekt arbeiten. Muldenbauer dagegen räumen nie auf. Sie sind keine Messies, sitzen aber dennoch vor einem beeindruckenden Haufen Papier. Anders die Archivare. Sie haben neben dem Tisch, hinten an der Wand, eigentlich überall im Raum, sauber geschichtete, bedrohlich hohe Stapel. Fragt man sie nach einem jahrealten Dokument, finden sie es intuitiv in Minuten. Menschen bauen um sich herum eine natürliche Ordnung auf. Die kann auf andere durchaus chaotisch wirken. Für den Schöpfer selbst ist es ein ausgeklügeltes System: Er weiß, welcher Stapel wichtig ist. Wer dieser persönlichen natürlichen Ordnung ein fremdes Ordnungssystem überstülpt, „macht die Menschen ineffizient“, sagt Stephan Grünewald, Psychologe und Unternehmensberater. Ein Sechs-Mann-Unternehmen in der Nähe von Frankfurt musste nach der Sitzung mit einer professionellen Aufräumerin sogar einen neuen Helfer anheuern. Die Mitarbeiter wussten einfach nicht mehr, wo ihre Unterlagen waren. Erst recht kontraproduktiv wirkt ein als „Clean Desk Policy“ verklausulierter Aufräumzwang. Danach haben alle Mitarbeiter abends einem leergeräumten Schreibtisch zu hinterlassen – eine Pflicht, die etwa Unternehmen wie Springer & Jacobi, General Motors und United Parcel Service ihren Angestellten verordnet haben. Das setze Menschen unnötig unter Druck, warnen Psychologen. In der Tat: Was kann daran so falsch sein, Stapel liegen zu lassen, die man am nächsten Morgen wieder braucht?

Blogs

Ein Teller Salat mit Top-Anwältin Ute Jasper, die offen über ihren Lernprozess mit der Presse spricht
Ein Teller Salat mit Top-Anwältin Ute Jasper, die offen über ihren Lernprozess mit der Presse spricht

  Das Basil´s auf der Haroldstraße in Düsseldorf hat sich in kurzer Zeit zu einem In-Italiener für den Lunch entwickelt....

weitere Fotostrecken