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DAK Gesundheitsreport: Sensibilität für psychische Krankheiten steigt

Die Fehltage durch psychische Krankheiten haben in den vergangenen 15 Jahren deutlich zugenommen. Das bedeutet allerdings nicht unbedingt eine tatsächliche Zunahme dieser Krankheiten. Verändert hat sich vor allem die gesellschaftliche Wahrnehmung.

Helfersyndrom

Sie sind immer für andere da und vergessen dabei sich selbst und muten sich mehr zu als ihre Kräfte erlauben. Das trifft vor allem auf Menschen zu, die im sozialen Bereich oder im Gesundheitswesen arbeiten. Der Grund: Sie fühlen sich wichtig und gebraucht, wenn sie sich für andere aufopfern. Sie merken dabei aber nicht, dass sie dadurch kaputt gehen.

Bild: dpa

Die Krankschreibungen von Arbeitnehmern aufgrund psychischer Leiden erreichten 2012 einen neuen Höhepunkt. Das stellt der heute in Berlin präsentierte DAK-Gesundheitsreport 2013 fest. Der Gesamtkrankenstand blieb 2012 im Vergleich zum Vorjahr zwar wenig verändert bei 3,8 Prozent. Dies bedeutet, dass von 1.000 Erwerbstätigen an jedem Tag des Jahres im Schnitt 38 krankgeschrieben waren. Aber psychische Erkrankungen lagen mit einem Anteil von rund 15 Prozent erstmals an zweiter Stelle nach Erkrankungen des Muskel-Skelett-Systems, was die Zahl der Fehltage angeht. Zwischen 1997 und 2012 hat sich die Zahl der Fehltage durch Depressionen und andere psychische Krankheiten auf 204 Tage pro 100 Versichertenjahre mehr als verdoppelt (plus 165 Prozent). Während sich 1997 nur jeder 50. Erwerbstätige wegen eines psychischen Leidens krankmeldete, war es bereits jeder 22. im Jahr 2012. Frauen waren dabei fast doppelt so häufig betroffen wie Männer. Mehr als die Hälfte der Beschäftigten legten 2012 ihrer Firma keine Krankmeldung vor.

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Das bedeutet allerdings nicht, wie die Autoren betonen, dass die Deutschen zu einem Volk von psychisch Kranken geworden sind. „Es gibt keine Hinweise darauf, dass heute mehr Menschen psychische Störungen haben als vor 20 Jahren“, sagt Frank Jacobi, Professor an der Psychologischen Hochschule Berlin und Mitautor des Reports. Epidemiologische Studien belegen dass Psychische Störungen seit Jahrzehnten in der Bevölkerung nahezu gleich verbreitet sind. „Das Bewusstsein und die Sensibilität von Ärzten und Patienten diesen Krankheiten gegenüber haben sich deutlich verändert“, sagt Herbert Rebscher, Chef der DAK-Gesundheit. Viele Arbeitnehmer werden heute mit einem psychischen Leiden krankgeschrieben, während sie früher mit Diagnosen wie chronische Rückenschmerzen oder Magenbeschwerden arbeitsunfähig gewesen wären.

Grafik: Veränderung der Fehltage pro 100 Versicherte zwischen 2000 und 2012 Quelle: DAK Gesundheit
Veränderung der Fehltage pro 100 Versicherte zwischen 2000 und 2012 Quelle: DAK Gesundheit


Der DAK-Gesundheitsreport 2013 hat nicht nur aus statistischen Daten eine Krankenstandanalyse erstellt, sondern auch rund 3000 repräsentativ ausgewählte Arbeitnehmer befragt und Gespräche mit Ärzten geführt. Dabei standen zwei Fragestellungen im Mittelpunkt: Sind wir anders krank als früher? Gibt es neue, bisher in der Öffentlichkeit zu wenig diskutierte Gründe für den Anstieg seelischer Erkrankungen bei Arbeitsunfähigkeit?

Ständige Erreichbarkeit führt zu Depressionen
Berufliche Telefonate außerhalb der Arbeitszeit sind sehr viel weniger verbreitet, als die öffentliche Debatte darüber vermuten lässt. Zwar haben neun von zehn Arbeitnehmern (87,3 Prozent) ihre Telefonnummern beim Arbeitgeber hinterlegt und sind dadurch grundsätzlich ständig erreichbar. Offenbar wird davon aber wenig Gebrauch gemacht. Über die Hälfte (51,7 Prozent) der Befragten werden nie von Kollegen oder Vorgesetzten außerhalb der Arbeitszeit angerufen. Nur ein knappes Drittel ist gelegentlich (seltener als einmal pro Woche) mit Anrufen konfrontiert.
Alarmierend ist aber, dass schon ein mittleres Ausmaß an Erreichbarkeit (bis zu einmal pro Woche) nach Feierabend mit einem erhöhten Risiko verbunden ist, an einer psychischen Störung zu erkranken. Deutlicher noch ist das bei dem Sechstel, das das einmal pro Woche oder öfter außerhalb der Arbeitszeit angerufen wird. Unter den ständig erreichbaren Befragten (acht Prozent) leidet jeder Vierte unter einer Depression. Das sind rund zwei Prozent der Arbeitnehmer. „Für diese kleine Gruppe hat der Wegfall der Grenze zwischen Beruf und Privatleben einen hohen Preis“, sagt Rebscher.

Im Vergleich zur telefonischen Erreichbarkeit empfinden die Befragten die Belastung durch E-Mails geringer. Auch wenn zwei Drittel der Beschäftigten nicht ständig per E-Mail erreichbar sind, liest mehr als jeder Zehnte (11,7 Prozent) täglich oder fast täglich dienstliche E-Mails außerhalb der Arbeitszeit. Allerdings fühlen sich zwei von drei dieser Personen nicht durch das Lesen der Mails nach Feierabend belastet. Immerhin neun Prozent checken ihre Mails mehrmals in der Woche abends oder am Wochenende.

4 KommentareAlle Kommentare lesen
  • 27.02.2013, 06:03 UhrJoselyn

    Die Firmen wollen mit immer weniger Mitarbeitern die gleiche Leistung halten bzw. die Leistung der Firma verbessern. Da ist es für mich klar, dass das auf die Gesundheit der Mitarbeiter geht.

    In diesen Zeiten der hohen Arbeitslosigkeit hat jeder Angst, seinen Job und damit seine Lebensgrundlage zu verlieren. Also sagt man nichts, macht seinen Job und frisst alles in sich hinein. Dazu kommen noch Mobbing, der Leistungsdruck, im Monat seine Zielvorgaben zu schaffen, die natürlich von Seiten der Firma immer wieder nach oben geschraubt werden. Irgendwann kann man das nicht mehr leisten und ist ausgebrannt, sprich "burn-out".

    Man kann sich in dem Fall professionelle Hilfe suchen und kommt da auch wieder raus. Allerdings nur, wenn sich die Umstände ändern. Sprich man sucht sich einen neuen Job, geht in Rente oder bleibt zu Hause. Leider haben diesen Mut die Wenigsten.

    Geht man zu einem Therapeuten oder Psychologen bekommt man in der Regel irgendwelche Psychopharmaka, die sehr schnell abhängig machen. Leider gibt es heute ganz selten noch gute Gesprächstherapien und Psychologen, die sich die Zeit nehmen und den Menschen wirklich helfen und sie unterstützen.

    Ich habe das in mehreren Fällen erlebt. Die Patienten kommen in ihrer Tiefphase zum Psychologen/Therapeuten und wollen Hilfe. Es wird ein wenig mit ihnen geredet, die meiste Zeit beim Erstgepräch, und dann kommen sie mit irgendwelchen Psychopharmaka nach Hause. In Abständen von 4-6 Wochen müssen sie sich dort wieder vorstellen und erhalten die nächsten Psychopharmaka. Das ist in meinen Augen keine Hilfe. Wer darunter leidet, sollte sich seinen Therapeuten sehr sehr gut ausuchen, damit ihm wirkliche Hilfe zuteil wird.

  • 26.02.2013, 21:01 UhrImmernoch_Mensch

    Es ist schon schlimm, wenn in der Diagnose ein so erniedrigender Seitenvermerk wie „Probleme mit Bezug auf Schwierigkeiten bei der Lebensbewältigung“ gemacht wird. So ein Blödsinn. Es fällt seit Jahren auf, daß die Medizin, Psychologie und Wirtschaft hier um den heißen Brei reden, gerade so als ob wir alle schwächelnde Menschen seien, die mit dem Leben nicht fertigwerden. Ganz konkret befinden wir uns doch in einer ständigen "Fight or Flight" (Kampf oder Flucht)Situation, nur mit dem Problem, daß "Flight", also Flucht, keine wirkliche Alternative ist. Will heißen, wenn wir es mit der Tierwelt vergleichen würden, befänden wir uns praktisch den ganzen Tag über in einer Situation, wo wir entweder (den Gegner) bekämpfen müssten(um nicht gefressen zu werden), oder fliehen müssten (ditto). Nur, daß dieser Zustand bekannterweise, wenn er zum Dauerzustand wird, zu unnatürlichem Streß und Krankheiten (seelisch UND körperlich) führen kann (wird). Verantwortlich dafür ist ganz klar die immer weiter getriebene Kommunikationstechnologie und die Geschwindigkeit, mit der wir arbeiten. Also: ständiger Zeitdruck. Unsere Gehirne müssen ständig mehr Daten verarbeiten und teilweise unter hohem Zeitdruck gravierende Entscheidungen treffen, viele davon mit potentiell schlimmen Folgen, die dann natürlich widerum vom entsprechenden Mitarbeiter zu verantworten sind. Das geht zwar kurzfristig gut, führt dauerhaft jedoch klar zum Burnout (der sicherlich von den meisten Leuten verschwiegen wird, oder man hängelt sich mit ach und krach von Urlaub zu Urlaub). Die Tatsache, daß praktisch keinerlei Spielraum für Fehler mehr da ist, macht das Leben immer schwerer. Und wehe, es gibt mal Stromausfall oder der Server stürtzt ab. Das ist das Ende. Danke für's Lesen.

  • 26.02.2013, 20:52 UhrJens

    Sehr treffend - guter Kommentar ;-)

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