Depressionen im Büro: Die Scham-Spirale

Depressionen im Büro: Die Scham-Spirale

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26,7 Milliarden Euro Kosten haben psychische Störungen 2006 in Deutschland verursacht

von Jens Tönnesmann

Die Zahl psychischer Erkrankungen steigt. Führungskräften fällt es schwer, mit Betroffenen umzugehen – und noch schwerer, selber Hilfe zu suchen. Sie riskieren Gesundheit und Karriere. Jetzt denken die Unternehmen um.

Drei Jahre Dauerstress waren zu viel für Laura Wilms*. Zehn Stunden täglich hatte die Werbekauffrau gearbeitet, oft auch am Wochenende. Sie gab alles für die Arbeit und nichts für den Rest. So wurde Laura Wilms krank: Sie schlief kaum noch, bekam Wahnvorstellungen, verspürte Ängste. Dann stürzte sie in eine tiefe Depression: „Die Welt wurde schwarz und trist“, sagt sie, „am liebsten hätte ich die Vorhänge zugezogen und mich im Bett verkrochen.“

Eine „bipolare Persönlichkeitsstörung“ attestierten ihr die Ärzte: Auf eine manische Episode mit „Grandiositätsgefühlen“ folgt dabei eine depressive Phase mit Apathie, sogar Suizidgedanken. Trotz allem eine behandelbare Krankheit: Mit der richtigen Therapie lässt sie sich in den Griff bekommen wie Herzrhythmusstörungen oder Diabetes.

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Laura Wilms ging für einige Wochen in die Klinik. Doch als sie in ihre Agentur zurückkehrte, nahm ihr Chef sie beiseite. An ihrem Arbeitsplatz saß bereits eine neue Mitarbeiterin. Laura Wilms bekam einen kleinen Tisch im Nebenzimmer. Und kurz darauf den Auflösungsvertrag. Eine unmenschliche Geschichte. Aber auch eine, die sich in ähnlicher Form jeden Tag wiederholt. Weil Führungskräfte und Manager Schwierigkeiten haben, mit psychischen Erkrankungen ihrer Mitarbeiter richtig umzugehen – und erst recht damit, Hilfe zu suchen, wenn sie selbst betroffen sind.

Jeder dritte Fall von Berufsunfähigkeit wegen psychischer Erkrankungen

Das ist fatal – für die Sozialsysteme, aber auch für die Unternehmen selbst. Denn eine psychische Störung kann jeden treffen. Egal, wie sicher der Job oder vermögend die Familie ist. Banker, Beamter, Vorstand: Jeder fünfte Bundesbürger war schon wegen psychischer Beschwerden beim Arzt, hat die Bertelsmann Stiftung festgestellt. 2007 kamen bundesweit 48 Millionen Fehltage wegen psychischer Erkrankungen zusammen; im Schnitt 34 Tage pro Fall.

Dazu kommen all jene Tage, an denen sich die Menschen noch zur Arbeit quälen, obwohl sie längst eine Therapie benötigen; Tage, an denen auch ihre Arbeitgeber nichts von ihnen haben. Viele halten das nicht durch: Inzwischen ist jeder dritte Fall von Berufsunfähigkeit auf psychische Erkrankungen zurückzuführen, 2008 gingen rund 60 000 Beschäftigte deswegen vorzeitig in Rente. Mehr als je zuvor, mehr als wegen jeder anderen Diagnose.

Schon vor der Wirtschaftskrise verursachten psychische Erkrankungen laut Statistischem Bundesamt Kosten von 27 Milliarden Euro. Die Rezession verschärft die Lage: Jeder zweite Deutsche fühlt sich gestresster als vor zwei Jahren, so eine Studie des Bürodienstleisters Regus. Dieser Stress genügt mitunter, um eine psychische Störung auszulösen – es braucht dazu weder eine schlimme Kindheit noch einen Schicksalsschlag. Krank werden kann sogar, wer Spaß am Job und eine erfolgreiche Karriere hinter sich hat.

So wie Vera Schneider*. Als sie zum ersten Mal glaubt, sterben zu müssen, steht sie mitten im Leben. Die Vertriebs-Managerin verdient gut, jettet um die Welt, ihr Chef hält viel von ihr. Aber die größten Ansprüche an sich stellt sie selbst. Bis der Stress zu viel wird: Auf einer Autofahrt wird ihr übel, sie fährt rechts ran, die Brust schmerzt, kalter Schweiß tritt auf ihre Stirn. „Ein Herzinfarkt“, denkt Vera Schneider, „ich sterbe.“

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