Deutscher Architekturpreis: Die stille Schönheit aktueller Architektur

ThemaImmobilien

Deutscher Architekturpreis: Die stille Schönheit aktueller Architektur

von Christopher Schwarz

Der Deutsche Architekturpreis zeigt, dass es auch ohne visuellen Knalleffekt geht. Gute Gebäude offenbaren ihren Reiz auf den zweiten Blick.

Schmierereien in der Umkleide? Den Schuldirektor machte die Meldung so wütend, dass er schnurstracks die Lautsprecheranlage anschaltete: Es sei ja wohl das „Allerletzte“, eine Schande, das schöne neue Haus derart zu verunstalten. Ein paar Tage später waren die Schmuddel-Tattoos wieder verschwunden, die Schüler hatten sie selber entfernt.

Seither strahlt das Schmuttertal-Gymnasium im schwäbischen Diedorf wie am ersten Tag, vor zwei Jahren, bei seiner Einweihung: ein helles, lichtes Ensemble, behutsam in die Landschaft gebettet, am Rand des Naturparks Augsburg. Ein „unglaublich kluger, subtiler Bau“, urteilt der Münchner Architekt Markus Allmann, „nichts kann man weglassen, nichts hinzufügen, alles hat seine Bedeutung, ist präzise auf das Maß begrenzt, das nötig ist, um räumliche Atmosphären zu erzeugen, Dichte und Weite, Geborgenheit und Großzügigkeit.“

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Am vergangenen Montag, den 26. Juni, wurde Florian Nagler und Hermann Kaufmann für diese unspektakulär-spektakuläre Leistung der Deutsche Architekturpreis 2017 verliehen, der wichtigste Architekturpreis in Deutschland.

Architekt Markus Allmann "Das Verfallsdatum rückt immer näher“

Deutsche Architektur vermeidet Risiken, sagt Markus Allmann, Vorsitzender der Jury des Deutschen Architekturpreises 2017. Auch weil heutige Bauten schon morgen unbrauchbar sein können.

Für das Schmuttertal-Gymnasium im schwäbischen Diedorf erhielten Florian Nagler und Hermann Kaufmann den Deutschen Architekturpreis 2017. Quelle: Stefan Müller-Naumann

Die vier dreigeschossigen, scheunenartigen Holzbauten, die den Pausenhof umfassen: eine Reminiszenz an den klassischen Vierseithof, an regionale Bautraditionen? Gewiss, aber auch ein Plädoyer für ökologisches Bauen, für das nachwachsende Baumaterial Holz. Vor allem aber ein Bekenntnis zu selbstbewusster Bescheidenheit. Zu einer Bauästhetik des zweiten Blicks, die sich der Eyecatcher-Architektur verweigert, die ein Raum- und Materialkonzept erkennen lässt, das sich der Bauaufgabe strikt unterordnet.

Den Wunsch des Bauherrn nach „offenen Lernlandschaften“ haben die Architekten mit Räumen in Gestalt von Marktplätzen in der Mitte der Lernhäuser beantwortet, um die herum sich Emporen und Klassenzimmer gruppieren; große, mittlere und kleine Räume folgen in lockerem Rhythmus aufeinander; durch die in Solaranlagen eingelassenen Oberlichter und die Dachfenster dringt viel Tageslicht in die Halle, das von den geweißten Holzwänden zusätzlich reflektiert wird; die Fassade wiederum erhält ihre fein ausbalancierte Wirkung aus dem Spiel unterschiedlich breiter Fichtenbretter, deren grauer Anstrich mit der Zeit auswaschen und sich mit dem natürliche Ergrauen überlagern wird.

Markus Allmann, der Vorsitzende der Jury, die aus 160 eingereichten Projekten die ersten Preisträger, vier Auszeichnungen und sechs Anerkennungen kürte, ist „heilfroh“, dass die Wahl auf das Duo Nagler/Kaufmann gefallen ist. Der Diedorfer Schulbau sei ein „Wolf im Schafspelz“, keine Entertainment-Architektur, die durch ihre expressive Formensprache nach Aufmerksamkeit heischt, sondern ein Gebäude, dessen Virtuosität in „stiller Schönheit, auf dem Weg einer Entdeckung des vermeintlich Unscheinbaren“ zutage tritt, vor allem in den Details: der durchscheinenden Maserung des Holzes, den horizontalen Fugen, in der gesimsartigen Stufung der Fassade, wie man sie aus dem traditionellen Holzbau kennt.

Eine leise Architektur, die Abschied nimmt von der großen, aufsehenerregenden Geste, vom optischen Lärm?

Tatsächlich, so Allmann, sei „zu viel geschrien worden“ in den vergangenen Jahren: Der demonstrativ inszenierte visuelle Knalleffekt nutze sich ab. Die im Wettbewerb prämierten Bauten stünden für den gegenläufigen Trend: für „angemessene“, ästhetisch „verantwortungsbewusste“, im besten Sinne lebensdienliche Interventionen, die präzise „auf die Bedürfnisse der Nutzer abgestimmt“ seien.

Das gilt erst recht für das Projekt Bremer Punkt von LIN Architects, ein Beispiel für seriell, im sogenannten Systembau gefertigte Wohnhäuser, die wie Würfel in die Stadtlandschaft gestreut sind. Eine reduzierte, hochflexible Architektur: Die Holzrahmenbauweise erlaubt nicht nur eine schnelle, kostengünstige Erstellung, sie reagiert auch auf unterschiedliche Wohnwünsche: Noch während der Bauphase können die Grundrisse variiert werden, zwischen Zwei-, Drei- und Sechs-Zimmer-Wohnungen pro Gebäude, in dem insgesamt bis zu elf Wohneinheiten Platz haben.

Sogar „Opulenz“ wird geboten, wo sie hingehört: Das hinter Glas liegende Treppenhaus ist die Showseite des auf Nachverdichtung angelegten Projekts, von dem zwei Prototypen in der Bremer Neustadt stehen.

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