Digitales Utopia : Abschied von der Privatsphäre

Digitales Utopia : Abschied von der Privatsphäre

Das Zeitalter der digitalen Transparenz durch Google, Twitter, Facebook und Co. birgt große Risiken. Klaus Eck warnt vor dem Streben nach Aufmerksamkeit um jeden Preis und erklärt, warum mehr Zurückhaltung zwingend notwendig ist.

Mit der Moderne kam die Abwanderung aus dem Dorf in die Stadt. Sie war geprägt von der Hoffnung, dass Stadtluft frei macht, weil sie den Einzelnen aus der sozialen Enge des Dorfes befreit, in dem jeder jeden kennt. Mit der Digitalisierung unseres Alltags geht der Trend exakt in die andere Richtung: Die Apologeten des vernetzten Lebens wollen uns wieder ins (globale) Dorf zurückführen, in dem nicht nur jeder jeden kennt – sondern das auch noch viel detaillierter als es je möglich war, jederzeit abrufbar und kommentierbar von jedermann.

Mir ist diese Vision – bei allen Vorteilen, die sie bietet – weit weniger geheuer als dem von mir durchaus geschätzten Jeff Jarvis. Denn egal, wie viel soziales Wohlverhalten uns diese Entwicklung künftig abverlangt: Vergessen wird im Google-Zeitalter nichts. Wer einmal am digitalen Dorfpranger stand, hat es schwer, das je wieder vergessen zu machen. Er entschwindet allenfalls mit der Zeit aus dem Fokus der Aufmerksamkeit, bleibt aber in den Leichenkellern der Suchmaschinen verborgen.

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Es ist nicht leicht, in einer Bewertungsgesellschaft zu leben und die neue radikale Transparenz auszuhalten, in der jeder digitale Schritt persönliche Konsequenzen haben kann. Für einen Referenten ist es vielleicht nichts Neues, dass er nach einem Vortrag Fragebögen an das Publikum verteilt und seine Leistung benoten lässt. Doch diese Rund-um-die-Uhr-Registrierung und Bewertung all unserer virtuellen Schritte geht weit darüber hinaus: Jede Person, die auch nur in einer Art Halböffentlichkeit steht, muss damit rechnen, fotografiert oder gefilmt zu werden oder dass ihre Stellungnahmen hinterher kommentiert, gebloggt und getwittert werden.

Gefährlicher Wettbewerb der Eitelkeiten bei Facebook, Twitter, StudiVZ und Co.

Für den Zukunftsoptimisten Jarvis sind das „Always on“ und die neue Transparenz – ob freiwillig oder nicht – ein erstrebenswertes Ziel, weil es die Welt zum Besseren verändert; die Öffentlichkeit sei „eine Tugend“, schreibt er. Doch was ist, wenn sich nicht alle Onliner tugendhaft benehmen und mit der neuen Offenheit persönliche Machtpolitik betreiben?

Dummerweise sind eben längst nicht alle Menschen unter ihrem Realnamen im Netz unterwegs und verhalten sich jederzeit verantwortlich. Bisher haben wir Glück gehabt, dass die gezielte Indiskretion und der Wirtschaftskrieg hierzulande kaum im Netz stattfinden. Gerade in Zeiten der Krise ist es eine schöne Hoffnung, dass Unternehmen und Menschen offen aufeinander zugehen, ihre Ideen und Träume miteinander teilen und einander Fehler eingestehen (auch wenn der neue US-Präsident kurz nach seinem Amtsantritt politische Fehler offen eingeräumt hat, bleibt das eher die Ausnahme).

Was Jeff Jarvis nicht ausreichend würdigt, ist, dass das Zeitalter der Google-Transparenz ebenso enorme Risiken birgt. Der Eintrittspreis ins vermeintlich digitale Utopia ist hoch: Es verlangt den Abschied von der herkömmlichen Privatsphäre. Besonders die „Digital Natives“, also jene Menschen, die mit dem Internet aufgewachsen sind, verzichten heute bereitwillig in ihren Blogs, in Netzwerken wie Facebook, StudiVZ, Xing und Twitter auf jene Privatsphäre, um die Datenschützer jahrelang gekämpft haben.

Zuweilen führt das zu einem gefährlichen Wettbewerb der Eitelkeiten, der selbstzerstörerische Züge annehmen kann, wie Partyfotos von betrunkenen, halbnackten Teenagern belegen. Ich bin nicht sicher, ob ein „Zeitalter der Vergebung“ reicht, um mit dieser radikalen Transparenz fertig zu werden, in der alles diskutiert und jede (Jugend-)Sünde jederzeit wieder hervorgezerrt werden kann.

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