Digitalisierung der Schule: Smartphones und Tablets bringen Schülern nichts

GastbeitragDigitalisierung der Schule: Smartphones und Tablets bringen Schülern nichts

Bild vergrößern

Die neuen Medien werden noch nicht gewinnbringend in den Unterricht integriert.

Es zählt aktuell zu den wichtigsten bildungspolitischen Aufgaben, Schulen nicht nur ans Netz zu bringen, sondern auch mit der dazugehörigen neuesten Technik auszustatten. Den Schülern bringt das leider nichts.

Es findet sich kein Kultusministerium, das nicht eine Initiative in diesem Bereich gestartet hat: Alle Bundesländer haben sich auf den Weg gemacht, aus Schulen digitale Lernanstalten zu machen und dafür Unsummen an Geldern bereitzustellen. Denn für viele stellen neue Medien den entscheidenden Schritt dar, Bildung und Erziehung in ein neues Jahrtausend zu führen. Die Wahrheit aber sieht ganz anders aus:

In mittlerweile zahlreichen Studien der empirischen Unterrichtsforschung, zusammengefasst in den Werken John Hatties, konnte nachgewiesen werden, dass das Aufrüsten von Schulen mit Computern, Tablets und Smartboards Lernen nicht revolutioniert. Der Grund dafür liegt auf der Hand: Allein das Aufstellen dieser neuen Medien führt nicht dazu, dass Lehrer ihren Unterrichtsstil ändern und dann das durchaus vorhandene Potenzial der neuen Medien ausschöpfen. Vielmehr werden neue Medien in erster Linie als Ersatz für traditionelle Medien genutzt: Der Computer als Lexikonersatz, das Tablet als Arbeitsblattersatz und das Smartboard als Tafelersatz.

Anzeige
Klaus Zierer ist ein deutscher Erziehungswissenschaftler und seit 2015 Ordinarius für Schulpädagogik an der Universität Augsburg. Zuvor war er Professor an der Universität Oldenburg.

Klaus Zierer ist ein deutscher Erziehungswissenschaftler und seit 2015 Ordinarius für Schulpädagogik an der Universität Augsburg. Zuvor war er Professor an der Universität Oldenburg.

Um den Mehrwert von neuen Medien im Vergleich zu traditionellen Medien ausschöpfen zu können, wären systematische Lehrerfortbildungen notwendig. Aber dafür wird leider mal wieder kein Geld zur Verfügung gestellt. Man geht vielmehr davon aus, dass jeder, der ein Handy und einen Computer besitzt, weiß, wie man diese Technik sinnvoll in den Unterricht integriert – ein Trugschluss, wie die Forschung eben zeigt.

Reizüberflutung statt Lernzuwachs

Es liegt aber sicherlich nicht nur an den Lehrern, dass die neuen Medien (noch) nicht die Effekte erzielen konnten, die viele erhoffen. Ein Mangel ist auch an den Programmen selbst auszumachen, die mit den neuen Medien in die Klassenzimmer kommen: Häufig optisch und akustisch überfrachtet, durch ein Blinken hier und Ploppen dort, führen sie zu einem „cognitive overload“ und insofern zu einer Überlastung des Arbeitsgedächtnisses. Kinder und Jugendliche, die mit diesen Programmen arbeiten, verschwenden den Großteil ihrer kognitiven Leistungen damit, die Reize zu sortieren und zu selektieren, aber ohne dabei etwas zu lernen.

Dieses Phänomen wird von Bildungsforschern, wie beispielsweise Maryanne Wolf, bereits beim Lesen von Texten im Internet beobachtet, da es auch im Worldwideweb zu schnellen Aufmerksamkeitsverschiebungen kommt und vielfältige Ablenkungsquellen bietet. Vor diesem Hintergrund wird sogar davon ausgegangen, dass eine extensive Nutzung des Internets zu Konzentrationsschwierigkeiten und einer Verschlechterung des tiefen und komplexen Denkens führen kann. „Is Google making us stupid?“ lautet dementsprechend ein provokanter Titel von Nicholas Carr.

Absatzzahlen von Smartphones und Tablets

  • Smartphones (Neumarkt)

    201120122013Prognose 2014
    15,921,626,429,6

    Absatz in Millionen Stück in Deutschland

    Quelle: Bitkom

  • Smartphones (Gebrauchtmarkt)

    201120122013Prognose 2014
    3,05,06,58,0

    Absatz in Millionen Stück in Deutschland

  • Tablets (Neumarkt)

    201120122013Prognose 2014
    2,14,48,09,2

    Absatz in Millionen Stück in Deutschland

  • Tablets (Gebrauchtmarkt)

    201120122013Prognose 2014
    0,30,71,32,5

    Absatz in Millionen Stück in Deutschland

Euphoriker der neuen Medien argumentieren an dieser Stelle gerne damit, dass die genannten Einwände durchaus berechtigt sind – aber dies nur für die Hardware und Software von vor fünf, zehn Jahren gelte, wohingegen die neuesten Errungenschaften des Computerzeitalters bereits einen Schritt weiter seien und all das Gesagte aufgeholt hätten. Aber auch hier spricht die Forschung eine andere Sprache. Denn dieser Fortschritt kann die genannten Einwände nicht beheben. Die neueste Technik braucht ebenso den Menschen, der sie bedienen kann, und Programmierer heute sind nicht davor gefeit, das durchaus vorhandene Mehr an Programmiermöglichkeiten falsch zu lenken. Wir warten also auf eine entsprechende digitale Revolution in der Pädagogik nun schon seit über zwanzig, dreißig Jahren, so dass man geneigt ist zu folgern: Sie wird in dieser Form auch nicht kommen.

Anzeige

5 Kommentare zu Digitalisierung der Schule: Smartphones und Tablets bringen Schülern nichts

  • Die Inkompetenz unserer Bildungspolitik ist immer wieder erschreckend, gerade auch durch deren vordergründige Gags. Bildungspolitik für die Wettbewerbsfähigkeit unserer Wirtschaft verstehen diese kaum.

  • Wäre dieser Artikel 1985 mit der Post verschickt worden, hätte ich ihn verstanden, denn der Begriff "neue Medien" stammt etwa aus dieser Zeit.
    Eine Schule, die sich heute der Digitalisierung noch verschließt, hat den Anschluß an die Realität in der Wirtschaft längst verloren. IT in Lehre und Lernen hat mehr Nutzen als Schaden, analog wie in JEDEM Betrieb heute! Bald jedem Kleinkind wird inzwischen in der Schule das Interesse am Lernen ausgetrieben. Erforschen, Begreifen, Erleben mit allen Sinnen ist mehr als Langeweile. Die digitale Tafel ist nur ein modernes Arbeitsmittel. Aber ein Fenster zum Wissen der Welt (via Internet) erzeugt weniger CO2 als Reisen.
    Das Wissen über Strahlung ist vergleichbar mit dem über Feinstaub und Substanzen im Essen. Forschung hilft, die Ergebnisse sind nicht immer brauchbar. Nachdem heute auch nicht mehr Krüppel zur Welt kommen, obwohl deren Eltern Jahrzehnte ein Telefon in der Hosentasche trugen, ist einer der Beweise gegen die Angstmache in der Presse.
    Quo vadis Germania?


  • "Smartphones und Tablets bringen Schülern nichts". Oje, bekanntlich gibt es in der jetzigen Übergangszeit wie in zuvorigen wenig Messinstrumente um Produktivitätsgewinne zu messen. Das gilt auch für den IKT-Einsatz in Schulen. Sitzend an der Schnittstelle Schule - Mafo/BWL und mit Messinstrumenten aus einer Studie eLearning in Deutschland" (2005 schon mit ziemlich big data arbeitend)betreiben wir entsprechende Projekte.
    Die Notwendigkeit eines Einsatzes digital gestützter Verfahren ist evident, schaut man nur in die Arbeitswelt (serious games, Wissensmanagement, papierloses Büro, Kollaboration). Will jemand sich hier nur ins Licht stellen? 'Les lumières' sind woanders...

    Ich lade Sie ein, unseren Gründungsblog dort zu besuchen.
    .... medienzentrum-main-taunus.de/aktuell/?p=484


    H. Poppe



Alle Kommentare lesen
Jobletter:Der exklusive Jobservice für Juristen
Jobletter-Bild

Der WirtschaftsWoche-Jobletter schickt Ihnen wöchentlich alle Stellenangebote zu, die Ihrem Profil entsprechen. Mehr...

STELLENMARKT


Mit dem Jobturbo durchsuchen Sie mehr als 215.000 Stellenanzeigen  in 36 deutschen Stellenbörsen.
Diese Jobs suchen die wiwo-Leser:
1. Ingenieur   6. Bauingenieur
2. Geschäftsführer   7. Marketing
3. Financial Analyst   8. Jurist
4. Controller   9. Volkswirt
5. Steuerberater   10. Designer
My Best Company:Den passenden Arbeitgeber finden

Werden Sie initiativ! Hier finden Sie die Firmen, bei denen Sie sich initiativ bewerben können. Mehr...

Siedler Online
Anno Online
Eine neue Welt: Länder entdecken, Grenzen erweitern, Wirtschaft optimieren.

Testen Sie jetzt Ihr Handelsgeschick in der Welt von Anno Online.

Deutsche Unternehmerbörse - www.dub.de
DAS PORTAL FÜR FIRMENVERKÄUFE
– Provisionsfrei, unabhängig, neutral –
Angebote Gesuche




.

Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%