Doping: Millionen greifen zu Aufputschmitteln am Arbeitsplatz

Doping: Millionen greifen zu Aufputschmitteln am Arbeitsplatz

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Tabletten: Trend zu Doping am Arbeitsplatz

Eine neue Studie zeigt: Auch gesunde Arbeitnehmer helfen im Job mit Psychopharmaka nach, um mithalten und mehr leisten zu können. Aus dem Tabu droht ein Trend zu werden. Das ist gefährlich, warnen Experten wie Hubert C. Buschmann, Chefarzt an der AHG Klinik Tönisstein.

Doping am Arbeitsplatz ist längst keine Randerscheinung mehr: Rund zwei Millionen Deutsche und damit knapp fünf Prozent aller Beschäftigten haben schon einmal im Büro Psychopharmaka eingeworfen. Knapp 800.000 von ihnen greifen sogar gezielt und regelmäßig zu Medikamenten, um im Job besser mithalten und mehr leisten zu können. Und vier von zehn Arbeitnehmern wissen längst, dass Mittel gegen alters- und krankheitsbedingte Gedächtnisstörungen oder Depressionen auch bei Gesunden wirken können. Das ist das Ergebnis einer aktuellen repräsentativen Studie der DAK, die 3000 Arbeitnehmer befragt hat.  DAK-Chef Herbert Rebscher nannte die Ergebnisse „alarmierend“.

Erschreckend ist auch, dass der Konsum von Aufputschmitteln am Arbeitsplatz längst kein Tabu mehr darstellt: Jeder Zweite, der von den Wirkungen der Mittel weiß, stuft ihren Nutzen höher ein als ihre Risiken und hält es deswegen für vertretbar, sie zu einzunehmen. Jedem fünften Arbeitnehmer wurden bereits leistungssteigernde und stimmungsaufhellende Mittelchen empfohlen, ohne dass sie medizinisch notwendig gewesen wären. Und das, obwohl der Konsum von Aufputschmitteln und Psychopharmaka gefährliche Folgen haben kann: Viele Mittel können beispielsweise auf lange Sicht abhängig machen. Auch das deutet die Studie an: Vier von zehn „Dopern“ nehmen die Medikamente täglich bis mehrmals wöchentlich ein. Sie können nicht mehr ohne.

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Gefährliche Nebenwirkungen

Und sie haben kaum Schwierigkeiten, für Nachschub zu sorgen. Oft helfen Kollegen, Freunde und die Familie mit den Pillen aus, jeder Zehnte bestellt sie im Versandhandel. Das zeigt: Der Konsum ist ansteckend. Wer mitbekommt, dass der Büronachbar sich dopt, hat weniger Bedenken, es selbst auch mal auszuprobieren – nicht selten ist es sogar der Kollege, der einem zu den Medikamenten rät. Selbst mancher Arzt empfiehlt die Mittel, ohne dass es dafür eine medizinische Notwendigkeit gibt.

Aber anscheinend eine berufliche - das kann auch Hubert C. Buschmann bestätigen. Buschmann ist Chefarzt der AHG Klinik Tönisstein in Bad Neuenahr Ahrweiler, die sich auf die Behandlung von Abhängigkeitserkrankungen spezialisiert hat. „In manchen Firmen scheint schon das gefährliche Motto zu gelten: Nur ein gedopter Mitarbeiter ist ein guter Mitarbeiter“, sagt der Neurologe und Psychologe, der im vergangenen Jahr rund 80 Berufstätige behandelt hat, die von aufputschenden Mitteln abhängig geworden sind. Nicht selten seien es hochqualifizierte Führungskräfte, die mehr als acht Stunden am Tag arbeiten und bis in den Abend hinein kreativ und kommunikativ sein müssten, berichtet Buschmann.

Buschmann warnt eindringlich vor den Nebenwirkungen und dem Suchtpotenzial der Mittel: Wer sich an die Wirkstoffe gewöhnt, läuft Gefahr, abhängig zu werden. Außerdem können sie Konzentrationsstörungen, Depressionen und dauerhafte Hirnveränderungen bewirken. „Bis die Betroffenen uns aufsuchen vergehen manchmal Jahre“, sagt Buschmann. Er glaubt deswegen: „Die große Welle steht uns noch bevor."

Auf welche Mittel die Doper setzen lässt sich dank der DAK-Studie auch genauer belegen. Die Versicherung hat überprüft, wie oft bestimmte Psychopharmaka verschrieben werden auch wenn gar keine Erkrankung diagnostiziert wurde. Ergebnis: Bei knapp ein Viertel der DAK-Versicherten, denen ein Arzt ein Medikament mit dem Wirkstoff Methylphenidat verschrieben hatte, fehlte die passende Diagnose – eigentlich ist das Mittel zur Behandlung der Aufmerksamkeitsdefizits- und Hyperaktivitätsstörung (ADHS) bei Kindern gedacht. Ähnliche Ergebnisse gab es für die Wirkstoffe Modafinil sowie Fluoxetin.

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