Einfallsreichtum fördern: Kreativität lernt man nicht im Seminar

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Einfallsreichtum fördern: Kreativität lernt man nicht im Seminar

von Kerstin Dämon

Schon im Kindergarten starten Kurse für mehr Kreativität, auch Manager nehmen hoffnungsfroh an jedem Kreativ-Seminar teil. Das Problem ist bloß: So funktioniert das mit der Kreativität nicht.

Nehmen Sie sich ein weißes Blatt Papier und zeichnen eine Szene, wie die deutsche Wirtschaft im Jahr 2125 aussehen könnte. Sie haben zwei Minuten Zeit.

Gefällt Ihnen nicht? Wie wäre es mit folgender Aufgabe: Töpfern Sie die Stadt der Zukunft. Auch nicht? Dann schreiben Sie eine Kurzgeschichte, in der die Begriffe "Silvester", "Blumenerde", "Gurkensalat", "Exportquote" und "Weltfrieden" vorkommen.

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Sie haben keine Idee? Dann wars das wohl mit der Karriere.

Diesen Eindruck könnte man derzeit gewinnen. Wer nicht kreativ ist, kann sich die Karriere abschminken, so das Dogma vieler Berater, Coaches und anderer Experten. Deshalb wird schon in der Kita mit allen Mitteln die Kreativität gefördert. Und wer beruflich vorankommen will, der nimmt regelmäßig an entsprechenden Seminaren und Kursen teil und töpfert und brainstormt, was das Gehirn hergibt.

Löblich. Und überflüssig.

Solche Seminare schaden zwar nicht - aber sie nutzen eben auch nichts. Das bestätigt zum Beispiel der Psychiater und Kreativitätsforscher Rainer Holm-Hadulla: "Kreativität kann man nicht in Kursen lernen". Wer das glaubt, sei bestenfalls naiv.

"In Seminaren werden zu viele Reize gesetzt", sagt Holm-Hadulla. "Aber Kreativität benötigt Freiräume.". Dafür brauche es ein Wechselspiel von konzentrierter Arbeit und freiem Phantasieren.

Das lässt sich auch neurobiologisch beweisen. Wenn man sich das Gehirn im Kernspintomografen anschaut, lässt sich erkennen, dass verschiedene Gehirnregionen Netzwerke bilden, die direkt oder indirekt miteinander verbunden sind oder abhängig voneinander aktiv sind. Und es gibt Ruhenetzwerke. Sie werden aktiv, wenn wir nicht bewusst denken.

Was die Kreativität fördert

  • Beschäftigung mit Abstraktem

    Der Psychologe Travis Proulx von der Universität von Kalifornien ließ Probanden sinnfreie Passagen aus Kafkas "Landarzt" lesen. In anschließenden Tests fanden sie mehr Lösungswege und schnitten besser ab als diejenigen, die eine redigierte Version gelesen hatten.

  • Bewegung

    Frank Fischer von der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität analysierte die Gruppenarbeiten von 300 Studenten. Vorher hatte er den Raum mit höhenverstellbaren Tischen ausgestattet. Siehe da: Teilnehmer, die zwischen Sitzen und Stehen wechselten, kamen häufiger zu richtigen Ergebnissen als nur im Sitzen - und hatten 24 Prozent mehr Ideen.

  • Schlafen

    Im Schlaf findet kombinatorisches Denken statt, wie Denise Cai von der Universität von Kalifornien in San Diego 2009 bestätigen konnte. Sie ließ 77 Teilnehmer verschiedene verbale Aufgaben lösen, einige Probanden konnten zuvor ein Nickerchen halten - die lösten die Aufgaben am besten.

  • Positive Gedanken

    Der Sozialpsychologe Jens Förster von der Jacobs-Universität Bremen fand in einer Studie heraus, dass die Teilnehmer eine kniffelige Aufgabe eher lösten, wenn sie zuvor an ihren Partner gedacht hatten. Der Gedanke an Liebe lässt in die Zukunft blicken - was dabei hilft, Dinge miteinander in Beziehung zu stellen, die auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben.

  • Wirkung von Farbe

    In blauer Umgebung steigt der Einfallsreichtum. Ravi Mehta und Rui Zhu von der Universität von British Columbia in Vancouver ließen Freiwillige im Jahr 2009 verschiedene Aufgaben lösen - roter Hintergrund verbesserte zwar die Leistung bei der Detailaufgabe, blau jedoch die Kreativität.

Es ist nämlich nicht so, dass sich unser Gehirn ausruht, wenn wir auf dem Sofa dösen. Die Hirnaktivität im Ruhezustand verschlingt sogar bis zu 20 Mal mehr Energie als bewusstes Denken.

In unserem Kopf geht es also vor allem dann rund, wenn wir tagträumen. Das fand zum Beispiel Mark Halko von der Universität Boston heraus.

In seiner Studie legte er dar, wie sich das Gehirn im Ruhemodus mit sich selbst beschäftigt, Eindrücke verarbeitet und sich für neue Aktionen bereit macht. Es steht gewissermaßen nervös trippelnd in den Startlöchern und wartet auf das Signal für die nächste Aktion.

Wer sich also in einem Seminar 90 Minuten, drei Stunden oder vier Tage lang mit aller Intensität darauf konzentriert, möglichst kreativ zu sein und auf Knopfdruck eine tolle Idee zu haben, bekommt sie wahrscheinlich erst nach dem Seminar - wenn er bei einer Tasse Kaffee auf dem Balkon sitzt.

Denn Kreativität ist die Fähigkeit, Neues zu erschaffen beziehungsweise Probleme mit neuen Mitteln zu lösen. So formuliert es Teresa Amabile, Professorin für Management an der Harvard Business School und Kreativitätsforscherin, in ihrer Studie Creativity in Context. Und um etwas Neues zu schaffen, muss Bekanntes neu kombiniert werden, wie Holm-Hadulla sagt. "Selbst Genies wie Mozart und Picasso haben das, was sie gesehen, gehört und gelernt haben, weiter entwickelt." Dafür muss das Gehirn aber zumindest kurz in Ruhe gelassen werden. "Es ist neurobiologisch nachweisbar, dass der kreative Flow immer erst nach einer Anstrengung kommt", so Holm-Hadulla.

Heißt konkret: Beschäftigen Sie sich mit einem Problem, lesen Sie eine Studie, gehen Sie dann einen Tee trinken oder im Park spazieren. Und wenn Sie zurück am Schreibtisch sind, hat Ihr Gehirn eine Idee für Sie parat.

Wie Kreativität beeinflusst wird

Das heißt natürlich nicht, dass sich Kreativität überhaupt nicht fördern oder beeinflussen lässt. Um den richtigen Ansatz zu finden, muss man allerdings wissen, wie Kreativität entsteht. Laut Experte Holm-Hadulla wird diese Fähigkeit von fünf verschiedenen Faktoren beeinflusst:

- Begabung

- fachliches Wissen und Können

- intrinsische Motivation

- Persönlichkeitseigenschaften

- geeignete Umgebung

"Um Kreativität zu fördern, muss man die Zusammenhänge zwischen diesen Faktoren berücksichtigen", sagt er. Begabung beispielsweise könne man nicht züchten, sondern nur erkennen. Wird eine Begabung nicht erkannt und gefördert, wird auch aus dem musikalischsten Kind weder Komponist noch Klaviervirtuose.

Dafür braucht es die Umgebung. Wer keine Lust hat, Klavier zu spielen und zu üben - wenn also die Motivation fehlt -, der bringt es auch nicht zum Pianisten. Und letztlich muss es die eigene Persönlichkeit hergeben, dass sich der Begabte, Geförderte, Motivierte auch von Misserfolgen und Enttäuschungen nicht vom Weg abbringen lässt.

Das bietet nun einmal kein Häkelkurs für Entscheider. Seminare können nur bei der Motivation ansetzen. Aber wenn die nicht wirklich von innen kommt, ist ein solches Training herausgeworfenes Geld.

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1 Kommentar zu Einfallsreichtum fördern: Kreativität lernt man nicht im Seminar

  • Ich freue mich über diesen gedankenreichen und ausgewogenen Beitrag zum sonst oft so oberflächlich behandelten Thema der Kreativität. Besonders gefällt mir, dass deren Bedeutung nicht nur als "Erfolgsrezept" für berufliches Fortkommen, sondern als lebensbegleitendes Prinzip verstanden wird. Selbst herauszufinden, welche Rituale dazu hilfreich sind, ist sicherlich sinn-und auch lustvoller, als vorgestanzten Anleitungen zum Kreativ-Sein zu folgen. In diesem Punkt bietet Holm-Hadulla bereichernde Anregungen - nicht nur für Kopfarbeiter, denke ich.

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