Elbphilharmonie: Kulturpalast zum Verlieben

Elbphilharmonie: Hamburg macht die Welle

Kulturpalast zum Verlieben

Und sie erweist sich, auch das ein großes Glück, als eingelöstes Versprechen. Die Realität des Bauwerks steht den Zaubereien der computergenerierten Entwürfe in nichts nach. Das ist auch der Grund, warum über die monströsen Kostensteigerungen (von 77 auf 789 Millionen Euro) und die lange Wartezeit (Eröffnung 2017 statt 2010) kaum noch geredet wird. Das Attraktivitätsplus für die Stadt, die touristische Großchance und der ästhetische Mehrwert stehen im Falle der Elbphilharmonie außer Frage, sodass das Aufwerfen schnöder Fakten kleinkrämerisch wirkt. Niemand verliebt sich in einen Flughafen. In einen Kulturpalast schon.

Doch was, wenn Hamburg ein spektakuläres Konzerthaus hätte, es aber nicht spektakulär bespielen könnte? Wenn der Sensationswert des Hauses sich abnützte? Und wenn der Glanz der Programme nicht an die erwartete Brillanz des Klanges heranreichte?

Die Elbphilharmonie hat seit der Eröffnung der Plaza am 4. November 2016 mehr als 400 000 Besucher angezogen, und die erste halbe Spielzeit, die nächste Woche beginnt, ist fast komplett ausverkauft. Aber ein musikalischer Dreh- und Angelpunkt ist sie dadurch noch lange nicht. Auf höchstem Niveau kommen Musik und Musiktheater hierzulande nicht in Hamburg, sondern in Berlin, München, Leipzig und Dresden, aber auch an den Opern in Stuttgart, Frankfurt und Mannheim zur Aufführung.

Zur Voreröffnung diese Woche unternahm die Tanzcompagnie von Sasha Waltz eine „musikalische Raumerkundung“ und weihte den Großen Saal mit „4’33’’“ ein, einer tonlosen Komposition, mit der John Cage vor 65 Jahren zum Nachdenken über Musik und Stille anregte – nun ja. Für die Eröffnungskonzerte am 11. und 12. Januar haben ausgerechnet die beiden Sängerstars Jonas Kaufmann und Anja Harteros abgesagt – kann passieren.

Fragezeichen allerdings wirft die weitere Programmgestaltung auf. Da gibt es ein Kessel Buntes zum Auftakt mit dem NDR-Orchester, bevor Generalmusikdirektor Kent Nagano ein Werk des unvermeidlichsten aller deutschen Gegenwartskomponisten, Jörg Widmann, anstimmt. In den Wochen darauf geben sich berühmte Klangkörper aus Chicago, Wien, Dresden, Berlin und München mit allerlei Elgar, Mussorgsky, Schostakowitsch, Mahler, Bruckner, Wagner, Ravel und Gubaidulina die Klinke in die Hand. Aufgelockert wird das Ganze mit Konzerten der Hausherren sowie einer Prise Rock-Pop (Einstürzende Neubauten), Jazz (Brad Mehldau) und Fado. Allein von den berühmtesten Komponisten-Kindern der Stadt, von Georg Philipp Telemann und Johannes Brahms, fehlt zunächst jede Spur.

Aber vielleicht ist Intendant Christoph Lieben-Seutter ja auch mehr an Zahlen und Potenzialen interessiert? Die allerdings sprechen für Hamburg und die Elbphilharmonie: „Wir haben viermal so viele Abonnenten wie im vergangenen April“, schwärmt Lieben-Seutter. Die Hamburger hätten „reihenweise Abos“ gekauft und die Kundenkartei um „Tausende neue Namen“ bereichert. Sein Fazit: „Die Leute haben Lust auf das Haus. Momentan ist es das heißeste Ding, das Hamburg zu bieten hat.“

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Lieben-Seutter ist außerdem davon überzeugt, dass die beiden Dirigenten Nagano (Philharmonisches Staatsorchester) und Thomas Hengelbrock (NDR Elbphilharmonie Orchester) die Hamburger dauerhaft für klassische Musik werden (zurück)gewinnen können, auch wenn sie nicht zu den Superstars der Branche gehören. Weil die „besten Orchester der Welt bei uns zu Gast sind“, so Lieben-Seutter, bekommen „die lokalen Orchester die Messlatte jede zweite Woche ins Haus geliefert. Daran werden sie mit der Zeit wachsen.“

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