Entzauberte Mythen: Gesellschaft ist schöner als Geschenke

kolumneEntzauberte Mythen: Gesellschaft ist schöner als Geschenke

Kolumne

Belohnungen für Mitarbeiter greifen oft zu kurz. Dabei wäre es so für Unternehmen so einfach, Menschen dauerhaft für ihre Arbeit zu motivieren.

Es ist aber auch kompliziert. Das Weihnachtsfest ist vor allem mit Erwartungen überfrachtet. Doch während die Erwachsenen Zeit mit der Familie verbringen wollen, geht es für die Kinder vor allem um Geschenke: Sie geben nur das Nötigste und nehmen nach Kräften. Ein Prinzip, das in ähnlicher Form auch vielen Anreizsystemen zugrunde liegt. Wer etwas geleistet hat, bekommt anschließend einen Bonus. Und je höher dieser ausfällt, desto besser. So weit zumindest die Theorie.

Ohne Zweifel wirken hohe Belohnungen intensiv auf jene Regionen des Gehirns, die Glücksempfinden und Motivation steuern. Jeder Bonus führt zu einem kurzen Kick. Allerdings muss die Belohnung auch ein bisschen überraschend kommen. Das Weihnachtsgeld schon Monate im Voraus einzuplanen, spornt deswegen nur selten zu höheren Leistungen an.

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Außerdem schwächt sich der Motivationseffekt von Boni schnell ab, Neuropsychologen sprechen vom „undermining effect“. Es scheint fast so, als würde eine regelmäßige Belohnung unseren inneren Antrieb untergraben. Am Anfang treibt ein Bonus in der Tat noch an, doch nach einiger Zeit gewöhnt sich unser Belohnungssystem daran. Fällt der Bonus weg, ist auch der innere Antrieb ruiniert – und umgekehrt muss man den Bonus immer mehr erhöhen, um dessen Wirkung konstant zu halten.

Zur Person

  • Henning Beck

    Henning Beck ist Neurobiologe. Er klärt als Autor über die größten Mythen der Hirnforschung auf und ist außerdem Deutscher Meister im Wissenschaftswettbewerb Science Slam.

Kein Wunder, dass sich unser Gehirn so schnell an Belohnungen gewöhnt. Und das ist auch der Grund dafür, weshalb man sich selbst bei hohen Boni häufig unterbezahlt fühlt.

Es gibt jedoch eine Motivationsform, die sich nicht so leicht abnutzt. Diese können Sie an Weihnachten ebenfalls beobachten: soziale Kontakte. Eine angenehme Gesellschaft aktiviert das Gehirn weitaus vielfältiger als ein schnödes Geschenk. Denn ein geselliges Beisammensein ist immer wieder überraschend und nicht vorhersehbar. Eine Situation, die das Gehirn erst mal gern hat – zumindest, solange es harmonisch bleibt. Außerdem treibt uns die Gruppe an, was ebenfalls beim Geschenketausch deutlich wird: Wer ein Geschenk gibt, übt damit gleichzeitig ein bisschen Druck auf sein Gegenüber aus, sich gefälligst zu revanchieren. Auch wenn ein ständiges Geschenketauschen finanziell ein Nullsummenspiel bleiben mag, stärkt es den Zusammenhalt der Gruppe.

Warum deswegen nicht dieses Motivationssystem nutzen und Anreize umdrehen? Wer eine gute Leistung erbracht hat, könnte die Belohnung nicht persönlich erhalten, sondern die Kollegen bekommen sie. In der Schweiz machte man sich dieses Prinzip vor fünf Jahren zunutze, als man die Bürger zum Energiesparen animieren wollte.

Anstatt ein langweiliges Punktesammelsystem für gesparte Kilowattstunden zu installieren, bekamen die Kunden Bonuspunkte, wenn die Nachbarn fleißig sparten. Da man ständig sah, wie sehr sich die anderen beim Energiesparen bemühten, führte das zu einer positiven Form von Gruppendruck: Man bestärkte sich quasi gegenseitig in seiner Leistung – ohne autoritäre Überwachung von oben. Der Nachbar ist oft schon Kontrolle genug.

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