Entzauberte Mythen: Langeweile ist besser als ihr Ruf

kolumneEntzauberte Mythen: Langeweile ist besser als ihr Ruf

Kolumne

Müßiggang und Langeweile haben einen schlechten Ruf – völlig zu Unrecht. Nichtstun ist nämlich auch Arbeit. Und gut für die Kreativität.

Der Sommer ist da, die Ferien beginnen. Endlich Zeit, in den Urlaub zu fahren. Doch aufgepasst: Nichts ist für das Gehirn quälender als Nichtstun – Langeweile empfindet es als schmerzhaften Zustand. Deshalb hat der Müßiggang einen ziemlich schlechten Ruf. In der Ferienzeit darf man vielleicht ein paar Tage faulenzen. Aber bitte nicht, wenn es zurück an die Arbeit geht. Wer zugibt, sich während seines Jobs zu langweilen, gilt bestenfalls als unproduktiv und unausgelastet, schlimmstenfalls als verzichtbar.

Mit allerlei Tricks wird deswegen daran gearbeitet, den Menschen Müßiggang und Nichtstun auszutreiben.

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Seminare wollen uns beibringen, wie man „erfolgreich motiviert zum Erfolg“ findet, wie man „Ziele fokussieren und erreichen“ kann. Workshops zum Thema Langeweile sucht man vergebens. Schade eigentlich. „In fünf Schritten zum erfolgreichen Langweiler“ oder „Gelangweilt Ziele setzen und dorthin bummeln“, das wäre doch mal was anderes. Und ganz so falsch läge man damit nicht. Denn das Nichtstun hat durchaus seine guten Seiten.

Muße statt Langeweile

Zugegeben, Langeweile ist vielleicht ein etwas irreführender Begriff. Denn in der Tat sind öde Momente keine schöne Erfahrung. Langeweile kommt von außen, sie zwingt uns zur Untätigkeit. Ein Zustand, der auf Dauer in einen beruflichen Bore-out münden kann. Anders sieht es jedoch aus, wenn man einen Moment des Nichts- oder Wenigtuns selbst wählt. Ganz modern, auch unter Erwachsenen, ist es zum Beispiel, Malbücher vollzukritzeln. Klingt skurril, kann aber durchaus helfen – selbst wenn die ausgemalten Bücher später niemand mehr anschaut.

Zur Person

  • Henning Beck

    Henning Beck ist Neurobiologe. Er klärt als Autor über die größten Mythen der Hirnforschung auf und ist außerdem Deutscher Meister im Wissenschaftswettbewerb Science Slam.

Denn ein Moment freiwilliger, monotoner Entspannung hilft uns dabei, die Gedanken sprichwörtlich laufen zu lassen. Alternativ kann man natürlich auch Sport machen oder musizieren.

In unserem Gehirn dafür verantwortlich ist das default mode network. Das Grundeinstellungsnetzwerk, das immer dann anspringt, wenn wir uns nicht bewusst auf eine Aufgabe konzentrieren. Es sorgt dafür, dass wir gedanklich auf Wanderschaft gehen, andere Perspektiven einnehmen und neue Ideen kombinieren. Denn unsere ganze kreative Kraft entfalten wir nicht unter Druck, sondern wenn wir dem Arbeitsstress widerstehen und uns stattdessen zurücklehnen.

Tipps zum richtigen Entspannen

  • Mach mal Pause

    Damit sich der Stress des Arbeitstags nicht aufstaut, sollten öfter kleine Pausen eingelegt werden. Ärzte empfehlen etwa jede Stunde eine kleine Unterbrechung von wenigen Minuten. Eine lange Pause ist nicht so effektiv wie viele Minipausen. Voraussetzung: Die Selbstbestimmtheit. Die Unterbrechungen müssen selbst gewählt sein, erzwungene Pausen vergrößern Ärger und Stress nur noch.

  • Einen Gegenpol schaffen

    Sowohl die Pause als auch die Feierabend-Aktivitäten sollten sich möglichst vom Arbeitsalltag unterscheiden. Es muss nicht immer das süße Nichtstun sein - auch ein Spaziergang, ein Telefonat mit Freunden oder ein Kaffeeklatsch wirken sich positiv aus. Wer viel sitzt, dem tut Bewegung gut. Wer arbeitstechnisch viel unterwegs ist, dem tut es gut, es mal ruhiger angehen zu lassen.

  • Entspannen und Trainieren

    Gerade, wer viel im Büro sitzt, belastet seine Wirbelsäule stark, schmerzhafte Verspannungen sind die Folge. Das schlägt auch auf die Psyche. Viele kleine Entspannungs- und Dehnungsübungen helfen da weiter. Tipps für mehr Fitness im Büro finden Sie >> hier.

  • Durchatmen

    Den Arbeitsstress einfach wegatmen - das geht. Wer angespannt ist, verändert auch seine Atmung, sie wird schneller und flacher. Eine Atemübung ist zum Beispiel, beim Einatmen durch die Nase langsam bis fünf zu zählen, beim Ausatmen durch den Mund ebenso. Solche Rituale können auch den Übergang in den Feierabend erleichtern.

  • Aufgaben abschließen - oder To-Do-Listen erstellen

    Im Idealfall sollten alle Aufgaben abgeschlossen sein, bevor man in den Feierabend oder Urlaub geht. Sonst löst allein der Gedanke an die noch bevorstehende Arbeit wieder Stress aus. Leider ist das nicht immer möglich. Wer kann, sollte Liegengebliebenes an einen Stellvertreter delegieren. Wo auch das nicht möglich ist, kann eine To-Do-Liste weiterhelfen. Sie nimmt die Angst, etwas zu vergessen und verhindert, dass man im Kopf immer wieder die anstehenden Aufgaben durchgeht. Diese Liste sollte man nach dem Aufschreiben verbannen, bis man wieder im Büro ist.

  • Nur tun, wozu man Lust hat

    Es ist Feierabend - tun Sie nur das, wozu sie auch Lust haben. Lassen Sie sich nicht von Verpflichtungen und Terminen beherrschen, seien sie spontan. Diese selbstbestimmten Freiräume helfen dabei, sich zu entspannen. Wer in seiner Freizeit ehrenamtlich arbeiten möchte, darf das natürlich auch tun, solange die Arbeit Freude bereitet.

In Kreativitätsexperimenten sind Teilnehmer deswegen besonders originell, wenn sie immer wieder Pausen einlegen, in denen sie entspannen und tagträumen. Wer jedoch permanent und konzentriert auf Hochtouren läuft, verliert den Blick fürs große Ganze.

Effektives Nichtstun – genau das ist das Wesen der Mußestunde, die in der Antike noch vergöttert wurde. Heute jedoch wird sie viel zu oft vom kräftezehrenden Berufsalltag verdrängt. Müßiggang mag am Anfang aller Laster stehen. Doch genauso beginnt auch jede ungewöhnliche Idee mit produktiver Langeweile. In diesem Sinne entfaltet ein sommerliches Dolce Vita seine ganze Kraft – wenn man nach dem Urlaub mit frischen Ideen wieder durchstartet.

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